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Die Palach-Woche 1989
10 Jahre ist es her, dass der jetzige tschechische Präsident
Vaclav Havel wegen Provokation der Staatsmacht zu neun
Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Der Grund dafür war eine
Gedenkfeier anlässlich des 20. Todestag des Studenten Jan
Palach. Dieser hatte sich am 16. Januar 1969 aus Protest
gegen den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die
Tschechoslowakei selbst verbrannt. Zur Erinnerung an sein
Opfer riefen im Januar 1989 einige unabhängige
Bürgerinitiativen auf. Im heutigen Kapitel aus der
tschechischen Geschichte erinnern wir an die sogenannte
Palach-Woche vor 10 Jahren, die der geplanten Gedenkfeier
folgte.
Am 16. Januar 1969 zündete sich der 20jährige Student Jan
Palach vor dem Nationalmuseum auf dem Prager Wenzelsplatz
aus Protest gegen die gewaltsame Beendigung des Prager
Frühlings an. Drei Tage später, am 19. Januar 1969, erlag er
seinen Verletzungen. Sein Begräbnis war die letzte grosse
Demonstration in der Tschechoslowakei, bevor diese in eine
Zeit der Apathie versank, aus der sie rund 20 Jahre später
aufwachte. Ende der 80er Jahre begannen sich mehr und mehr
unzufriedene Menschen zu regen und ihren Protest gegen das
herrschende System zu artikulieren. Anlass dafür waren runde
Jahrestage, zunächst der 20. Jahrestag der Invasion der
Warschauerpaktstaaten im August 1988, dann der 70. Jahrestag
der Gründung der Tschechoslowakei im Oktober 1988 und
schliesslich der 20. Todestag von Jan Palach im Januar 1989.
Anfang Januar 1989 kündigten fünf unabhängige
Bürgerinitiativen, darunter die Charta 77, für den 15.
Januar einen Gedenkakt auf dem Prager Wenzelsplatz an. In
einem an diesem Tag veröffentlichten Dokument nannte die
Charta 77 die Gründe für diesen:
"Jan Palach starb, weil er so laut wie möglich rufen wollte.
Er wollte, dass wir uns bewusst werden, was mit uns
geschieht..... Das Opfer von Jan Palach ist nicht nur
Geschichte, sondern auch eine ständige lebendige
Aufforderung für uns alle, die wir uns bewusst sind, was wir
schuldig sind. Beginnen wir also heute, unsere Schuld
zurückzuzahlen. Verbeugen wir uns vor seinem Vermächtnis und
richten wir uns auf."
Doch das öffentliche Erinnern an Jan Palach war gar nicht so
einfach - dafür sorgte die Staatsmacht. Bereits seit den
frühen Morgenstunden des 15. Januars 1989 wurde der
Wenzelsplatz im Prager Zentrum von rund 2.000 Polizisten
abgeriegelt. Die Veranstalter des geplanten Pietätsaktes,
Mitglieder verschiedener inoffizieller Gruppen, wurden
bereits auf ihrem Weg zum Wenzelsplatz verhaftet. Doch trotz
des massiven Polizeiaufgebots gelang es einigen Hunderten
auf den Wenzelsplatz vorzudringen und Blumen an der Stelle
niederzulegen, an der sich Palach 20 Jahre zuvor verbrannt
hatte.
Die Staatsmacht reagierte mit aller Gewalt. Über 3.000
Polizisten gingen mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die
Demonstraten vor. Die kommunistische Parteizeitung Rude
Pravo komentierte den von der Regierung verbotenen
Pietätsakt am 15. Januar in ihrem gewohnten Stil:
"Auf dem Wenzelsplatz in Prag haben am Sonntag einige
staatsfeindliche Elemente versucht, eine bereits seit
längerem von diversen ausländischen Zentren und westlichen
Radiosendern vorbereitete Provokation in Zusammenarbeit mit
den Führern der sog. Charta 77 duchzuführen. Sie bemühten
sich, den Jahrestag des unsinnigen Selbstmordes des
Studenten Jan Palach zu einer antisozialistischen Stimmung
und zur Störung der öffentlichen Ruhe auszunutzen. Die
Angehörigen der Ordnungseinheiten der Nationalen Sicherheit
gingen entschieden gegen die Provokateure und ihre geplante
Aktion vor, die sie verhinderten. 21 der aktivsten
Ruhestörer wurden verhaftet."
Der harte Polizeieinsatz hatte jedoch unerwartete Folgen für
das Regime. Zum einen protestierten westliche Regierungen,
das Europaparlament und die gerade in Wien tagende
Konferenz für Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa,
KSZE, gegen das Vorgehen der Polizei. Zum anderen liessen
sich die Menschen im Lande von Wasserwerfern und Tränengas
nicht einschüchtern - im Gegenteil. Auch an den kommenden
Tagen kamen stets einige Hunderte, ja Tausende auf den
Wenzelsplatz, um ihren Missmut zu demonstrieren. Die Rude
Pravo kommentierte die Geschehnisse wie gewohnt:
"Am Dienstag versammelten sich wieder einige Gruppen von
Provokateuren, die versuchten, auf dem Wenzelsplatz die
öffentliche Ruhe zu stören. Die Ordnungseinheiten waren
erneut gezwungen, unerlässliche Vorkehrungen zur Erhaltung
der Ruhe durchzuführen."
Im Klartext hiess dieses, dass Wasserwerfer, Tränengas und
Knüppel gegen die friedlichen Demonstranten eingesetzt
wurden. Auch zufällige Passanten bekamen auf dem
Wenzelsplatz die Gewalt der Polizei zu spüren.
Das brutale Vorgehen der Polizisten veranlasste den
damaligen Prager Erzbischof, Kardinal Frantisek Tomasek, zu
einem ungewohnt scharfen Protestschreiben an die
tschechoslowakische Regierung:
"Mit Bedauern muss ich feststellen, dass das Vorgehen der
Polizei gegen friedliche Demonstranten in Prag am 17. Januar
und den folgenden Tagen das Vertrauen der Gläubigen und
grosser Teile der Bevölkerung sehr erschüttert hat. Die
harte Gewalt kann die berechtigte Sehnsucht der Bürger, in
Freiheit zu leben, nicht ersticken. Im Namen des Evangeliums
Christi, aus dem unsere nationale und europäische Kultur
hervorgegangen ist, fordere ich Sie auf: Beginnen Sie den
Weg des direkten Dialogs zwischen Staat und Kirche und allen
Bürgern - und das sofort!"
Während der Palach-Woche, zwischen dem 15. und 20. Januar
1989, kamen täglich bis zu zehntausend Menschen auf den
Prager Wenzelsplatz, um gegen die herrschenden Zustände zu
demonstrieren. Sowohl die Staatsmacht als auch die
Organisatoren des ursprünglich nur für einige Minuten
gedachten Pietätsaktes wurden von den Ereignissen und der
wachsenden Anzahl der Demonstranten überrascht. Ausländische
Medien konstatierten, das die Tschechoslowakei erstmals seit
1969 aus ihrer Resignation erwacht sei und die Opposition
nun über eine breite Massenbasis verfüge.
Die Ereignisse dieser Januarwoche zeigten ausserdem die
Unfähigkeit der Regierung, auf Proteste der Bürger zu
reagieren. Der Historiker Oldrich Tuma verweist zudem auf
die bedeutende Veränderung des innenpolitischen Klimas: Die
Palach-Woche habe entschieden zur weiteren Diskreditierung
des Regimes geführt und das Selbstbewusstsein der Opposition
und der Bürger überhaupt gestärkt. Einen fatalen Fehler habe
die Regierung laut Ansicht des Historikers Tuma mit der
Verhaftung Vaclav Havels begannen. Eine Welle der
Solidarität und des Protestes erfasste das gesamte Land und
damit erstmals seit 1969 auch viele Künstler und Bürger, die
bisher abseits der Oppositionskreise gestanden hatten.
"Wieder haben sie Vaclav Havel verhaftet. Diese Nachricht
quält mich besonders." Mit diesen Worten reagierte der
bekannte Us-Amerikanische Schriftsteller Arthur Miller auf
die Verhaftung Havels. Ähnlich reagierten zahlreiche
Menschen im Westen und Osten, die an die tschechoslowakische
Regierung Protestbriefe schickten. Trotz aller Proteste
begannen am 21. Februar 1989 die Prozesse gegen die sog.
Provokateure der Palach-Woche. In seiner Verteidigungsrede
beschrieb Vaclav Havel das Einmalige dieser Tage:
"Ich blieb über eine Stunde auf dem Wenzelsplatz - aus dem
Grunde, weil ich meinen Augen nicht traute. Es geschah
nämlich etwas, was mir selbst im Traum nicht einfallen
würde. Der völlig überflüssige Einsatz der Polizisten gegen
die, die in Ruhe und ohne jegliche Publizität Blumen
niederlegen wollten, formte aus zufällig Vorbeigehenden
plötzlich eine protestierende Menge. Plötzlich wurde mir
bewusst, wie tief die Unzufriedenheit der Bürger sein muss,
damit dies geschehen kann. Ich denke, die Lage ist nicht nur
ernster als die Staatsmacht annimmt, sondern auch noch
ernster, als ich selber dachte."
Vaclav Havel wurde damals der antistaatlichen Hetze und der
Behinderung der Dienstausübung eines staatlichen Vertreter
für schuldig befunden und zu neun Monaten Haft verurteilt.
Insgesamt waren während der Palach-Woche rund 800 Personen
verhaftet worden, 76 von ihnen wurden angeklagt und zum Teil
wegen Rowdytums bzw. Störung der öffentlichen Ruhe
verurteilt. Ihr Verbrechen bestand darin, dass sie am
Denkmal des Hl. Wenzels Blumen niederlegten, wodurch sie
eine Zusammenrottung mehrer Menschen hervorriefen - so einer
der offiziellen Urteilstexte.
Doch die Verhaftungen und Verurteilungen konnten die einmal
gestartete Lawine nicht mehr aufhalten. Immer mehr Menschen
in der Tschechoslowakei protestierten gegen das
offensichtliche Unrecht in Petitionen und Briefen an in- und
ausländische Medien und Regierungen. Rund zehn Monate nach
der "heissen Woche" im Januar versammelten sich im Prager
Zentrum erneut jeden Tag Tausende von Menschen, um ihren
Unmut mit dem herrschenden Regime zu demonstrieren. Diesmal
war die Zeit reif: Im November 1989 brachten die täglichen
Demonstrationen wirklich das Ende des sozialistischen
Regimes.
Laut Ansicht vieler Historiker und Bürger startete gerade
das Gedenken an Jan Palach vor 10 Jahren die politische
Entwicklung, die zum Ende des Sozialismus in der
Tschechoslowakei führte. Der von den Kommunisten als
sinnloser Selbstmord bezeichnete Tot Jan Palachs erfüllte
spätestens im Januar 1989 seinen Sinn: ein Grossteil des
Volkes wachte auf und begann sich gegen das Regime zu regen.
Auch bei den folgenden grossen Demonstrationen am 21. August
89 und 17.November 89 wurde der Name Jan Palachs von der
Menge skandiert.
Nach der Samtenen Revolution erinnerten im Januar 1990
erstmals offiziell Tausende an den Studenten. In seinem
Geburtsort Vsetaty kamen 5.000 Menschen zusammen. 1991
erhielt Jan Palach in Memoriam die höchste staatliche
Auszeichnung, den Masaryk-Orden. Doch das Gedenken an Jan
Palach und seine Tat nimmt mit den Jahren der Freiheit
langsam ab. Zu seinem 25. Todestag, 1994, versammelten sich
noch 1.000 Menschen in seinem Geburtsort, an seinem 50.
Geburtstag im vergangenen Jahr waren es nur noch ein paar
Dutzend.
Dieses Jahr fanden zwar anlässlich des 30. jahrestages von
Jan Palach zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt, doch die
Anzahl der Teilnehmer war nicht gerade gross. Nur einige
Dutzend kamen beispielsweise nach Vsetaty, dem Geburtsort
Palachs, um mit Präsident Havel das Andenken des Studenten
zu ehren. Es scheint, dass, je weiter die Zeit des
kommunistischen Regimes zurückliegt, die Anzahl derjenigen
abnimmt, die an die Tat Jan Palachs erinnern. Heutige
Schüler und Studenten wissen oftmals nicht mehr, wer Jan
Palach überhaupt war Und damit sind wir am Ende des heutigen
Geschichtskapitels.
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