SPAZIERGANG DURCH PRAG 18 DEZEMBER, 1999
Eine gute Chance, nicht nur die bekanntesten Prager Lokalitäten, sondern auch viele außerhalb der Touristenpfade gelegene Winkel der goldenen Stadt an der Moldau kennenzulernen.

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Prager Rohrpost

Willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, zum heutigen Spaziergang durch Prag. Am Mikrophon begrüssen Sie Danilo Höpfner und Martina Schneibergova. Eine schnelle und verlässliche Zustellung schriftlicher Berichte in den überfüllten Stadtzentren war schon immer ein Problem. Vor einigen Jahren wurde in Prag ein Experiment durchgeführt, bei dem es darum ging, wie schnell ein Kurier eine bestimmte Strecke im Prager Stadtzentrum zurücklegt - mit der Straßenbahn, per Taxi, zu Fuß und mit dem Fahrrad. Am schnellsten war der Radfahrer. Trotzdem war er jedoch nicht so schnell wie die Hülle der Rohrpost. Auch heute, in der Zeit des Internets, wird in Prag immer noch das unterirdische Netz der Rohrpost benutzt, das auch im europäischen Massstab einzigartig ist. Mehr über die Geschichte und auch die Gegenwart dieser technischen Sehenswürdigkeit der tschechischen Hauptstadt, die auch heute noch Anwendung findet, erfahren Sie in den folgenden Minuten.
Fangen wir sozusagen mit dem Stammbaum oder genauer gesagt dem Ursprung der Rohrpost an. Der französische Arzt Denis Papin, der in den Jahren 1647-1714 lebte, entdeckte zwar keine bislang unbekannte Krankheit, ist aber dennoch berühmt geworden, und zwar dank seiner Erfindung, die wir bis heute oft benutzen - und zwar dem Papin-Topf. Außerdem konstruierte dieser aufgeklärte Mann auch ein Dampfboot und eine atmosphärische Dampfmaschine. Er kann jedoch auch für den Vater des Gedankens der Energieübertragung mittels Druckluft gehalten werden, was eigentlich das Prinzip der Rohrpost ist.

Denis Papin kam mit diesem Gedanken jedoch fast 200 Jahre zu früh. Ihre Weltpremiere erlebte die Rohrpost nämlich erst 1853 in London unter Anteilnahme eines breiten Publikums, mit Feuerwerk und grossen Festivitäten. Nachdem einige technische Probleme beseitigt worden waren, wurde die Rohrpost auch am 1. März 1875 in Wien und kurz danach in Berlin und in Paris eingeführt. Wann kam Prag an die Reihe?

Die erste Erwähnung der Prager Rohrpost stammt schon aus dem Jahre 1836, als in der Zeitschrift Kwety der futurologische Vorschlag veröffentlicht wurde, und zwar - Zitat: "gewölbte Kanäle unter der Erde zu errichten, darin Rohrleitungen zu legen, durch die Sendungen geschoben werden könnten". Das erste konkrete Projekt stammt von dem tschechischen Erfinder der Schiffsschraube, Josef Ressel. Der erste Abschnitt der Prager Rohrpost wurde am 6. August 1887 zwischen dem Hauptpostamt in der Jindrisska-Straße und der Post im Haus U Rottu auf dem Kleinen Ring in der Altstadt in Betrieb gesetzt. Später wurde die Rohrpostleitung bis auf die Kleinseite zum dortigen Telegrafenamt verlängert. Zu jener Zeit wurde die Rohrpost ausschliesslich für die Übersendung von Telegrammen benutzt.

Für das wirkliche Datum der Inbetriebnahme der Prager Rohrpost kann jedoch erst der 4. März 1899 gehalten werden, denn seit diesem Tag wurden mit der Rohrpost nicht nur Telegramme, sondern auch Briefe, Postkarten und andere Sendungen befördert. Die Österreichische Post gab für die Prager Rohrpost spezielle Ganzsachen (Postkarten, Briefumschläge mit aufgedrucktem Wertstempel) heraus, die eine tschechische Überschrift im linken oberen Teil der Anschriftseite hatten.

Mit der Zeit schlossen sich der Rohrpost auch weitere Prager Postämter an. 1904 beispielsweise die Post in der Moravska-Straße im Stadteil Vinohrady-Weinberge, 1908 das Postamt auf der Prager Burg. Durch den Ersten Weltkrieg wurde die Erweiterung des Prager Rohrpostnetzes für fast zehn Jahre abgebrochen.

An frequentierten Stellen wurden auffällige rotblaue Briefkästen der Rohrpost angebracht. In den Tabak-Läden konnte man sog. "Kuverts für den pneumatischen Express-Verkehr" kaufen. Später wurde z.B. eine spezielle Postkarte der Rohrpost herausgegeben, auf der die Belehrung stand: "Wenn Sie sich die Zustellung mit einem schnellen Kurier wünschen, kleben Sie eine Sondermarke im Wert von 1 Krone auf". Die Rohrpost wurde von den Pragern häufig benutzt.

Das Rohrpostsystem wurde allmählich erweitert. Ein vollständiges städtisches Rohrpostnetz wurde in Prag in den Jahren 1927-1932 von der deutschen Firma Mix Genest Berlin erbaut, der Investor war damals das Post- und Telegrafenministerium der Tschechoslowakische Republik. 1932 hatte die unterirdische Rohrpost eine Länge von 56 Kilometern und zählte 46 Stationen.

Mit der Erweiterung des Telefon- und Telegrafennetzes sank almählich die Bedeutung der Rohrpost. Trotzdem wird die Rohrpost auch heute noch benutzt, da sie bestimmte unübersehbare Vorteile hat. Die Rohrpost wird von der SPT Telecom verwaltet. Vladan Crha von der Presseabteilung der Gesellschaft beschrieb die Vorteile der Rohrpost wie folgt:

"Der grösste Vorteil ist die Geschwindigkeit und die Möglichkeit, Originaldokumente hauptsächlich im Stadtzentrum zu befördern. Z.B. von der Prager Burg in die Jindrisska-Straße, wo sich die Hauptzentrale der Rohrpost befindet, wird die Sendung in einigen Minuten befördert, was sonst nicht einmal mit einem Kurierdienst möglich wäre. Ein weiterer wichtiger Vorteil der Rohrpost ist die Sicherheit - dies ist für Banken interessant. Sie können z.B. ein Unterschriftsmuster mit der Rohrpost schicken und wissen dabei, dass kein Fremder an die Sendung rankann. Mit der Rohrpost werden heute Sendungen nur zwischen Institutionen, Postämtern oder Zweigstellen einiger grosser Firmen ausgetauscht. Das technische System ist im Grunde genommen dasselbe - wie seit der Errichtung der Rohrpost in Prag. Es funktioniert so, dass die Kompressoren in den einzelnen Stationen auf der Rohrpost-Strecke Druck und gleichzeitig Unterdruck schaffen, sodass die Hülle von einer Seite eingesaugt und von der anderen vorangeschoben wird." Soweit Vladan Crha von der Presseabteilung der SPT Telecom.

Die Rohrpost wurde noch vor kurzem von der tschechischen Presseagentur ctk, von den Tageszeitungen und auch vom Tschechischen Rundfunk genutzt. An das Netz sind heute 24 Stationen angeschlossen, ihre sternförmige Plazierung ermöglicht es, die Hülle mit der Sendung von jeder Station in jedwede Station zu schicken. Die Hülle muss jedoch die Zentrale passieren, wo sie in eine andere Strecke überleitet wird.

Jede Strecke der Rohrpost verfügt über ihre Treibeinheit in Form eines elektrischen Drucklüfters. Die Dauer der Fahrt der Hülle durch die Rohrpostleitung hängt von der Länge des jeweiligen Abschnitts ab. Von der Zentrale in der Jindrisska-Straße bis zur Prager Burg dauert es ca. 8 Minuten, von der Zentrale bis zum Bahnhof Smichov im fünften Stadtbezirk rund 10 Minuten. Wie es Vladan Crha erklärt hat, werden zur Zeit auf diese Weise ca. 3.000 Sendungen im Monat abgefertigt. Anfang der 70er Jahre waren es laut Crha noch 70.000 bis 80.000 Sendungen, manchmal sogar bis zu 100.000 Sendungen im Monat. Für die Benutzung des Rohrpostsystem bezahlen die Kunden eine monatliche Pauschalgebühr und außerdem eine einmalige Gebühr von 5 Kronen für jede abgeschickte Sendung. Die Rohrpost ist rund um die Uhr im Betrieb.

Das Rohrpostnetz liegt ca. 1 Meter unter der Erde, es führt aber auch über drei Moldaubrücken. Die Rohrleitung ist aus Messing, mit nahtlosen Röhren aus Stahl oder auch mit Kunststoff versehen. Sie hat einen Durchmesser von 72 Milimetern. Die Hülle erinnert an eine Artilleriepatrone und ist 30 Zentimeter lang. Die Sendungen werden mit einer Geschwindigkeit von 4 bis 10 Metern pro Sekunde zur Zielstation getrieben.

Die Rohrpost funktioniert fehlerfrei, nur von Zeit zu Zeit kommt es dazu, dass die Hülle inmitten der Strecke hängen bleibt. In solch einem Fall muss ein Servicetechniker in die kritische Stelle Druckluft pumpen. Wenn es auch dann nicht gelingt, den Weg frei zu machen, bleibt nichts anderes übrig, als unter der Erde zu graben.

Das Prager Rohrpostsystem, seit deren Inbetriebnahme bis zum heutigen Tage genau 100 Jahre vergangen sind, stellt eine einzigartige technische Sehenswürdigkeit dar. Wer die Zentrale der Rohrpost im zweiten Stock des Hauptpostamtes in der Jindrisska-Straße besucht, fühlt sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Die dort installierten 31 Pfeifen erinnern an eine Orgel. Wenn ein komisches Sausen zu hören ist, das immer lauter wird, bedeutet dies, dass sich durch die Rohrleitung eine Sendung nähert.

Die Gebühren, die die Kunden für die Benutzung der Rohrpost bezahlen, können nach Informationen von Vladan Crha den Betrieb der Rohrpost nicht decken. Wie gesagt wird die Rohrpost jedoch für eine technische Sehenswürdigkeit gehalten und aus dem Grund wird - so Crha - alles dafür gemacht, um diese Dienstleistung weiter zu betreiben. Mit der Rohrpost werden übrigens nicht nur Dokumente befördert, manchmal gibt es auch ganz kuriose Sendungen. Vladan Crha stellte fest: "Ich habe gehört, dass eine der kuriosesten Sendungen, die mit der Rohrpost befördert wurden, die Kartoffelpuffer waren, die sich Mitarbeiter der Post in der Jindrisska-Straße vom Masaryk-Bahnhof zum Mittagessen schicken liessen. Die Kartoffelpuffer waren am Ziel sogar noch heiss."

Damit sind wir am Ende des heutigen Spaziergangs auf den Spuren der Prager Rohrpost angelangt. Falls Sie sich gemerkt haben, seit welchem Jahr mit der Prager Rohrpost nicht nur Telegramme, sondern auch andere Sendungen geschickt werden konnten, können Sie es uns schreiben. Denn so lautet auch unsere heutige Quizfrage. Ich wiederhole: Seit welchem Jahr konnten mit der Prager Rohrpost andere Sendungen als nur Telegrammge geschickt werden. Ihre Zuschriften richten Sie bitte an Radio Prag, Vinohradska 12, PLZ 120 99 Prag 2. Aus den richtigen Antworten werden drei Gewinner eines Buchs über Prag ausgelost.

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