=DEUTSCH=
SPORTREPORT
Oktober 2, 1998
[
Mai 19
]
Ahoj und willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zum
Sportreport von Radio Prag.
Im Herbst erntet man in der Regel das, was man zuvor
ausgesät hat. Nicht anders ist es auch im Fussball, wo man nur
dann erfolgreich sein kann, wenn man sich in der Sommerpause
gut auf die neue Saison vorbereitet hat, vom Verletzungspech
möglichst verschont bleibt und - so es der Geldbeutel hergibt
- sich durch gezielte Einkäufe gut verstärkt hat. Unter diesen
Gesichtspunkten wollen wir diesmal das Abschneiden der
tschechischen Fu3ballteams in der ersten Runde des UEFA-Cups
der Saison 1998/99 betrachten und uns dabei noch etwas
ausführlicher mit der Situation hinter den Kulissen bei
Rekordmeister Sparta Prag befassen. Gute Unterhaltung wünscht
Ihnen in den kommenden Minuten Lothar Martin.
... das war der Jubelschrei der Slavia-Fans unmittelbar
nachdem der in Diensten des FC Schalke 04 spielende Holländer
van Hoogdalem mit seinem Schuss vom Elfmeterpunkt an Slavia-
Keeper Radek Cerny gescheitert war. Es war die Entscheidung im
Elfmeterschie3en zugunsten des Prager Traditionsklubs, der in
den vorangegangenen 120 Spielminuten durch einen Treffer von
Richard Dostálek die 0:1-Niederlage aus dem Gelsenkirchner
UEFA-Cup-Hinspiel wettgemacht und gegen die favorisierten
Schalker auch in der Verlängerung keinen Treffer zugelassen
hatte. Und so musste, wie es die Regel bei solch einer
Pattsituation vorsieht, das Elfmeterschie3en Auskunft darüber
geben, wer die 2. Runde erreicht und wer seine Koffer im
internationalen Geschäft für die laufende Saison bereits
wieder packen kann. Es erwischte den UEFA-Cup-Sieger von 1997,
der das Elfmeterduell durch den besagten Fehlschuss seines
niederländischen Abwehrspielers mit 4:5 verlor und damit
ausgerechnet in der "Goldenen Stadt" seine schwärzeste Stunde
im Fu3ball-Europapokal erlebte.
Schalke-Coach Huub Stevens zeigte sich auf der
Pressekonferenz nach dem Spiel sichtlich angefressen vom
Ausscheiden seiner "Knappen", meinte jedoch auch: "Ich habe
das schon gesagt, dass die bessere Mannschaft heute verloren
hat."
Vom Verlauf der Partie her gesehen mochte er Recht haben,
denn Schalke hatte wesentlich mehr vom Spiel, doch die
Westdeutschen vergaben wieder einmal beste Torchancen oder
scheiterten am gro3artigen Slavia-Torwart Cerny. Im Fussball
zählen in erster Linie halt immer noch die Tore und - zum
Glück - nicht die Finanzen. So ist es - und das macht ja
gerade den Reiz der internationalen Pokalwettbewerbe aus -
immer wieder möglich, dass ein David wie Slavia Prag, der
regelmä3ig seine Besten wie einst Kuka, Berger, Bejbl oder
Poborsky ins finanzstärkere Ausland ziehen lassen muss, einem
Goliath wie Schalke 04 hin und wieder ein Bein stellt.
Dementsprechend gro3 war auch der Jubel bei den Slavia-
Anhängern unter den lediglich 9000 Zuschauern - gut ein
Drittel war aus dem Ruhrpott angereist - und natürlich bei
Spielern und Verantwortlichen der Rot-Wei3en selbst. Slavia-
Trainer Jaroslav Hrebik gratulierte seinen Akteuren dann auch
zu der hervorragenden kämpferischen und taktisch
disziplinierten Leistung und zur Frage, warum er beim
Elfmeterschie3en weggeschaut habe, antwortete er nur: "Aus
Aberglauben schaue ich mir das Elfmeterschie3en schon nicht
mehr an." Vielleicht dachte er dabei ja auch an das
denkwürdige Elfmeterschie3en 1976 in Belgrad, als Antonin
Panenka mit seinem Kunststo3 die damalige Tschechoslowakei zum
Europameistertitel im Finale gegen die Bundesrepublik
Deutschland schoss. So ähnlich titelten jedenfalls einige
tschechische Tageszeitungen am Mittwoch, die das Elfmeterdrama
vom Dienstag mit dem vor 22 Jahren verglichen.
Diese schöne Erinnerung freilich konnte den beiden
anderen tschechischen UEFA-Cup-Vertretern, Sigma Olomouc und
Sparta Prag, nicht zu einem ähnlichen Husarenstück verhelfen.
Olomouc hatte trotz des beachtlichen 2:2-Remis vom Heimspiel
gegen das Starensemble von Olympique Marseille bei der
Zweitauflage in der südfranzösischen Metropole keine Chance,
verlor glatt mit 0:4. Slavias Lokalrivale Sparta Prag
vergeigte nach dem blamablen 2:4 zu Hause gegen Real San
Sebastian auch das Rückspiel, unterlag mit 0:1. Warum dieses
Ausscheiden für den tschechischen Rekordmeister durchaus
schmerzliche Folgen haben kann, verraten wir Ihnen gleich.
Hoch hinaus mit Sparta Prag wollte Vereinspräsident und
Klub-Eigner Alexander Rezes, als er vor gut zwei Jahren als
Chef der Ostslowakischen Stahlwerke Kosice/Kaschau den
tschechischen Traditionsklub quasi aus den Händen seines
hochverschuldeten Amtsvorgängers Petr Mach aufkaufte. Für rund
eine Milliarde Kronen wechselte der Verein über Nacht seinen
Besitzer. Rezes versprach gro3e finanzielle Unterstützung,
damit Sparta - in Tschechien nahezu konkurrenzlos - endlich
auch international zum einem Renommierklub heranreife.
Doch das gro3e Geld sollte die Mannschaft selbst
einspielen. Unter der Voraussetzung des jährlichen nationalen
Titelgewinns sollte sich die Elf selbstredend für die
lukrative Champions-League qualifizieren. Was letzte Saison
noch klappte, auch wenn Sparta mit nur einem Sieg und zwei
Remis bei drei Niederlagen nicht allzu viel zu Wege brachte,
ging dieses Jahr vollends daneben. Ein Eigentor von Gabriel
eine Minute vor Spielschluss im Prager Qualifikations-
Rückspiel gegen Dynamo Kiew ergab Verlängerung und
Elfmeterschie3en, welches die Gäste mit 3:1 gewannen. "Das
Ausscheiden gegen die Ukrainer war gleichbedeutend mit dem
Verlust von 100 Millionen Kronen binnen weniger Sekunden,"
erklärte Spartas Vizepräsident Jaroslav Pollák enttäuscht.
Doch wie sich zeigen sollte, kam damit nur der erste Stein
einer Lawine ins Rollen. Die Firma Opel steigt als
Hauptsponsor zum Saisonende aus, und Gerüchten zufolge wollen
RezeÊ und seine VSZ-Holding, die 91 Prozent der Aktienanteile
am Verein hält, den Klub zum Verkauf freigeben. Falls sie es
nicht schon getan haben, denn wilden Spekulationen zufolge
soll der Klub von seiten der slowakischen Eigner schon an
einen unbekannten Käufer von den Caymaninseln verhökert worden
sein. Und so sehen Spieler, Verantwortliche und Fans von
Sparta Prag derzeit einer unsicheren Zukunft entgegen, was das
Schicksal ihres Klubs anbelangt. Ein Tatbestand, der wieder
einmal zeigt, dass der Erfolg nicht käuflich ist und das die
finanzielle Abhängigkeit von einzelnen Personen bzw. von
Interessenvertretern noch nie ein sanftes Ruhekissen war und
ist.
Zu guter Letzt wollen wir an dieser Stelle einen
Fussballer würdigen, der am Freitag vor einer Woche seinen 85.
Geburtstag feierte und hierzulande längst zur Legende geworden
ist. Es ist der unverge3liche tschechische Auswahlspieler und
Torjäger der drei3iger bis fünfziger Jahre Josef "Pepi" Bican.
Bican, als Sohn tschechischer Eltern am 25. September 1913 in
Wien geboren, erzielte in seiner glänzenden Laufbahn, die
leider durch den zweiten Weltkrieg beeinträchtigt wurde,
insgesamt 643 Tore im Vereinsfu3ball, als da wären: 226
Treffer für die Wiener Klubs Admira und Rapid vor dem Krieg,
199 im Protektorat und weitere 218 Tore für Slavia Prag nach
dem Krieg. Für Österreich traf Bican 24mal in 19 Spielen, für
die Tschechoslowakei 12mal in 14 Spielen. Von der
Internationalen Föderation für Fussball-Statistik und Historie
wurde er daher auch als einer der drei besten Torschützen des
Jahrhunderts neben Pele und Uwe Seeler benannt. Eine Bilanz
also, die heutzutage seinesgleichen sucht und so gut wie nicht
zu überbieten ist.
Das war er schon wieder, der Sportreport von Radio Prag.
Bleiben Sie uns gewogen und sportlich stets auf Ballhöhe. Am
Mikrophon verabschiedet sich Ihr Lothar Martin.
Sie hörten Radio Prag, die Auslandssendungen des
Tschechischen Rundfunks in deutscher Sprache.
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