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JUNE 13, 1998

S P A Z I E R G A N G   D U R C H   P R A G

[ Mai 23 ] [ April 25 ] [ April 11 ]

Vor 130 Jahren wurde der Grundstein zum Nationaltheater gelegt

Herzlich willkommen, verehrte Hörerinnen und Hörer, zu einer neuen Ausgabe des Spaziergangs durch Prag, in der wir in das Prag vor 130 Jahren zurückkehren, um an einem beachtenswerten Ereignis teilnehmen zu können, zu dem sich -zig Tausende Gäste nicht nur aus den böhmischen Ländern, sondern auch aus dem Ausland in der Moldaumetropole versammelt hatten. Denn sie folgten u.a. der folgenden in der Tagespresse veröffentlichten Annonce:

"Bürger! Wir feiern ein beachtenswertes nationales Fest. Der unterzeichnete Ausschuss vertraut Ihnen als fortgeschrittenen und reifen Bürgern, daß Sie es nicht zulassen werden, dass die Feierlichkeit des nationalen Festes gestört wird, sondern dass Sie selbst dazu beitragen, dass man den Hinweisen der Veranstalter und ihrer Organe überall folgt."

Es war aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht nötig, eine solche Annonce zu veröffentlichen, denn das offensichtlich grösste nationale Fest des 19. Jahrhunderts verlief vorbildlich und ordentlich. Am 16. Mai 1868 wurde der Grundstein zum Nationaltheater gelegt, am selben Tag fand in dem damaligen Neustädter Theater die Uraufführung von Smetanas Oper "Dalibor" statt. In diesen Zeiten heisen Sie jetzt willkommen Thomas Haupental und Martina Schneibergova.


Unsere Vorfahren sahen in der Errichtung des Nationaltheaters eine Tat, mit der die Wiedererweckung des Volkes aus einer langen kulturellen Ohnmacht bestätigt werden sollte. Allein der Gedanke, eine Bühne zu gründen, die das Volk repräsentiert und erzieht, ist jedoch für zahlreiche europäische Länder seit der Mitte des 18. bis zum Anfang des 20. Jhdts. charakteristisch. Das erste ähnliche Theater entstand 1680 in Paris, fast mit 100 Jahren Verspätung - 1767 wurde dank einer kleinen Bürgervereinigung das Nationaltheater in Hamburg gegründet - eine Art Gegenstück zu den Hofbühnen, die von den Herrschern in den einzelnen deutschen Staaten errichtet wurden. Josef II. liess 1776 das Königliche Theater in Wien in Hof- und Nationaltheater umbenennen.

Den Begriff "Nationaltheater" begann im tschechischsprachigen Kontext erst der Dramatiker Josef Kajetan Tyl im Jahre 1848 zu benutzen, der eine solche Bühne als "einen Hebel zur Erhebung des Volkes" bezeichnete. 1850 entstand der Verein für die Errichtung des Nationaltheaters in Prag, der unter dem Motto "Národ sobe" zu Spendensammlungen aufrief. 1852 wurde aus ihrem Erlös ein Grundstück gegenüber der Sophieninsel gekauft. 1862 wurde auf dem für das künftige Nationaltheater bestimmten Grundstück das Provisorische Theater erbaut.

1865 wurden wieder Spendensammlungen organisiert, im öffentlichen Wettbewerb siegte der Entwurf für ein Neorenaissance-Gebäude des Architekten Josef Zítek. Tschechische Politiker, die sich um eine eigenständige Stellung der tschechischen Nation im Rahmen der Monarchie bemühten, versäumten nach dem 1867 beschlossenen österreichisch-ungarischen Ausgleich keine einzige Gelegenheit dazu, ihre Unzufriedenheit mit der neuen staatsrechtlichen Regelung zu demonstrieren. Ihr Boykott des neuen österreichischen Parlaments bewies die

Notwendigkeit anderer Formen zur Mobilisierung der öffentlichen Meinung. Neben der Journalistik, die damals das tschechische politische Leben stark beeinflusste, begann man verschiedene Festivitäten auszunutzen. Die wichtigste davon war zweifelsohne die Grundsteinlegung des Nationaltheaters.

Die ganze Veranstaltung begann am 10. Mai 1868 auf dem nordböhmischen Berg Ríp - von dem aus der Legende nach einst der Urvater Cech seinem Volk das gelobte Land gezeigt haben soll. Als Bestandteil einer Massenkundgebung gegen neue Steuern wurde feierlich der Grundstein für die nationale Bühne gebrochen, der dann gemeinsam mit weiteren Steinen von historisch gedachtsamen Orten in die Fundamente des Baus in Prag gelegt werden sollte. Das Fest der Grundsteinlegung wurde für den 15.-17. Mai geplant, also für die Zeit, in der das Fest des heiligen Johannes von Nepomuk gefeiert wurde, zu dem Pilger aus dem ganzen Land nach Prag kamen.

Der Stein von Ríp wurde nach der Kundgebung mit Kränzen geschmückt und auf einen Wagen geladen, über dem eine Fahne mit der Überschrift "Durch Aufklärung zur Freiheit" flatterte. Der Wagen begab sich auf den Weg Richtung Prag, überall wurde er von einem Umzug begleitet. In Prag wurde er von Studenten, Mitgliedern des Turnvereins Sokol sowie den Schauspielern des Provisorischen Theaters begrüsst. Im heutigen Stadtviertel Karlín traf der Umzug von Rip mit den Vertretern der Weinberger Gemeinde, die einen Stein vom Berg Vitkov mitbrachten. Die beiden Umzüge mit den Grundsteinen wurden noch einmal auf der Baustelle begrüsst, wo sich der Grundstein aus dem mährischen Berg Radhost der grössten Aufmerksamkeit erfreute, da er die Einheit der Böhmen und Mähren demonstrieren sollte.

Das Festprogramm begann am 15. Mai Abend mit einer Regatta auf der Moldau, beleuchtete Schiffe kreuzten die Moldau von der Sophieninsel bis zur Schützeninsel, wo ein Feuerwerk stattfand. Mit einem so grossen Interesse hatte man jedoch nicht gerechnet. Zahlreiche Sonderzüge aus verschiedenen Orten des Landes mit z.T. 50 - 70 Waggons fuhren Richtung Prag. Am 16. Mai um acht Uhr morgens waren schon cca 200.000 Menschen in Invalidovna versammelt, die an dem festlichen Umzug teilnehmen wollten. Dieser führte durch Karlin und Poric zur Baustelle an dem Moldauufer. An der Spitze des Umzugs ritten dis sog. Banderien - was ungefähr als Bauernritt bezeichnet werden kann. Ihnen folgten die Mitglieder des Vereins für die Errichtung des Nationaltheaters sowie des Turnvereins Sokol.

Fast alle Gewerbe- und Arbeitervereine wurden in diesem Umzug mit feierlichen Trachtengruppen sowie Kapellen präsentiert. Die Typographen druckten auf ihrem Wagen während der Reise Gedichte, die unter das Publikum verteilt wurden. Dabei waren auch Studenten und verschiedene Würdenträger, Abgeordnete und Gäste, die sich aktiv an der Grundsteinlegung beteiligen sollten. Gegen zehn Uhr gelangten die ersten Teilnehmer des Umzugs zur Baustelle, die letzten kamen erst nach weiteren zweieinhalb Stunden. Wie der Dichter und Journalist Jan Neruda schrieb, gab es keine Komplikationen oder Chaos - die ganze Veranstaltung sei - so Neruda - durch das Motto "Narod sobe - das Volk für sich" charakterisiert worden.

Die Baustelle wurde von dreifarbigen Masten gesäumt, auf denen Banner in den Nationalfarben flatterten. Der Hauptredner bei dem Festakt war der Vertreter der Politiker Karel Sladkovsky, Vertreter der Jungtschechen, auf den Grundstein schlug als erster der Historiker Frantisek Palacky. Ihm folgten weitere bedeutende Vertreter des öffentlichen Lebens - wie z.B. der Naturwissenschaftler Jan Evangelista Purkyneß oder der Komponist Bedrich Smetana, dessen Oper Dalibor am selben Tag uraufgeführt wurde.

Das Fest der Grundsteinlegung wurde mit einem Volksfest auf Letna-Höhe beendet. Einige Tage später schrieb Jan Neruda: "Wir alle haben dieselbe Arbeit und verfolgen denselben Zweck, dem Volk ein nationales sowie allgemein menschliches Bewusstsein, eine feste ethische Grundlage sowie tiefe und inhaltsreiche Bildung zu geben ... In der geistigen Bildung des Volkes besteht seine Zukunft, die ihm die Kraft gibt und es zur Berühmtheit führen wird!"

In der allgemeinen Begeisterung hatte man damals sicher nicht daran gedacht, daß es noch 15 Jahre dauern würde, bis das Prager Nationaltheater seinem Zweck würde dienen können. Es wurde zwar schon am 11.Juni 1881 mit Smetanas Oper "Libussa" probeweise eröffnet, einem späten Werk des bereits tauben und kranken Komponisten. Nach elf Vorstellungen wurde das Theater wieder geschlossen, um die Bauarbeiten zu beenden, da ereignete sich eine Katastrophe. Am 12. August 1881 brannte das fertige Gebäude wegen der Unaufmerksamkeit der Bauarbeiter aus, es blieben nur die Aussenwände, das Vestibül, das Foyer sowie die Treppenhäuser stehen.

Dank weiterer Spendensammlungen gelang es finanzielle Mittel für den Wiederaufbau des Gebäudes zu gewinnen. Mit dem Umbau wurde der Architekt Josef Schulz beauftragt. Dabei wurde das Theater um das Provisorische Theater erweitert. Die Wiedereröffnung fand am 18. November 1883 statt, gespielt wurde wieder die Oper Libussa. Über dem Portal der Bühne wurde das Motto "Narod sobe" angebracht, das daran erinnern soll, das das Theater wirklich dank der Gebebereitschaft des ganzen Volkes erbaut worden war.

Und an dieser Stelle beenden wir unsere Erzählung über die Errichtung des Prager Nationaltheaters. Falls Sie sich gemerkt haben, in welchem Jahr der Grundstein für das Prager Nationaltheater gelegt wurde, können Sie es uns schreiben, denn so lautet auch unsere heutige Quizfrage, für deren richtige Beantwortung Sie ein Souvenir gewinnen können. Ihre Zuschriften richten Sie, bitte, an Radio Prag, Vinohradska 12, PLZ 120 99 Prag 2, Tschechien. Ich wiederhole: In welchem Jahr wurde der Grundstein für das Nationaltheater gelegt? Aus den richtigen Antworten fünf Gewinner ausgelost, die mit einem Souvenir aus Prag belohnt werden.

Vor zwei Wochen haben wir Sie nach wenigstens zwei Städten gefragt, die gemeinsam mit Prag mit dem Titel europäische Kulturstadt des Jahres 2000 ausgezeichnet wurden. Es handelt sich um die folgenden Städte: Avignon, Bergen, Bologna, Brüssel, Helsinki, Krakau, Reykjavik und Santiago da Compostela.

Eine Boschüre über die Prager Loretto-Kirche geht an:
Klaus Köhler in Oberloquitz,
Frank Gross in Walsrode,
Gottfried Völlger in Kuppenheim,
Thomas Kunz in Reinach in der Schweiz
und Solveig Lindblom in Bromma in Schweden.
Herzlichen Glückwunsch!


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