Freilichtmuseum in Modrá: Leben im Großmährischen Reich

23-10-2004

Sprechen wir von Großmähren, haben wir ein Reich im Sinn, das sich im 9. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Mährens und der Slowakei erstreckte. Es handelte sich um die erste größere slawische Reichsgründung. Archäologische Funde beweisen einen großen Reichtum und eine außerordentliche Kulturentwicklung. Die altslawische Sprache, die für Großmähren geschaffen wurde, wurde zur dritten liturgischen Sprache nach Latein und Griechisch. Auf dem Machtgebiet Großmährens entstanden umfangreiche befestigte Siedlungen, in denen Handwerke und Handel gepflegt wurden. Wie diese städtischen Siedlungen aussahen, kann man sich heute nur noch schwer vorstellen. Ein Bild kann man sich aber doch machen, und zwar wenn man das Freilichtmuseum in Modrá besucht. Mehr erfahren Sie von Markéta Kachlíková und Thomas Kirschner in der Sendereihe "Reiseland Tschechien".

Um das alltägliche Leben in Großmähren vor mehr als 1000 Jahren kennen zu lernen, kann man dessen damaliges Zentrum besuchen, nämlich die Umgebung von Uherské Hradiste in Südmähren. In der Gemeinde Modrá, in der Nähe des altertümlichen Ortes Velehrad, wurde im letzten Sommer ein Archäologisches Freilichtmuseum eröffnet. Einer der Initiatoren ist der Archäologe vom Mährischen Landesmuseum in Brünn, Ludek Galuska. Er hat uns bei unserer Besichtigung der neu entstandenen großmährischen Siedlung persönlich begleitet:

"Dieser Ort, der südlich vom Nationalkulturdenkmal der St. Johann Kirche in Modrá bei Velehrad, d.h. einer Kirche aus der Zeit des Großmährischen Reiches, liegt, ist für den Archäologen höchst interessant. Es handelt sich um den südlichen Hang, und wir haben nie gewusst, warum keine Siedlung in der Nähe der Kirche bekannt war. Dabei war dieser Hang für eine Siedlung ideal. Es war also offensichtlich, dass eine archäologische Untersuchung dem Aufbau eines Freilichtmuseums vorangehen muss. Wir haben damit etwa im Jahr 2000 begonnen. Die Untersuchung zeigte, dass die Geschichte wirklich diesen Ort berührt hatte."

Die erste Besiedlung dieses Ortes war keltisch. Es lebten dort die überhaupt ersten Kelten in Mähren, und zwar im 5. Jahrhundert vor Christus. Dann folgte es die Besiedlung durch Germanen im 2. und 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, und später die großmährische, die für Herrn Galuska die interessanteste ist:

"Wir haben eine Siedlung entdeckt, die mit dem Nationalkulturdenkmal, d.h. mit der frühmittelalterlichen Kirche zusammenhängt, also eine großmährische Siedlung aus dem 9. Jahrhundert. Diese Siedlung ist nach dem Fall Großmährens nicht niedergegangen, sondern die Leute blieben hier (im Unterschied zu anderen Orten) und wohnten hier im 10., 11. und 12. Jahrhundert. Sie erlebten die Ankunft der Zisterzienser aus dem Kloster Plasy, die dann etwa 500 Meter von hier das Kloster Velehrad gegründet haben."

Das Freilichtmuseum steht also tatsächlich auf einem archäologischen Grundstück, das in der Vorzeit bereits besiedelt war.

"Anfang des 20. Jahrhunderts lagen an diesem Ort Felder. Als hier im Jahre 1911 eine Forschung der Basilika von Velehrad durchgeführt wurde, bemerkte der Kirchenhistoriker Jan Neveril auf diesen Feldern Überreste von Mörtel und Baumaterial. Er entdeckte Fundamente einer kleinen Kirche, erforschte jedoch nicht deren Umgebung. Es wurde konstatiert, dass es sich um eine Kirche aus der frühchristlichen Zeit handelt. Diese Entdeckung wurde später gewissermaßen vergessen."

Erst in den 50er Jahren entdeckte der bekannte Archäologe Vilém Hrubý eine Begräbnisstätte, bei der sich die Fundamente eindeutig auf den Beginn des 9. Jahrhunderts datieren ließen. Es zeigte sich, dass es sich um eine der ältesten Kirchen und auch eine der ältesten Spuren des Christentums unter den Slawen nördlich der mittleren Donau, d.h. auf dem Gebiet Böhmens, Mährens und der Slowakei handelt.

"Die Häuser im Archäo-Freilichtmuseum sind in keinem Fall unsere eigene Erfindung. Wir haben nachweisbare Entdeckungen aus Staré Mesto, Uherské Hradiste und anderen Orten genutzt, die sich gut interpretieren ließen: z. B. eine Schmiedewerkstatt, ein Wohnhaus eines Handwerkers und ähnliches. Jedes Gebäude hat also seine archäologische Vorlage."

Auf Grund von archäologischen Funden aus mehreren Orten Mährens wurde also eine ideale großmährische Siedlung in Modrá aufgebaut. Diese besteht aus mehr als 20 Gebäuden, die in vier thematische Bereiche geteilt werden - die Macht, das Handwerk, Wohnen und Wirtschaften sowie die Kirche.

"Das Freilichtmuseum teilt sich in mehrere Funktionsbereiche. Direkt vor uns befindet sich der sog. Wohn- und Wirtschaftsbereich. Die Wohnhäuser sind erstens Erdhütten, d.h. versenkte Bauten, und zweitens oberirdische Bauten, die meistens als Holzwerke gebaut wurden. Vor uns stehen zwei Erdhütten, ein Stück weiter eine Wohnhütte, in der man auch Spinnrocken aus Stein produzierte. Hinten ist ein Speisekammer, ein Heuspeicher, wo man gelegentlich auch übernachten konnte."

Wir verlassen den Siedlungs- und Wirtschaftsteil und gehen zu dem Bereich, der das Thema "Macht" repräsentiert.

"Im ersten Teil haben wir dokumentiert, wie einfache Leute in offenen Dörfern oder auf einer Burgstätte gelebt haben. Nun nähern wir uns dem Bereich der Mächtige, der zeigt, wie die großmährische Nobilität, also die Fürsten und wohl auch der Herrscher gelebt hatten."

Eine Dominante in diesem Teil ist ein Palastbau aus Stein. Sein Dach wird durch eine getreue Nachahmung der ursprünglichen keramischen Dachdeckung geschützt:

"Das Gebäude kann wohl viel zu modern scheinen. Es wurde aber wirklich auf Grund von archäologischen Funden in Stare Mesto gebaut. Man erforschte dort in den 80er Jahren Überreste eines profanen Gebäudes aus Stein. Das Gebäude war mindestens 10 Meter breit und 18 Meter lang. Dieses ist also eine freie Rekonstruktion eines Magnatenwohnpalastes. Es muss allerdings gesagt werden, dass etwas ähnliches nirgendwo anders entdeckt wurde."

Das Handwerker-Areal bilden verschiedene Werkstätten: die eines Metallarbeiters, eines Schmieds, eines Juweliers, eines Töpfers und weitere. Und dann bleibt uns nur noch ein Gebiet der Siedlung - das kirchliche: Wir beenden unsere Besichtigung auf einer Anhöhe nördlich der Siedlung. Dort steht eine neuzeitige Replik der großmährischen St.-Johann-Kirche, die neben den entdeckten Fundamenten des Gotteshauses gebaut wurde.

23-10-2004