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Jan Palach - Gedenken

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Jan Palach

Das Jahr 1969

Zu Beginn des neuen Jahres wollen wir Sie in das Jahr 1969 einladen und daran erinnern, was vor 34 Jahren passierte, was die Gemüter der Tschechinnen und Tschechen bewegte und wie die Reformversuche des Prager Frühlings Schritt für Schritt wieder rückgängig gemacht wurden.

Das Jahr 1969 begann mit einer Veränderung der tschechoslowakischen Verfassung, die insbesondere den slowakischen Bevölkerungsteil erfreute: Zum 1. Januar 1969 trat das Gesetz über die Föderation der Tschechoslowakei in Kraft. Dies war einer der wenigen Beschlüsse des Jahres 68, die in die Tat umgesetzt und nicht gleich nach der gewaltsamen Beendigung des Prager Frühlings für nichtig erklärt worden waren. Damit entstanden die tschechische und die slowakische föderative Republik. Das Land verfügte nun über ein tschechisches, ein slowakisches und ein tschechoslowakisches Parlament sowie über drei Regierungen, eine tschechische, eine slowakische und eine föderative. Das bekannte Sprichwort "Co Cech, to muzikant" - jeder Tscheche ein Musikant, wurde vom Volksmund entsprechend umgewandelt in "Co Cech, to ministr" - Jeder Tscheche ein Minister.

Die Besetzung der neuen Regierungs- und Parlamentsposten verlief nicht ohne Probleme und heftige Diskussionen. Dabei zeigte sich, dass die Gruppe der Kommunisten, die im August des vorhergehenden Jahres ihre sozialistischen Brüder zu Hilfe gerufen hatten, an Einfluss und Macht gewann. Die Posten wurden entsprechend ihrer bzw. Moskaus Wünschen besetzt. Dies führte in der Bevölkerung zur Erkenntnis, dass die Tage des Prager Frühlings endgültig vorbei waren. Resignation machte sich breit.

In diese Athmosphäre der wachsenden Apathie und des Gefühls, dass nach der kurzen Zeit des Prager Frühlings nun wieder über die Köpfe der Bevölkerung hinweg entschieden wurde, platzte am 16. Januar die Nachricht von der Selbstverbrennung des Philosophie-Studenten Jan Palach.

Drei Tage später erlag Palach seinen Verletzungen. Mit seinem Opfer wollte der Student die Bevölkerung aus der beginnenden Lethargie und Gleichgültig reissen, sie daran erinnnern, wofür sie noch vor einigen Monaten eingetreten waren. Kurz vor seinem Tod konnte ein Mitstudent Palach im Krankenhaus besuchen. Dieser übermittelte die letzten Worte Palachs via Rundfunk der tschechischen Bevölkerung.

"Meine Tat hat ihren Sinn erfüllt. Aber niemand sollte sie wiederholen. Die Studenten sollten ihr Leben schonen, damit sie ihr ganzes Leben lang unsere Ziele erfüllen können, damit sie lebendig zum Kampfe beitragen."

Für einige Tage war es Palach gelungen, die Menschen aus ihrer Lethargie und Apathie zu reissen. 10.000 defilierten am seinem Sarg vorbei, der im Prager Karolinum aufgebarrt war. 10.000 füllten am Tage seiner Beerdigung die Prager Strassen - das Begräbnis wurde damit zu einer Massendemonstration gegen die sowjetischen Okkupanten. Palachs Tod stellte jedoch nur ein kurzes Memento dar und konnte die Veränderungen in der Tschechoslowakei nicht aufhalten. Als sich Ende Febraur 69 der Student Jan Zajic auf dem Wenzelsplatz aus Protest gegen die Okkupat verbrannte, rief sein Tod nicht mehr die Reaktion hervor wi noch einem Monat zuvor.

Ein weiteres Ereignis weckte Ende März die Tschechen und Slowaken aus ihrer zunehmenden Gleichgültigkeit: Die Eishockey-Weltmeisterschaft in Schweden. Als die Tschechoslowakei die Sowjetunion in der ersten Runde besiegte, wurde dies überall im Lande mit Genugtuung gefeiert. Als das tschechoslowakische Team über das sowjetische ein zweites Mal triumpfierte, kannte die Freude keine Grenze. Presseberichte verglichen die Stimmung in den Prager Strassen mit der südamerikanscher Karnevalsfeiern. Jeder, der konnte, verfolgte die Spiele gegen das Team der Okkupanten am Fernsehapparat, Theatervorstellungen sollen leer gewesen sein, selbst eine Premiere im Nationaltheater wäre fast dem Hockey-Wahn zum Opfer gefallen. Dass bei all diesen Feiern die Politik eine grosse Rolle spielte, bestritt niemand. So schrieb die Tageszeitung Prace: "Mit Tränen in den Augen sangen unsere Jungs die Nationalhymne und die Besiegten mussten zuhören."

Die Feiern nach den Siegen über die Sowjetunion wurden allerdings auch von den kommunistischen Hartlinern ausgesnutzt, die danach trachteten, die Ergebnisse des Prager Frühlings rückgängig zu machen und die Symbolfiguren dieser Bewegung in den Hintergrund zu drängen. Die von ihnen inszenierte Demolierung der Aeroflot-Niederlassung in Prag während der Siegesfeiern wurde zum Anlass für einen Besuch des sowjetischen Verteidigungsministers in Prag genommen. Dieser äusserte sich unzufrieden über den Stand der Dinge und verlangte eine schnellere "Normalisierung". Die ersten Schritte zur Zufriedenstellung des grossen Bruders liessen nicht lange auf sich warten.

Anfang April wurde eine vorläufige Zensur eingeführt. Kritische Zeitschriften und Zeitungen wurden in den folgenden Wochen verboten. Mitte April wurde Alexander Dubcek, d i e Symbolfigur des Prager Frühlings, als Generalsekretär der KPTSCH durch Gustav Husak abgelöst. Einige Monate bekleidete Dubcek daraufhin das Amt des Parlamentsvorsitzenden, im Dezember 69 wurde er als Botschafter in die Türkei geschickt, bevor er im Juni 1970 endgültig in Ungnade fiel und wie Tausende andere aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde.

Mit einigen Befürchtungen blickte die neue politische Riege auf den sich nähernden ersten Jahrestag der Invasion der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei. Wochenlang bereitete sich die neue Regierung sorgfältig auf die zu erwartenden Demonstrationen vor. Die tschechoslowakische Armee war ebenso wie die Volksmiliz und die Polizei in höchste Alarmbereichtschaft versetzt. Dennoch begannen sich die Prager bereits am 19. August 69 auf dem Wenzelsplatz zu versammeln. Am folgenden Tag waren Barrikaden in den Strassen zu sehen. Am 21. August demonstrierten dann bis zu 100.000 Menschen in Prag gegen die Invasion.

Gegen die Demonstranten wurden Panzer eingesetzt. Diesmal handelte es sich allerdings nicht um Panzer und Soldaten aus den sozialistischen Bruderstaaten, sondern um tschechoslowakische. 300 Panzer und rund 20.000 tschechische und slowakische Soldaten gingen in 30 Städten gegen ihre Mitbürger vor. Die Bilanz war tragisch: vier Tote und Dutzende von Verletzten.

Die Regierung reagierte prompt auf die Unruhen: In einer Sondersitzung wurden sofortige Massnahmen zur Festigung und zum Schutz der öffentlichen Ordnung beschlossen. Das Strafmass bei Vergehen wie Aufwiegelung bzw. Verunglimpfung der Republik oder ihrer Vertreter wurde kurzerhand erhöht. Eine weitere Massnahme ermöglichte es, "Störer der sozialistischen Ordnung" sofort aus ihrer Arbeit zu entlassen, bzw. ihnen das Weiterstudium oder den Aufenthalt in bestimmten Städten zu verbieten. Die Massnahmen traten bereits am 22. August 1969 in Kraft. Sie sorgten dafür, dass immer weniger Menschen sich trauten, in der Öffentlichkeit die politischen Verhältnisse zu kritisieren. Viele derer, die mit den Veränderungen unzufrieden waren, emigrierten.

Einen Schlusspunkt unter die Konsolidierung der Verhältnisse setzte das Zentralkomitee der KPTSCH im September. Auf seiner Sitzung erklärte es im Juli und August 1968 von ihm verabschiedete Beschlüsse für ungültig. Auch die Beschlüsse des sogenannten Vysocaner Parteitages, der umittelbar nach der Invasion abgehalten wurde, wurden für nichtig erklärt, so auch die Resolution, in der der Einmarsch der Truppen verurteilt wurde. Die Partei erlebte ihre erste Säuberungswelle: führende Vertreter des Prager Frühlings wurden ausgeschlossen. Bis zum Sommer des folgenden Jahres wurden 67.000 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, 147.000 traten selber aus, 259.000 wurden aus den Mitgliederverzeichnis gestrichen.

Im Eifer des Gefechtes vergassen die neuen Machthaber in Prag ihre Aufmerksamkeit auf die wirtschaftlichen Entwicklungen zu lenken. Auf dem Programm der Tagung des Zentralkomitees im Mai stand eigentlich die Lösung wirtschaftlicher Probleme, diese wurde allerdings kurzerhand verschoben, da die Diskussion über den Auschluss führender Vertreter des Prager Frühlings wichtiger schien.

Als Weihnachtsgeschenk für die Bevölkerung wurde am 23.Dezember 1969 verkündet, dass die Erhöhung der Lebensmittel- und Energiepreise verboten wird. Dies und die Ignorierung der wirtschafltichen Probleme hatte Ende 1969 eine enorme Energiekrise zur Folge.Aufgrund massiver Probleme in der Stromversorgung kam es zu weitreichenden Einschränkungen für Privathaushalte sowie des Verkehrs. Die Weihnachtsferien der Schulen wurden kurzerhand um zwei Wochen verlängert.



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