SPAZIERGANG DURCH PRAG 23 OKTOBER, 1999
Eine gute Chance, nicht nur die bekanntesten Prager Lokalitäten, sondern auch viele außerhalb der Touristenpfade gelegene Winkel der goldenen Stadt an der Moldau kennenzulernen.

[ 25 September ] [ 11 September ] [ 19 Juni ] [ 5 Juni ]

Prager Strassen

In der vergangenen Ausgabe unserer Sendereihe informierten wir Sie über die Umbenennung der Prager Straßen und Plätze während der letzten zehn Jahre nach der Wende von 1989. Diesmal möchten wir etwas weiter in die Geschichte der tschechischen Hauptstadt, insbesondere die ihrer Straßen und anderen Kommunikationen, zurückblicken und Sie über die ersten Straßenbenennungen in Prag überhaupt informieren.
Die ältesten Kommunikationen auf dem Gebiet von Prag waren nicht Straßen, sondern Wege und Stege, die seit langem zu den Furten führten, die sich ungefähr dort befanden, wo heute die Karlsbrücke über die Moldau führt und wo die Moldauinsel Stvanice liegt. Dies waren die einzigen Stellen, wo die Karawanen der Kaufleute ohne Gefahr die Moldau überwinden konnten. Diese Wege hatten offensichtlich keinen Namen - ähnlich wie jene Wege, die seit dem 9. bzw. 10. Jahrhundert unter dem Schutz der neu gegründeten Prager Burg und des Vysehrads in die Ansiedlungen unterhalb der beiden Festungen und von dort aus zu der Holzbrücke führten, die in der Mitte des 12. Jahrhunderts durch die steinerne Judith-Brücke ersetzt wurde. Der Name dieser Brücke ist einer der ältesten bekannten Namen einer öffentlichen Kommunikation auf dem Gebiet von Prag.

Was schriftliche Quellen anbelangt, so ist vielleicht nur die Erwähnung des Chronisten Cosmas über eine "Vysehradska ulice" älter, die sich auf das Jahr 1091 bezieht. Mit dem tschechischen Wort "ulice"-Straße wird jedoch nur der von Cosmas benutzte lateinische Begriff "vicus" übersetzt, der auch als Ansiedlung, Marktplatz oder Stadtteil übersetzt werden könnte. Auch wenn Cosmas bei der Beschreibung der Ereignisse des Jahres 1105 von einem Marktplatz zwischen den beiden Burgen spricht, ohne sie zu nennen, hatte es im 12. Jahrhundert in der Prager Agglomeration offensichtlich schon Namen von Verkehrswegen sowie Lokalnamen gegeben.

Sie wurden jedoch in den zeitgenössischen schriftlichen Zeugnissen nicht ausdrücklich festgehalten. Diese Namen gingen jedoch als die ältesten Benennungen in die Prager Straßennamen der nächsten Jahrhunderte über. Zu ihnen gehören Namen wie Borsov oder Moran (oder Zderaz, Opys, Ujezd) und andere. Die Straße Borsov liegt in der Altstadt und Borsov hieß ein Meierhof - zum erstenmal tauchte der Name 1323 auf. Die Straße Na Morani in der Neustadt wurde nach einem gleichnamigen Haus benannt, das angeblich auf der Stelle eines heiligen slawischen Hains steht, wo sich die Statue der Todesgöttin Morana befunden haben soll.

Ein Straßennetz im heutigen Sinne des Wortes entstand jedoch erst nachdem die ursprünglichen zersplitterten Ansiedlungen unterhalb der Prager Burg, die verschiedenen Haltern gehörten, allmählich von den immer dichter erbauten Häusern verschlungen und später durch eine Mauer umgeben, rechtlich vereinheitlicht sowie aufgrund der von den premyslidischen Herrschern verliehenen Privilegien zur Stadt erhoben worden waren. Dies ereignete sich kurz nach dem Jahr 1230 am rechten Moldauufer, wo eine große Doppelstadt aus Vetsi Mesto (später Altstadt) und Havelske Mìsto - also aus der Größeren und der Gallus-Stadt - entstand.

Anstelle der Vorburg am linken Moldauufer gründete König Premysl Ottokar II. im Jahre 1257 Nove Mesto - zu deutsch die Neustadt, die nach hundert Jahren, als Karl IV. die große Neustadt gründete, in "Mensi Mesto" - zu deutsch also Kleinere Stadt - und später in Mala Strana - also die Kleinseite - umbenannt wurde. Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre des 14. Jahrhunderts entstand noch vor dem königlichen Sitz eine kleine Stadt namens Hradcany-Hradschin, die dem Burggrafen der Prager Burg untergeordnet war.

Von den Namen der Plätze und der Verkehrswege der neu entstandenen Städte tauchten in den schriftlichen Dokumenten zuerst die Bezeichnungen der Marktplätze und Plätze auf, natürlich meistens in der lateinischen Form, die der Sprache der meisten Quellen aus dieser Zeit entsprach. Häufiger traf man diese Namen aber erst während des 14. Jahrhunderts und ganz regelmäßig erst im 15. Jahrhundert an. Vom heutigen Altstädter Ring (tschechisch: Staromestske namesti) sprach man nur von einem Großen Markt oder noch häufiger einfach nur von einem Ring. Andere Plätze und Marktplätze erhielten Namen wie der Neue Ring, Kleinseitner, Neustädter Ring oder der Obst-, der Vieh- oder der Rossmarkt - im Tschechischen also Ovocny, Dobytci nebo Konsky trh usw.

In Anbetracht der Besiedlung der wichtigsten und vornehmsten Stadtteile im 13. und 14. Jahrhundert gab es in Prag neben den tschechischen Bezeichnungen auch alte deutsche Bezeichnungen. Denn auf den Marktplätzen befanden sich Häuser reicher Patrizier, die meistens deutscher Abstammung waren. Vielsagend ist schon der tschechische Begriff "rynek", der vom deutschen Ring abgeleitet wurde. Für den südlichen Teil des Altstädter Rings vor der astronomischen Uhr wurde die Bezeichnung Tandlmark benutzt. Als Freimark wurde der Svatohavelsky trh - also der St.-Gallus-Markt bezeichnet.

Die Straßennamen tauchen in den schriftlichen Dokumenten später als Bezeichnungen der Marktplätze auf, obwohl das Straßennetz archäologisch und architektonisch belegt ist. Manchmal ist es schwierig, zu entscheiden, ob es sich um einen lokalen Namen oder einen Straßennamen handelt. 1335 wird in den historischen Quellen ein öffentliches Bad erwähnt, das sich am Ort "Na hrobce" - lateinisch "in colle" - befunden haben soll. Dies ist ungefähr in der heutigen Rybna-Straße. Erst seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts werden die schriftlichen Quellen über Prager Straßen systematisch, und deswegen werden die Informationen über die Straßennamen auch immer besser.

Für die Kontinuität der Entwicklung der Straßenbenennung ist die Feststellung wichtig, dass die Straßennamen spätestens im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts so tschechisiert und stabilisiert waren, dass viele Straßennamen bis in die Gegenwart benutzt werden. Dies gilt vor allem für Plätze und Straßen, die nach dem Warensortiment benannt wurden, das am jeweiligen Ort verkauft oder hergestellt wurde - zu diesen Namen gehören z.B. Celetna - die Zeltnergasse oder Uhelny trh - der Kohlenmarkt. Außerdem gehören zu diesen Namen viele Straßen, die nach einer Kirche, einem Stift oder einem wichtigen sekularen Objekt benannt wurden, zu dem sie führten. Wie z.B. Marianske namesti - der Marienplatz oder Tynska - die Theyngasse. Seit dem 14. und 15. Jahrhundert begann man Straßen auch nach den bedeutendsten Privathäusern zu benennen, die dort standen. Diese Häuser wurden entweder nach ihrem Besitzer oder ihrem Hauszeichen benannt. So gibt es bis heute noch eine Jachymova-Joachimsgasse oder eine Liliova-Liliengasse.

Nach der Gründung der Prager Neustadt wurden ihre Straßen innerhalb eines verhältnismäßig kurzen Zeitabschnittes benannt, wobei auch da Straßennamen der bereits erwähnten Art oft auftauchen - wie z.B. Reznicka-Metzgergasse, Jindrisska-Heinrichsgasse usw. Während der Jahrhunderte ist Prag innerhalb der Stadtmauern gewachsen. Nach den Bränden in den Jahren 1419 und 1420 wurde die ganze Kleinseite fast neu erbaut. Inwieweit sich der Umbau der Stadt in ihrem Stadtnetz widerspiegelte, kann man heute kaum feststellen, da es an archäologischen Forschungen des ursprünglichen Standes mangelt. In den Jahren 1591-1604 wurde die Kleinseite um neue Häuser erweitert, die anstelle einiger Gärten erbaut wurden. Dort ließen sich vor allem Italiener nieder, die auf dem Hof des Kaisers Rudolf tätig waren. Die Hauptverkehrsader dieses Stadtteils erhielt den Namen Vlasska - also die Welschengasse.

Im 16. und 17. Jhdt. erreichten die Prager Städte einen der Höhepunkte ihrer urbanistischen Entwicklung. Sie bildeten eine Großstadt im gotischen und im Renaissancestil und im 17. Jhdt. ebenso im Barockstil. Dank der Anwesenheit des rudolfinischen Hofes und der vielseitigen Interessen dieses Herrschers gehörte Prag zu den lebendigsten und aus kultureller Sicht attraktivsten Städten im damaligen Europa. Das Prager Straßennetz überdauerte in dieser Form ungefähr bis zur Wende des 19. und 20. Jahrhunderts.

Damit sind wir fast am Ende unseres Berichtes über die Urgeschichte der Prager Straßen und Plätze angelangt. Eine der ältesten Bezeichnungen einer Prager Kommunikation war der Name einer Moldaubrücke - diese Brücke wurde Mitte des 12. Jhdts. anstelle einer hölzernen Überführung errichtet und nach der Gattin des Königs Vladislavs I. benannt. Unsere heutige Quizfrage, für deren richtige Beantwortung Sie ein Buch über Prag gewinnen können, lautet: Wie hieß diese Brücke? Ihre Zuschriften richten Sie bitte an Radio Prag, Vinohradska 12, PLZ 120 99 Prag 2. Aus den richtigen Antworten werden in zwei Wochen drei Gewinner ausgelost und mit einem Souvenir belohnt.

Vor zwei Wochen fragten wir Sie nach dem Namen des Platzes, der kurz nach der samtenen Revolution umbenannt wurde und auf dem sich das Gebäude der filosophischen Fakultät der Karlsuniversität befindet. Es handelt sich um den Jan-Palach-Platz. Ein Buch mit den Prager Legenden geht diesmal an:
- Michael Moritz in Schirmitz,
- Wolfgang Ott in Dossenheim
- und Dr. Helmut Hörmeyer in Innsbruck. Herzlichen Glückwunsch!

© Copyright 1999 Radio Prague All Rights Reserved

Bitte senden Sie uns Meinungen.