SPAZIERGANG DURCH PRAG 6 NOVEMBER, 1999
Eine gute Chance, nicht nur die bekanntesten Prager Lokalitäten, sondern auch viele außerhalb der Touristenpfade gelegene Winkel der goldenen Stadt an der Moldau kennenzulernen.

[ 23 Oktober ] [ 25 September ] [ 11 September ]

Verschwundene Prager Denkmäler

Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zum heutigen Spaziergang durch Prag. In den letzten Teilen dieser Sendereihe haben wir tief in der Geschichte der Prager Straßen und Marktplätze geblättert und uns dabei auch mit den Straßennamen und ihren Änderungen nach der Wende von 1989 beschäftigt. In den postrevolutionären Zeiten werden begreiflicherweise nicht nur Straßen umbenannt, sondern auch Denkmäler des vergangenen Regimes und seiner Helden niedergerissen. Welche Prager Denkmäler beseitigt wurden, beziehungsweise welche erst in der nächsten Zeit errichtet werden, damit möchten wir uns in den folgenden Minuten beschäftigen.
Das bekannteste Beispiel der Beseitigung eines absurden Denkmals stellt die Entfernung des Panzers im Stadtviertel Smichov dar. David Cerny, ein Prager Student Student der Prager Akademie der bildenden Künste, legte dazu die ersten Grundsteine, indem er gleich nach der Wende den Panzer in Smichov mit rosa-Farbe übermalte. Trotz der empörten Stimmen der Linken landete der Panzer, der noch aus der Ausrüstung der Roten Armee stammen sollte, schließlich in einem Militärmuseum. David Cerny ist übrigens auch Schöpfer eines auch im Ausland populären Kunstwerkes, die Rede ist vom " Trabis auf vier Füßen". Das Werk mit dem Titel "Wohin, schreitest du?", das einst auf dem Altstädter Ring installiert wurde, ist heute im Garten der bundesdeutschen Botschaft in Prag zu sehen.

Ein umstrittenes Denkmal, das am vergangenen Dienstag beseitigt wurde und über das seit der Wende von 1989 Diskussionen bis hin zur Regierungsebene geführt wurden, war das Jan-Sverma-Denkmal am Fusse der Stefanik-Brücke. Die Brücke trug übrigens unlängst noch den Namen Sverma-Brücke. Sverma gehörte vor dem zweiten Weltkrieg zu dem sog. harten Kern der kommunistischen Partei, er verstarb jedoch, bevor die Kommunisten die Macht ergreifen konnten, und zwar noch während des Krieges.

Im ersten Stadtbezirk wurde vor kurzem die Forderung gestellt, es sei an der Zeit, den Sverma wegzuräumen, ein kommunistischer Held und ein Symbol der sog. "Normalisierung" solle nicht bis in das Jahr 2000 auf dem Sockel stehen. Der Partisan Sverma hatte jedoch mächtige Befürworter. Für die Beibehaltung seines Denkmals setzten sich nämlich nicht nur erwartungsgemäß die Kommunisten ein, sondern auch Premierminister Milos Zeman. Die weitere Existenz des Denkmals wurde auch vom tschechischen Historiker Zdenek Hojda unterstützt, der u.a. als Autor eines Buches über die Prager Denkmäler bekannt geworden ist. Nach Meinung des Historikers sei die Statue zwar schlecht, aber die Zeit der Revolution sei vorbei. Hojda verwies darauf, dass Denkmäler ein Zeugnis der Zeit seien. Für die Beseitigung des Denkmals setzten sich seit einigen Jahren vor allem politische Häftlinge ein.

Nach Meinung der Vertreter des ersten Stadbezirks soll die Statue in einem Lapidarium landen. Dort, wo Statuen von Kaisern und Feldmarschalen aufbewahrt werden, die bei verschiedenen revolutionären Ereignissen ihre ursprüngliche Stelle auf einem Marktplatz räumen mussten. Die Lapidarien sind jedoch überfüllt, denn Prag verfügt kaum mehr über entsprechende Räumlichkeiten, um die Originalplastiken von Matthias Bernhard Braun oder Maxmilian Brokoff von der Karlsbrücke aufzubewahren, die nach und nach durch Kopien ersetzt werden.

Höchstwahrscheinlich wird man den Partisan Sverma - ähnlich wie mehrere seiner Parteigenossen im Jahre 1990 - in eine alte Flugzeughalle unweit von der mittelböhmischen Stadt Louny überführen. Dort liegen seit 1990 alle Lenin-, Gottwald- und Zapotocky-Statuen, die einst die tschechische Hauptstadt verzierten. (Gottwald und Zapotocky waren die ersten zwei tschechoslowakischen kommunistischen Staatspräsidenten.)

Im Januar 1990 verschwanden aus den tschechischen Städten nicht nur die Lenins und Gottwalds, die hierzulande sehr verbreitet waren, sondern auch Statuen anderer, mit dem vergangenen Regime verknüpfter, Protagonisten. Aus heutiger Sicht ist die Beseitigung solcher Denkmäler durch die Revolution nachvollziehbar. Erst später tauchte der Gedanke auf, dass auch die kommunistische Zeitetappe Bestandteil der tschechischen Geschichte gewesen sei und dass es möglich wäre, die beseitigten kommunistischen Denkmäler in einer Art totalitären Skansen, also einer Art Freilichtmuseum, auszustellen.

Diese Idee ist auch weiterhin aktuell. Der Historiker Hojda würde auch die Errichtung eines solchen absurden Freilichtmuseums begrüssen. Er hält dies für eine eindeutig positive Lösung und ihm würde gefallen, wenn auch z.B. der populäre Panzer die rosa-Farbe behielte, denn damit sei die Verwandlung eines Denkmals während der Revolution dokumentiert worden. Dies sei - so Hojda - ein historisches Phänomen gewesen. Als Historiker interessiert er sich nicht nur für die Entstehung der Denkmäler, sondern auch für deren Verschwinden, denn damit werde die Beziehung zur eigenen Geschichte belegt.

In Prag gibt es neben dem erwähnten Sverma-Denkmal jedoch noch ein anderes umstrittenes Denkmal. Bis heute steht noch im Stadtteil Dejvice im sechsten Stadtbezirk eine Statue des russischen Generals Shukow, der am Kriegsende zwar umjubelt nach Prag kam, der aber gleichzeitig die nach dem Krieg anschliessende Verfolgung vieler Russen symbolisierte, die vor der bolschewistischen Revolution nach Prag geflüchtet waren. Ebenso galt er als eiserner Vertreter der Durchsetzung des Kommunismus in der Tschechoslowakei.

Wie der Historiker und Prag-Kenner Hojda erinnerte, wurden mehrere Denkmäler in Prag nach der Gründung der Tschechoslowakei im Jahre 1918, aber auch nach dem kommunistischen Putsch im Jahre 1948 niedergerissen. Am 3. November 1918 wurde z.B. die Mariensäule auf dem Altstädter Ring niedergerissen. Auch wenn der damalige Nationalausschuss alle historischen Denkmäler mit einem Denkmalschutzgesetz schützte, so wurde die bisherige Dominante des Altstädter Rings beseitigt. Nach der Wende von 1989 wurde ein Verein errichtet, der sich um die Wiederauffstellung der Mariensäule auf dem Altstädter Ring bemüht.

Ein trauriges Schicksal hatte auch eines der bedeutendsten und gelungensten Prager Denkmäler - die Reiterstatue des Kaisers Franz I. - ein Werk des Bildhauers Josef Max. 1919 wurde die Statue ins Lapidarium gebracht. In der letzten Zeit wird jedoch damit gerechnet, dass die berühmte Reiterstatue auf ihren ursprünglichen Platz auf dem Smetana-Quai zurückkehrt. Für die baldige Installierung der Statue sprach sich auch der Prager Oberbürgermeister Jan Kasl aus. Die Idee wurde auch von dem Experten im Bereich der Prager Denkmäler, Zdenk Hojda, unterstützt. Gleichzeitig soll mit der Rückkehr der Reiterstatue auf ihren ursprünglichen Standort auch der Springbrunnen, der Bestandteil des neogotischen Denkmals ist, wieder in Betrieb genommen werden.

Ein ganz neues Denkmal wird demnächst - am 17. November - im dritten Stadtbezirk im Stadteil Zizkov installiert. Hier soll eine 3,5 Meter hohe Statue des ehemaligen britischen Premiers Winston Churchill auf dem gleichnamigen Platz von der britischen Ex-Premierministerin Margaret Thatcher feierlich enthüllt werden. Die Statue ist eine originalgetreue Kopie der Churchill-Statue aus London - einem Werk des britischen Bildhauers Ivor Roberts Jones . Der vor kurzem verstorbene Bildhauer war selbst zwar nie in Prag gewesen, in seinem Atelier hing jedoch ein großes Foto des Jan-Hus-Denkmals vom Prager Altstädter Ring. Der Verein für die Errichtung eines Churchill-Denkmals in Prag wurde im März 1996 gegründet, mit dem Ziel, das Churchill-Denkmal soll nicht nur das Denkmal eines Staatsmanns, sondern auch das Symbol der Kraft und Entschlossenheit darstellen, gegen jedes totalitäre Regime, welcher Art auch immer, zu kämpfen.

Damit sind wir, liebe Hörerinnen und Hörer, fast am Ende der heutigen Sendung angelangt, in der wir Sie über den aktuellen Stand der Prager Denkmäler informierten. Die Dominante des Prager Altstädter Rings stellt heutzutage das Jan-Hus-Denkmal dar. Einst gab es da jedoch auch eine Mariensäule. Falls Sie sich gemerkt haben, wann diese Mariensäule niedergerissen wurde, können Sie es uns schreiben, denn so lautet auch unsere heutige Quizfrage, für deren richtige Beantwortung Sie ein Buch über Prag gewinnen können. Wir wiederholten die Quizfrage: in welchem Jahr wurde die Mariensäule auf dem Altstädter Ring abgerissen? Ihre Antworten richten Sie, bitte, an Radio Prag, Vinohradska 12, PLZ 120 99 Prag 2. In zwei Wochen werden wir drei Gewinner eines Buchs über Prag auslosen.

Vor zwei Wochen fragten wir Sie nach dem Namen der ältesten steineren Moldau-Brücke in Prag - es war die Judith-Brücke. Ein Buch mit den Prager Legenden geht diesmal an:

Uwe Timm in Lörzweiler,
Familie Zimmer aus Ludwigsburg und
Dieter Schurig aus Dresden.

© Copyright 1999 Radio Prague All Rights Reserved

Bitte senden Sie uns Meinungen.