Rote Agenten im hohen Norden

26-01-2019

„Der Spion, der zu spät kam“ – so heißt ein neues Buch. Es geht um einen bisher wenig bekannten Bereich der Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und Norwegen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der norwegische Journalist, Schriftsteller und Übersetzer Terje Englund beschreibt die Aktivitäten des tschechoslowakischen Geheimdienstes in Norwegen von 1948 bis zum Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei im Jahre 1989. Der Verfasser hat sein Buch vor kurzem in der Václav-Havel-Bibliothek vorgestellt.

Terje Englund (Foto: Martina Schneibergová)Terje Englund (Foto: Martina Schneibergová) Das Interesse des tschechoslowakischen Geheimdienstes konzentrierte sich zu kommunistischen Zeiten vor allem auf Westdeutschland. Die Agenten waren aber auch in anderen Ländern aktiv. So gewann während des Kalten Kriegs unter anderem Norwegen an Bedeutung. Der Journalist und Schriftsteller Terje Englund lebt seit 1993 in Prag und befasst sich schon länger mit Mitteleuropa. Warum nun ein Buch über Spione?

„Das hängt teilweise damit zusammen, dass ich Ende der 1980er Jahre als Russisch-Dolmetscher für die norwegische Konterspionage gearbeitet habe. 2003 las ich einen Artikel des tschechischen Publizisten Karel Pacner, der den Fall des tschechoslowakischen Fernsehjournalisten Vladimír Veselý beschrieben hat. Dieser war Ende der 1950er Jahre wegen Spionage für die USA und ein weiteres Nato-Mitgliedsland zu Lebenslänglich verurteilt worden. Mich interessierte, um welchen Staat es sich gehandelt hatte. So erfuhr ich, dass einer der Diplomaten, die mit Veselý damals in Kontakt waren, Stenersen hieß. Das ist ein norwegischer Familienname. Anschließend habe ich in den Archiven geforscht und entdeckt, dass Stenersen ein in der Tschechoslowakei wirkender Mitarbeiter des norwegischen Nachrichtendienstes war. Das war der Beginn der ganzen Story.“

Foto: Verlag ProstorFoto: Verlag Prostor Ein Großteil des Buchs konzentriert sich auf das Geschehen in den 1950er und 1960er Jahren. Wofür haben sich die kommunistischen Spione in Norwegen am meisten interessiert?

„Vor allem für die Nato sowie die norwegische Konterspionage und ihre Arbeit. Zudem interessierten sie sich sehr für die tschechoslowakischen Emigranten, die in Norwegen lebten. Nach 1948, als die Kommunisten in der Tschechoslowakei an die Macht gekommen waren, sind etwa 500 Tschechen und Slowaken nach Norwegen geflüchtet. Und diese Exilanten befanden sich unter einer sehr starken Aufsicht der tschechoslowakischen Staatssicherheit.“

Exilanten im Fokus

Die Kommunisten versuchten nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern auch in Norwegen Menschen für die Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst anzuwerben. Einige dieser Versuche hat Terje Englund beschrieben.

„Sie hatten damals sehr viel Geld zur Verfügung. Jenen Menschen, die sie aussuchten, haben sie relativ große Summen für Informationen angeboten. Es gelang ihnen dann auch, ein paar Agenten anzuwerben. Allerdings kamen sie dabei jedoch nicht auf die Idee, dass es Mitarbeiter der norwegischen Konterspionage gewesen sein könnten. Es handelte sich also um Doppelagenten. Die kommunistischen Spione suchten aber auch unter den tschechoslowakischen Exilanten nach Mitarbeitern. Es gab beispielsweise Emigranten, die ihre kranke Mutter in der Tschechoslowakei besuchen wollten. Die Kommunisten versprachen ihnen dann ein Visum und die Möglichkeit, die Heimat zu besuchen. Die Bedingung war jedoch, dass sie mit dem kommunistischen Geheimdienst zusammenarbeiten sollten.“

Illustrationsfoto: Idea go, FreeDigitalPhotos.netIllustrationsfoto: Idea go, FreeDigitalPhotos.net Interessant ist, dass sich die tschechoslowakischen Spione bei der Suche nach Mitarbeitern nicht an die norwegischen Kommunisten gewandt haben. Terje Englund:

„Unmittelbar nach Kriegsende war die norwegische kommunistische Partei nicht völlig marginal. Aber mit Beginn des Kalten Krieges hatte die norwegische Konterspionage die kommunistischen Parteimitglieder unter Kontrolle. Dies haben die tschechoslowakischen Spione gewusst, darum haben sie bei der Anwerbung von Mitarbeitern um die Kommunisten einen Bogen gemacht.“

Das Buch konzentriert sich auf zwei Ebenen. Auf der einen geht es um die Aktivitäten des tschechoslowakischen Geheimdienstes, die Norwegen betrafen. Dazu gehören beispielsweise auch Versuche, norwegische Studenten und Geschäftsleute, die die Tschechoslowakei besuchten, für die kommunistische Spionage anzuwerben. Auf der zweiten Ebene erzählt Terje Englund die Lebensgeschichte eines konkreten tschechoslowakischen Agenten. Das Buch entstand aufgrund von gründlichen Recherchen.

František Matal (Foto: Archiv des Instituts für das Studium totalitärer Regime)František Matal (Foto: Archiv des Instituts für das Studium totalitärer Regime) „Ich hatte hier in Tschechien den Zugang zu vielen Dokumenten, die die sogenannte ,erste StB-Verwaltung‘, also den tschechoslowakischen Nachrichtendienst, betrafen. Zudem konnte ich in mehreren norwegischen Archiven recherchieren. Ich habe auch mit ehemaligen Offizieren des kommunistischen Geheimdienstes und mit Offizieren des norwegischen Nachrichtendienstes sprechen können. Geredet habe ich auch mit ehemaligen Agenten und ihren Opfern. Es gab also mehrere Quellen, die ich für mein Buch nutzen konnte.“

Gab es bei den Gesprächen und Recherchen auch absurde Erklärungen oder Standpunkte?

„Ich habe den ersten Residenten des kommunistischen Geheimdienstes StB in Norwegen, Herrn Matal, kontaktiert. Er hatte zuerst drei Jahre lang den Posten des tschechoslowakischen Kulturattachés in Norwegen inne. Anschließend war er vier Jahre lang Resident, also StB-Chef. Insgesamt verbrachte er sieben Jahre in Norwegen. Er hat mir mit ernster Miene gesagt, er empfinde Norwegen bis heute als seine zweite Heimat. Das halte ich für eine recht zynische Erklärung von einem Menschen, der Jahre lang daran gearbeitet hat, aus Norwegen einen totalitären Staat zu machen.“

Foto: Tschechisches FernsehenFoto: Tschechisches Fernsehen Den Schwerpunkt im Buch bilden die Aktivitäten der kommunistischen Spione bis 1968. Denn danach war der tschechoslowakische StB in Norwegen nicht mehr so aktiv wie zuvor. Terje Englund:

„Der Geheimdienst StB entschied sich damals, die Residentur zu schließen. Einerseits war sie klein, zudem war die norwegische Konterspionage allzu stark. Des Weiteren wussten die tschechoslowakischen Kommunisten davon, dass die ostdeutschen Geheimdienste vorhatten, sich bald in Norwegen niederzulassen. Der StB war nach 1969 in Norwegen verhältnismäßig wenig aktiv. Allerdings weiß ich aus meinen Informationen, dass der Militärnachrichtendienst des Generalstabs der tschechoslowakischen Armee in Skandinavien, vor allem in Schweden stark im Einsatz war.“

Infiltration von Dissidentenkreisen

Petr Blažek (Foto: Martina Schneibergová)Petr Blažek (Foto: Martina Schneibergová) In seinem Buch beschreibt Terje Englund auf einer Ebene die Aktivitäten des kommunistischen Geheimdienstes seit dem Kriegsende bis 1989. Auf der zweiten Ebene, die mehr belletristische Elemente enthält, befasst er sich mit dem Schicksal eines wirklichen Agenten. Dieser war als junger Mann freiwillig dem kommunistischen Geheimdienst beigetreten und bewegte sich als Agent unter anderem in den Dissidentenkreisen in Polen und der Tschechoslowakei. Der Verfasser:

„Als ich meine Forschungen in den tschechischen Archiven beendete, war ich nicht davon überzeugt, dass ich wirklich alles gefunden hatte, was Norwegen betraf. Ich kontaktierte den Historiker Petr Blažek, und er hat mir über diesen Herrn Dvořák erzählt, über den ich in meinem Buch schreibe. Ich habe die Akten dieses Agenten, der unter zwei Decknamen auftrat, gründlich studiert. Zudem habe ich mit mehreren Menschen aus den Dissidentenkreisen gesprochen, die er verraten hat. Die Bürgerrechtlerin Anna Šabatová hat mir gesagt, sie habe als Frau vermutlich doch ein bisschen gefühlt, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmte. Aber alle anderen haben ihm absolut vertraut und hielten ihn für einen opferbereiten Menschen. Es war dann eine sehr unangenehme Überraschung für sie, als sie später feststellten, dass sie es mit einem Agenten zu tun hatten. Ich habe mit dem Mann selbst auch gesprochen, vor einigen Jahren habe ich ihn in dem Dorf in Nordböhmen besucht, in dem er gelebt hat.“

Agent Michal (Foto: Tschechisches Fernsehen)Agent Michal (Foto: Tschechisches Fernsehen) Agent Michal, wie Dvořáks erster Deckname lautete, verbrachte Mitte 1980er Jahre ein halbes Jahr lang im Gefängnis. Seine Freunde aus den polnisch-tschechoslowakischen Dissidentenkreisen waren davon überzeugt, er sei wegen seiner tapferen Tätigkeit im Untergrund bestraft worden. Verurteilt wurde er damals aber wegen sexuellen Missbrauchs seiner Stiefsöhne. Nach seiner Freilassung meldete sich der Gewalttäter später wieder in den Dienst. Das war jedoch schon 1989, diesmal sollte er nach Norwegen gehen. Terje Englund:

„Er machte sich im Oktober 1989 auf den Weg, hielt sich jedoch zuerst in Polen auf. Als er weiter nach Norwegen reisen wollte, brach die Samtene Revolution aus. Ihm war klar, dass alles vorbei ist.“

Das Buch „Spion, der zu spät kam“ ist 2010 in Norwegen herausgekommen. Vor kurzem ist es auch in tschechischer Übersetzung erschienen.

26-01-2019