SPORTREPORT 16 OKTOBER, 1998

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Ahoj und willkommen, liebe Hörer, beim Sportreport von Radio Prag. Am vergangenen Sonntag war es wieder einmal soweit. Die ganze Nation schaute nach Pardubice. Denn dort fiel an diesem Tag Punkt 15.30 Uhr - wie an jedem zweiten Sonntag im Oktober - der Startschuss zur nunmehr 108. Steeplechase von Pardubice, dem ältesten, härtesten und berüchtigtsten Pferderennen auf dem europäischen Festland. Grund genug, einmal eine Rückschau zu halten auf die Geschichte dieses traditionsreichen sportlichen Grossereignisses. Gute Unterhaltung wünschen Lothar Martin und Franz-Josef Balkhausen.

Das, was heute ohne Übertreibung als alljährlicher Höhepunkt des tschechischen Pferdesports bezeichnet werden kann, nahm in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Parforcejagd, dem extravaganten Hobby vieler Adliger der damaligen Zeit, seinen Anfang. Gerade für Parforcejagden ist gerade die Gegend um Pardubice wie geschaffen, erinnert sie in ihrem Chaakter doch nicht wenig an eine englische Parklandschaft. Und wo wir nun schon bei England sind, wollen wir nicht verheimlichen, dass auch die Grand National Steeplechase in Liverpool, die im Jahr 1836 zum ersten Mal ausgetragen wurde, entscheidenden Einfluss auf die Initiatoren der Pardubitzer Steeplechase hatte.

Ja, und die Gründerväter der Pardubitzer Stepplechase waren: Graf Max Ugart, Prinz Emil Fürstenberg und - last not least - Graf Octavian Kinsky - allesamt Mitglieder der Parforce-Gesellschaft in Pardubice. Vom Böhmischen Rennverein wurden die Drei mit der Aufgabe betraut, den Verlauf des Parkours abzustecken und die Organisation der ersten Pardubitzer Steeplechase zu übernehmen.

Man schrieb den 5. November 1874, als in Pardubice dann erstmals das Signal des Rennstarters erklang. Von den 14 startenden Pferden erreichten schon damals nur sechs das Ziel. Die Siegprämie von 8000 Gulden nahm sich damals der englische Jockey Sayers auf dem Hengst Phantom mit nach Hause. Übrigens forderte dieses erste Rennen auch schon ein erstes Pferdeleben - eine Trägodie, die sich bei den folgenden 107 Rennen noch 45 Mal wiederholen sollte.

Obwohl Streckenführung und Anzahl der Hindernisse im Laufe der Zeit mehrmals geändert wurden, hat sich die Pardubitzer Steeplechase ihren spezifischen Chaakter bis heute bewahren können. Heute misst die Strecke genau 6900 m. Das von Pferd und Reiter am meisten gefürchtete Hindernis ist zweiffelos der berüchtigte Taxis-Graben, der in puncto Schwierigkeitsgrad weltweit seinesgleichen sucht. Dazu einige Zahlen:

Vor dem Taxis-Graben haben die Pferde zunächst eine 1,40 m hohe und 1,40 m breite Hecke zu überwinden. Gleich hinter dieser Hecke schliesst ein 5,10 m breiter Graben an, was nach Adam Riese bedeutet, dass die Pferde vom Absprung bis zum Wiederaufsetzen auf der Erde eine Weite von rund sieben Metern überwinden müssen.

Seinen Namen erbte dieses - der Reihenfolge nach - vierte der insgesamt 31 Hindernisse von Fürst von Thurn und Taxis, der sich von Anfang an für den Erhalt dieses im wahrsten Sinne des Wortes mörderichen Hindernisses eingesetzt hatte, obwohl auch damals schon Kritik an diesem Hindernis laut wurde - und dies wohl auch zu Recht. Doch beurteilen Sie selbst:

Im Jahre 1927 forderte der Taxis-Graben sein erstes Opfer - der siebenjährige Wallach Doyen brach sich beim missglückten Übersprung das Genick. 1979 und 1984 kam es zu einem Massensturz - drei Pferden musste angesichts ihrer schweren Verletzungen der Gnadenschuss gegeben werden. Zum letzten Mal wurde der Taxis- Graben seinen Beinamen "Todeshindernis", "Blutbad" oder "Pferdeschlachthof" im Jahre 1989 gerecht, als zwei Pferde den übersprung nicht überlebten.

Kein Wunder denn auch, dass sich spätetsens seit der politischen Wende im Jahre 1989 eine Lawine von Protesten aus dem In- und Ausland gegen die Pardubitzer Steeplechase im allgemeinen und den Taxis-Graben im besonderen erhob - unter den Proteststimmen übrigens auch die der französischen Schauspielerin Brigitte Bardot. Tierschützer sorgen seither mit den verschiedensten Protestaktionen Jahr für Jahr für mehr oder weniger grosses Aufsehen im Vorfeld oder auch während des Rennens.

Und diese Proteste der Tierschützer blieben nicht ohne Wirkung. Die Hecke vor dem Taxis-Graben wurde aus Sicherheitsgründen um 20 cm gestutzt und der Graben teilweise zugeschüttet. Ausserdem wurde der Winkel der Fläche, auf der die Pferde nach dem überfliegen des Grabens wieder aufsetzen, den Bedürfnissen der Vierbeiner besser angepasst.

Der Taxis-Graben ist zwar das schwerste Hindernis der Pardubitzer Steeplechase, doch sind auch die übrigen Hindernisse nicht ohne. Das zeigte sich vor allem im Jahr 1955, als mit insgeamt 34 Stürzen ein bis heute unübertroffener, trauriger Rekord aufgestellt wurde - zehn Pferde scheiterten damals alleine am Taxis-Graben. Einen Minus-Rekord der besonderen Art verzeichnete man auch 1909. Nur ganze drei Pferde gingen in jenem Jahr an den Start - tja, und nicht ein einziges schaffte es bis ins Ziel.

Lange war die Pardubitzer Steeplechase übrigens eine reine Männerangelegenheit - und das ist sie eigentlich auch heute noch. Doch in den zwanziger und dreissiger Jahren wurde das männliche Teilnehmerfeld dann doch endlich einmal von einer Vertreterin des angeblich zarten Geschlechts aufgemischt. Lata Brandisova startete 1927 als erste Frau bei der Pardubitzer Steeplechase und belegte auch gleich einen hervorragenden fünften Platz. Dass dies kein Zufallserfolg war, bewies die Brandisova dann 11 Jahre später, als sie 1937 auf der Stute Norma als erste und bis heute einzige Frau die "Velka Pardubicka" gewann.

Zwischen den beiden Weltkriegen war übrigens nichts mit Stepplechase in Pardubice. Und auch 1968, als sowjetische Panzer den Prager Frühling beendeten, liess man die Pferde vorsichtshalber im Stall. Man befürchtete wohl, dass die 50.000 Zuschauer, die sich alljährlich zur Steeplechase einfinden, dieses sportliche Grossereignis womöglich zu einer politischen Kundgebung missbrauchen könnten.

Nachzutragen bleibt noch, mit dem legendären Fuchs Zeleznik das Rekordpferd der Pardubitzer Stepplechase zu nennen. Zeleznik gewann in Pardubice zwischen 1987 und 1991 nicht weniger als viermal. Der Jockey hiess übrigens jedes Mal Josef Vana, der mit einem anderen Pferd übrigens noch einen weiteren Sieg in Pardubitze auf seinem Konto verbuchen konnte, was ebenfalls Rekord bedeutet.

Ja, und beim Thema Sieger sollten wir vielleicht auch nicht vergessen zu sagen, wer denn nun am vergangenen Sonntag die 108. Pardubitzer Steeplechase gewann: Die Siegrprämie von 1.280.000 Kronen kassierte trotz starker englischer Konkurrenz der tschechische Jockey Zdenek Matysik auf dem zehnjährigen Wallach Peruan. Von dem insgesamt 22-köpfigen Teilnehmerfeld fand übrigens nach guter alter Pardubitzer Sitte nur ein Bruchteil - nämlich nur 7 Pferde - den Weg ins Ziel.

Damit wären wir für heute wieder einmal am Ende des Sportreports von Radio Prag angelangt. Ein Wiederhören gibts - wenns beliebt - heute in 14 Tagen. Bis dahin sagen ... und FJB ahoj und na shledanou.

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