„Die Stimmung wird aggressiver“- Vladimír Sáňka über das Leben als Moslem in Tschechien

03-02-2016

Geschätzte 10.000 Muslime leben in Tschechien, das sind knapp 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung. Eine überschaubare, weitgehend integrierte Gemeinde. Das hat sich auch im Zuge der Migrationswellen nicht geändert, Tschechien ist weder Ziel- noch Transitland für Flüchtlinge, die tschechische Regierung eine der striktesten Gegner von Flüchtlingsquoten. In letzter Zeit aber wird die Stimmung gegen Muslime in Tschechien spürbar aggressiver. Woher kommt die anti-islamische Stimmung in der Gesellschaft und auch bei den politischen Eliten – in einem Land, in dem es weder eine nennenswerte muslimische Minderheit gibt noch Flüchtlinge? Dazu ein Gespräch mit Vladimír Sáňka aus dem Vorstand der Muslimischen Gemeinde in Prag. Sáňka ist Tscheche, als Atheist aufgewachsen und vor über 20 Jahren zum Islam konvertiert.

Vladimír Sáňka (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag)Vladimír Sáňka (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag) Herr Sáňka, wie fühlen Sie sich gegenwärtig als Muslim in Tschechien?

„In letzter Zeit hat sich die Lage stark zu verändern begonnen. Davor hat unsere kleine Gemeinde hier ziemlich in Frieden gelebt, die meisten Tschechen wussten gar nichts von uns, sie haben uns gar nicht registriert. Es leben ja nur schätzungsweise 10.000 Muslime in Tschechien. Seit etwa zwei Jahren gibt es aber immer mehr Attacken gegen uns – verbale, aber auch physische. Verschleierte Frauen werden angegriffen, angespuckt. Wir bekommen zunehmend anonyme Morddrohungen. Es gab im vergangenen Jahr drei Anschläge auf Moscheen in Brünn und Prag, in Teplice wurde ein arabischer Laden verwüstet. Das Internet ist voller falscher Informationen und dämonisierender Äußerungen über den Islam. Verschiedene xenophobe Gruppen schüren aktiv Angst vor dem Islam in der Gesellschaft. Und ein großer Teil der Gesellschaft teilt diese Ängste vor Muslimen und Flüchtlingen. Dabei haben die meisten Tschechen noch nie einen Flüchtling oder einen Muslim kennengelernt.“

Illustrationsfoto: Antonio Melina/Agência Brasil, CC BY 3.0 BRIllustrationsfoto: Antonio Melina/Agência Brasil, CC BY 3.0 BR Womit hängt die veränderte Stimmung zusammen?

„Das ist eine ziemlich schwierige Frage. Die Haltungen, die hier schon vorher latent vorhanden waren, setzen sich jetzt immer mehr durch. Menschen, die ohnehin fremdenfeindlich und radikal sind, haben jetzt die Muslime zu ihrem Thema gemacht. Unterstützt werden sie von Rechtsradikalen, denen es egal ist, ob sie gegen Roma, Juden oder Muslime hetzen. Auch einige Politiker haben das Thema Islam für sich entdeckt und schüren populistisch Ängste und versuchen daraus Kapital zu schlagen. Die Nachrichten über Extremismus und Gewalt in einigen muslimischen Ländern tragen dazu bei, dass die Menschen bei uns umso mehr auf diese Tendenzen hören.“

Der tschechische Präsident Miloš Zeman tritt neben Vertretern von islamfeindlichen Organisationen als Redner auf und sagt öffentlich, dass es keinen friedlichen Islam gebe....

„Präsident Zeman beeinflusst stark die Meinung.“

„Dadurch beeinflusst der Präsident stark die öffentliche Meinung. Wenn selbst das Staatsoberhaupt sich derart extrem äußert, dann werden solche Meinungen legalisiert, und die Menschen empfinden sie als etwas Normales. Die Gesellschaft radikalisiert sich dann noch mehr. Und das ist mit Sicherheit schlecht. Zumal der Präsident zu denjenigen zählt, die sich sehr unqualifiziert über Muslime äußern. Ich werfe ihm nicht vor, dass er nicht viel über den Islam weiß, aber dann sollte er nicht pauschalisieren und die Taten einiger weniger Extremisten auf alle Muslime übertragen. Die große Mehrheit der Muslime verurteilt diese Anschläge, und die Äußerungen des tschechischen Präsidenten sind daher fehl am Platz.“

Foto: Offizielle Facebook-Seite der Organisation „Wir wollen keinen Islam in Tschechien“Foto: Offizielle Facebook-Seite der Organisation „Wir wollen keinen Islam in Tschechien“ In Tschechien gibt es kaum Muslime, es gibt aber eine Organisation „Wir wollen keinen Islam in Tschechien“, eine Art tschechische Pegida. Wodurch ist diese Bewegung motiviert?

„Bei uns ist die Situation paradoxerweise noch stärker zugespitzt, weil die tschechische Gesellschaft kaum etwas über den Islam weiß. Und diese Unwissenheit bildet den Nährboden für Angst. Vor etwas, das sie nicht kennen, haben die Menschen potenziell eher Angst. Und das nutzen Organisationen wie ‚Wir wollen keinen Islam in der Tschechischen Republik‘ aus. Diese Plattform ist noch extremer als die deutsche Pegida.“

Foto: ČTKFoto: ČTK Sehen Sie einen Zusammenhang mit der gegenwärtigen Migrationsdebatte in Europa und mit der Haltung der tschechischen Regierung?

„Mit der Haltung der tschechischen Regierung würde ich das nicht in direkten Zusammenhang bringen. Eher mit der einzelner Politiker, die extrem gegen Flüchtlinge sind. Ein Fehler ist mit Sicherheit, dass viele Politiker Flüchtlinge generell als potenzielles Risiko darstellen und die Aufnahme von Flüchtlingen ablehnen. Das verstärkt die Aversionen der tschechischen Mehrheitsgesellschaft. Aber die Migrationswellen sind ein sehr kompliziertes, gesamteuropäisches Problem, und man muss da differenziert herangehen. Man hätte die Situation schon viel früher so lösen sollen, dass die Menschen gar nicht nach Europa flüchten müssen. Aber in dem Moment, wo Menschen aus Kriegsgebieten in Europa angekommen sind, sollten ihnen die europäischen Länder so gut es geht helfen und sie vorübergehend aufnehmen. Eine andere Sache sind Wirtschaftsflüchtlinge. Da sollte jedes Land selbst entscheiden, ob sie diese aufnimmt oder nicht.“

In Deutschland wird besonders nach den Ereignissen in Köln an Silvester viel diskutiert über das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft, über fehlende Integration, über Parallelgesellschaften. Wie würden Sie das Zusammenleben der tschechischen Gesellschaft und der Muslime hierzulande beschreiben?

„Die Muslime bilden in Tschechien keine Parallelgesellschaft.“

„Die muslimische Gemeinde in Tschechien unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht sehr von der in westeuropäischen Ländern. Zum einen ist sie klein. Und zum anderen wurde sie vor allem von ehemaligen Studenten gegründet, von Ärzten und Technikern, die in Tschechien studiert haben und dann hier geblieben sind. Sie arbeiten, sie sprechen tschechisch, sie sind integriert. Auf keinen Fall bilden sie eine Parallelgesellschaft. Da sehe ich auch für die Zukunft keine Probleme.“

Foto: Getideaka, FreeDigitalPhotos.netFoto: Getideaka, FreeDigitalPhotos.net Haben Sie Angst, dass die Stimmung gegen Muslime in Tschechien noch aggressiver wird?

„Ich fürchte, es wird so weiter gehen mit dieser zugespitzten, polarisierten Stimmung. Ich muss sagen, zum ersten Mal verspüren die Muslime in Tschechien Angst. Wir müssen einen Weg finden, damit umzugehen und unsere Standpunkte auch öffentlich zu erklären. Aber ich mache mir keine Illusionen: Wir haben hier kaum Einfluss, keinen Zugang zu den Medien und wenig Möglichkeiten, ein Gegengewicht zu bilden zu den negativen Kampagnen radikaler Islamgegner. Ich fürchte, der Hass wird bleiben. Wir können nur hoffen, dass er nicht noch stärker wird.“

Foto: Kalispera Dell, CC BY 3.0Foto: Kalispera Dell, CC BY 3.0 Glauben Sie, es wäre gut, wenn mehr Muslime in Tschechien leben würden? Könnte die tschechische Gesellschaft durch den direkten Kontakt leichter ihre Vorurteile loswerden?

„Wenn mehr Muslime hier leben würden, würden die Tschechen wahrscheinlich merken, dass Muslime ganz normale Menschen mit ganz normalen Sorgen sind, die zum großen Teil ähnlich leben wie die übrige Gesellschaft. Das sieht man auch am Beispiel Deutschland: Die Pegida hat größere Unterstützung in jenen Gegenden, in denen es weniger Muslime gibt – in Dresden, Ostdeutschland. Und da, wo die Menschen mehr Erfahrung mit Muslimen haben, eskaliert die Lage nicht so. Gegner gibt es natürlich überall, aber es ist ausgewogener. Hier hat leider das ganze Land keinerlei Erfahrungen mit Muslimen.“

03-02-2016