Orte der Samtenen Revolution: Nationalstraße

11-11-2019

Vor 30 Jahren verabschiedete sich die Tschechoslowakei vom Sozialismus. Deshalb wollen wir Ihnen in einer kleinen Serie die wichtigsten Orte der Samtenen Revolution vorstellen. Dort haben sich Radio Prag International mit wichtigen Persönlichkeiten jener Zeit getroffen. Den Anfang macht die Národní třída, also die Nationalstraße in Prag. Am 17. November 1989 schlugen dort Sicherheitskräfte eine Studentendemonstration nieder. Das war der Startschuss für die Wende.

Samtene Revolution (Foto: Archiv von Jiří Venclík, Institut für das Studium totalitärer Regime)Samtene Revolution (Foto: Archiv von Jiří Venclík, Institut für das Studium totalitärer Regime)

Monika Pajerová vor der Gedenktafel, die auf der Nationalstraße an die Ereignisse am 17. November 1989 erinnert (Foto: Eva Turečková)Monika Pajerová vor der Gedenktafel, die auf der Nationalstraße an die Ereignisse am 17. November 1989 erinnert (Foto: Eva Turečková) Am 17. November 1989 gedenken die Studenten der Prager Hochschulen der Schließung tschechischer Universitäten durch die Nazis im Jahr 1939. Damals waren neun Studentenführer unverzüglich hingerichtet und über 1200 weitere Hochschüler in Konzentrationslager verschleppt worden. 50 Jahre später treffen sich mehrere Tausend Menschen vor den Unigebäuden in der Straße Albertov zu einem organisierten Gedenkakt. Ein Teil der Demonstranten, Schätzungen zufolge sind es rund 5000, zieht danach weiter zum zentralen Wenzelsplatz. Dabei machen die Protestierenden ihrem Unmut Luft über die aktuelle Lage im Land. In der Nationalstraße werden sie jedoch von Sicherheitskräften erwartet. Monika Pajerová war eine der Organisatorinnen des Protestes:

„Die meisten von uns wollten auf den Wenzelsplatz, deshalb sind wir nach rechts in die Nationalstraße abgebogen. Wir wussten ja nicht, dass das eine Falle war. Mehrere Stunden saßen und standen wir da und haben darum gebeten, weitergehen zu können. Es war schon dunkel und furchtbar kalt. Ich habe meine Kollegen aus den Augen verloren, und es herrschte Chaos. Mehrere Tausend waren in dieser Straße eingezwängt. Alle hatten Angst. Gegen neun Uhr war uns dann klar, dass wir da nicht mehr so einfach rauskommen. Wir wussten alle, was auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking geschehen war. Dort haben Panzer die Studenten auseinandergetrieben. Wir wussten nicht, ob die Einsatzkräfte von Polizei und Armee mit ihren Transportern und Hunden nicht das Feuer eröffnen. Das war bis zuletzt nicht klar.“

Fakultät für Journalismus der Karlsuniversität (Foto: Archiv von Jiří Venclík, Institut für das Studium totalitärer Regime)Fakultät für Journalismus der Karlsuniversität (Foto: Archiv von Jiří Venclík, Institut für das Studium totalitärer Regime) Dabei schien sich das Regime in den Wochen vorher zu öffnen, immerhin war die Demonstration genehmigt gewesen.

„Ich habe bei meinen Kommilitonen aktiv Überzeugungsarbeit geleistet. Nicht nur an der Philosophischen Fakultät, sondern auch an den Fakultäten für Journalismus, Film, Theater und Architektur. Ich wollte die Leute überreden, dass sie am 17. November kommen. Ich habe ihnen garantiert, dass sie nicht verprügelt oder eingesperrt würden. Niemand hätte sie verhören sollen, denn die Demonstration war ja genehmigt.“

Enttäuschte Hoffnungen

Deshalb war auch Monika Pajerová entsetzt über das harte Eingreifen von Polizei und sogenannten Volksmilizionären. Eine Sache hat die spätere Hochschulprofessorin besonders schockiert:

17. November auf der Nationalstraße (Foto: Paměť národa)17. November auf der Nationalstraße (Foto: Paměť národa) „Ich habe dann den Einsatzleiter gesucht. Marek Benda von der Underground-Studentenbewegung und ich vom Studenteninformationsdienst hatten ja gemeinsam alle nötigen Stempel für die Genehmigung gesammelt. Wir haben auch gemeinsam die Flugblätter für den Protest verteilt. Ich habe aber mit keinem von den Verantwortlichen für den Einsatz sprechen können, ihre Gesichter waren wie versteinert. Die Soldaten und Polizisten waren ja alle so alt wie wir, aber wir sind einfach nicht zu ihnen durchgekommen.“

Doch rückblickend ist Monika Pajerová froh, hinter dem Protest gestanden zu haben. Denn gerade die Ereignisse vom 17. November waren der Stein, der die Revolution zum Rollen brachte:

„Die verprügelten Studenten sind dann heimgefahren und haben ihren Eltern und Großeltern erzählt, was am 17. November in Prag passiert ist. Die Assoziationen waren dann einfach da – es war ein schwarzer Tag wie im Jahr 1939. Man hat unsere Kinder verprügelt, haben viele gedacht.“

Václav Benda (Foto: Enzyklopädie von Prag 2, Archiv des Verwaltungs- und Gemeindebezirks von Prag 2)Václav Benda (Foto: Enzyklopädie von Prag 2, Archiv des Verwaltungs- und Gemeindebezirks von Prag 2) Denn gerade die Brutalität der Sicherheitskräfte brachte später auch andere Teile der Bevölkerung auf die Straße. Wichtig war zudem das Gerücht um den Tod des Studenten Martin Šmíd. Die Pförtnerin eines Studentenwohnheimes behauptete, dass Smid von der Polizei totgeprügelt worden sei. Später verbreitete beispielsweise Radio Free Europe diese Nachricht.

Dissidenten im Hintergrund

Doch welche Rolle spielten eigentlich die damaligen Dissidenten rund um Václav Havel bei der Vorbereitung der Studentenproteste? Eine Unterstützung sei in gewisser Weise da gewesen, erläutert Pajerová. Vor allem der Charta-77-Unterzeichner Václav Benda habe ihnen unter die Arme gegriffen:

„Václav Benda hat uns mit den Texten und Flugblättern geholfen. Von ihm kam auch die Idee einer Blume als Symbol für die Gewaltlosigkeit. Das hat Eindruck auf mich gemacht. Zur Vorbereitung hatten wir einige Treffen in der Wohnung von Václav Benda. Die wurde aber sicher abgehört, das haben wir damals unterschätzt.“

Offen wollten die Dissidenten jedoch nicht Partei ergreifen für die Studenten, gibt Pajerová zu. Vor allem, weil viele der Hochschüler relativ linientreu gewesen seien. Eine Demonstration mit Havel an der Spitze hätte wohl nie so viele Menschen mobilisieren können:

Diskussion im Theater Činoherní klub mit Alexander Dubček und Václav Havel (Foto: Miloň Novotný)Diskussion im Theater Činoherní klub mit Alexander Dubček und Václav Havel (Foto: Miloň Novotný) „Bei den direkten Vorbereitungen für den 17. November haben sie uns nicht geholfen. Václav Havel und Jiří Dienstbier haben mir das so erklärt, dass auch diese Demonstration wie alle vorher geendet hätte, hätten sie uns offen ihre Unterstützung ausgesprochen. Es hätten sich also paar Hundert Menschen getroffen, die sich eh schon kannten. Die Stasi hätte sie dann alle mitgenommen, und den Protestmarsch durch die Stadt hätte es gar nicht gegeben. Denn gerade bei diesem sind Menschen mitgegangen, die vorher nichts von irgendwelchen Studentenprotesten gewusst hatten.“

Aber auch für die Dissidenten sei der Studentenprotest jener Funke gewesen, der später die Revolution entfachte, so Pajerová. Und das zum Glück, meint die Aktivistin. Alleine hätte die Jugend das System nämlich nicht zu Fall gebracht.

Zwei Tage nach den Ereignissen auf der Nationalstraße formiert sich im Theater Činoherní klub das Bürgerforum rund um Václav Havel. Entscheidend werden aber erst die Diskussionen in der Laterna Magika einige Tage später. Dort formulierte die Opposition ihre Standpunkte gegenüber den Machthabern. Deshalb nehmen wir Sie in der nächsten Folge mit in die Laterna Magika.

11-11-2019