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Jan Palach - Gedenken

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Interview mit dem sieben jahre älteren bruder von Jan Palach - Jiri

Herzlich willkommen bei einer neuen sendung von schauplatz. am mikrophon begrüsst sie Andrea Kopelentova. gleich vorweg. ich habe lange überlegt, welchem thema ich mich heute widmen werde. ursprünglich wollte ich ihnen eine kuriose talkshow-sendung des tschechischen privaten fernsehsenders Nova vorstellen, die dieser woche den aussenminister Jan Kavan zu gast hatte. oder das institut fur internationale beziehungen, das der öffentlichkeit am donnerstag seine jüngste publikation vorstellte, und zwar den kritischen bericht der eu-kommission in brussel zum vorbereitungsstand der eu-beitrittsländer - in unserem fall - der tschechischen republik. zwei themen, die interessant und aktuell zugleich sind. warum aber habe ich mich im letzten - wirklich allerletzten moment anders - und zwar noch einmal fur das thema Jan Palach entschieden?

Die antwort ist simpel. seit mehr als eine woche berichten wir von den gedenkveranstaltungen, die in prag und der ganzen republik anlasslich des 30. todestages des jungen tschechischen studenten Jan Palach verlaufen, der - wie sie bestimmt wissen - sich in protest der zerschlagung des prager frühlings durch den einmarsch der truppen der warschauer paktstaaten mit benzin ubergossen hatte und anzündete. Ort der tat war der wenzelsplatz - konkret das obere ende beim nationalmuseum. Ein platz, der für das tschechische volk schon immer symbolischen wert hatte, der nationalen identität diente. das nationalmuseum konnte durch die spenden aus der tschechischen bevolkerung gebaut werden - die reiterstatue des hl. wenzels - ist seit jeher der landespatron. heute finden wir weder am nationalmuseum noch am hl. wenzel - noch anderswo eine gedenktafel, die an Palachs opfer erinnert.


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Und es war zweifellos ein opfer, zu dem nur wenige menschen und nur selten in einer langen zeit bereit sind. Palach - student der philosophischen fakultat der karlsuniversität - opferte das höchste, was er hatte. sein leben, und dies war eines mit Zukunft, war er doch ein begabter student. Palach und einige freunde von ihm wollten nicht sterben, aber sie wollten das tschechoslowakische volk aus seiner lethargie aufrütteln, wollten, dass es für seine freiheit und souverenität protestiert und auf die strasse geht. sie forderten im Januar nach der okkupation pressefreiheit. sollte die regierung diese forderung nicht erfüllen, so kündigte Palach in seinem abschiedsbrief weitere "fackeln" - wie er die Verbrennung nannte - an. ER war nur der erste gewesen. Tatsächlich starben noch weitere Studenten, deren namen, ja anzahl heute kaum noch jemand kennt. Das schlimme, selbst der name Palach ist der jugend von heute nicht so geläufig, wie man glauben machen will. das hat das erschütternde ergebnis einer umfrage ergeben. und so fragen sich heute wie bereits damals viele, ob das opfer von Jan Palach sinn hatte. ist er ein nationalheld oder nur eine historische alibi-figur fur die tschechen, dass sie nicht, wie er es glaubte, ein kampfloses, mutloses, gleichgültiges volk sind?

Die mediale Berichterstattung der letzten tage, und unsere eingeschlossen, erweckt tatsächlich den eindruck, das jeder weiss, wer Palach war, und sich jeder mit dieser tat identifizieren kann, das opfer begriffen hat, ja dankbar ist dafür. politiker,künstler und andere intellektuelle sagen heute, dass Palachs opfer die ereignisse von 89 - also die sog. samtene revolution - erst möglich gemacht haben. denkt die mehrheit des einfachen volkes auch so? Nimmt sie Palach als einen volkshelden an? Stellt sich Jan Palach in die reihe der anderen tschechischen märtyrer gleichen namens? Jan Hus, Jan Amos Komensky, Jan Patocka, Jan Masaryk .....

ich möchte ihnen heute eine reportage der tageszeitung lidove noviny vorstellen, die in der wochenendbeilage der tageszeitung vergangenen samstag im rahmen der Palach-woche erschienen ist. es handelt sich um ein interview mit dem sieben jahre älteren bruder von Jan Palach - Jiri:

Jiri erinnert sich:

"als wir klein waren, musste ich auf meinen bruder aufpassen, aber der altersunterschied hat sich mit der zeit verloren. wissen sie - er hat viel gelesen, ständig lag er zwischen den büchern". Jiri gibt zu, dass er neben seinem geistig frühreifen bruder sogar minderwertigkeitskomplexe gehabt habe. Jan - so erinnert sich Jiri weiter - sei ein unverbesserlicher idealist gewesen. "Jenda behauptete, dass in jedem menschen etwas gutes stecke, wenigsten ein bischen.es sei nur nötig, das gute in ihm zu wecken"

Die grösste Enttäuschung seit jahren aber - so Jiri Palach weiter - habe er durch seine freunde und die mitmenschen aus Kamenicky Senov erlebt. Und das erst nach der politischen Wende, als kein totalitäres regime mehr das opfer von Palach in frage stellte und als die tat eines geistesgestörten herabzuwürdigen wagte.

"Lange konnte ich es nicht glauben, aber stellen Sie sich vor, sie waren neidisch! Es seit dem moment, als mein bruder 1991 in memoriam den masaryk-orden erhielt. Sie denken, dass wir deshalb viel geld bekommen haben und rechnen uns das an."

Zu dieser schockierenden Erkenntnis ist Jiri über den alkohol gekommen. "Die Frau" - fährt er in seiner Erzählung fort "die mir das ins gesicht schleuderte, war betrunken, und ich könnte mit der hand abwinken. aber man sagt , dass betrunkene und kinder die wahrheit reden. und so habe ich meinen freund gefragt, und der hat mir bestätigt, dass man in der ganzen stadt über uns als reiche leute spricht"

Seit dem haben sich die Palachs von den anderen isoliert. Sie gehen nicht mehr aus, leben nur für die familie und bleiben unter sich. das bedeutet - nur noch ein leben zu zweit, denn beide töchter von Jiri sind ausgezogen. die eine lebt in prag, die andere in holland. Jiri versteht das nicht. Während der ganzen vergangenen dreissig langen jahre war sein leben von der trauer um den jüngeren bruder geprägt.

"Das schlimmste war, was die kommunisten meiner tochter auf ihrer eigenen hochzeit angetan haben." fährt er fort und gräbt den kopf unter der wucht der bitteren erinnerungen in die hände. Alice - die schwester - wollte ihre hochzeit auf das datum des 20. todestages ihres bruders Jan legen und den hochzeitsstrauss an seinem grab niederlegen. Es waren nur noch wenige monate bis zu den novemberereignisse des jahres 89. Die hochzeit fand in prag statt. dann fuhren sie nach vsetaty. dort war die urne von Jan. der Friedhof aber war umzingelt von der staatssicherheitspolizei und der eingang zum friedhof verriegelt.

nichts half - man liess die braut nicht zum grab ihres bruders. unverrichterdinge kehrte sie um, nahm die blumen wieder mit.

ansonsten sei er und seine familie - so Jiri Palach - nicht allzu sehr von der stasi belästigt worden - nur das übliche: Beschattung-das Telefon wurde abgehört- die briefe kontrolliert. Es seien sogar welche von der geheimpolizei gekommen um sich zu erkundigen, ob er probleme auf arbeit hätte. wenn ja, würden sie das schon in ordnung bringen. Wahrscheinlich war der Grund der Besorgnis die angst vor der reaktion westlicher medien.

Jiri Palach spricht nur ungern über seine gefühle und erinnerungen - erst recht jetzt - nach der wende.

"Wir befanden uns auf einmal in einer art vakuum und bis heute weiss ich nicht, wie unsere mitmenschen reagiert haben, erinnert er sich an die erste zeit nach der politischen wende. "Ich erinnere mich einfach nicht, ständig nahm ich tabletten, ohne die hätte ich das nicht überstanden."

Seine Frau nickt zustimmend mit dem kopf.

Jiri hat viele illusionen verloren. "Mit dem Bruder waren wir zur Vaterlandsliebe erzogen worden. Aber um so älter ich werde, um so öfter frage ich mich, warum ich eigentlich ein Patriot bin." Könnte er noch einmal geboren werden, dann wäre er es gern anderswo. WEnn er aber die Nationalhymne höre, meint er abschließend, dann kämen ihm doch wieder die Tränen."



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