Radio Prague


| Radio Prag in deutsch |
| Nachrichten | Aktueller Beitragsblock | Thema Heute | Regionaljournal | Schauplatz |
| Kulturspiegel | Sportreport | Hörerforum | Geschichte | Touristik |
| Search |
line

APRIL 11, 1998

S P A Z I E R G A N G   D U R C H   P R A G

[ März 28 ] [ März 14 ] [ Februar 28 ]

"Die verschwundene Prager Neustadt"

Herzlich willkommen, verehrte Hörerinnen und Hörer, zu einer neuen Ausgabe des Spaziergangs durch Prag. Am Mikrophon begrüssen Sie Thomas Haupenthal und Martina Schneibergova. Vor 650 Jahren gründete Karl IV. die Prager Neustadt - Nové Mesto Prazské. Ihre Gründungsurkunden tragen das Datum 8. März 1348. Mit den Gründen, die den klugen Herrscher damals zur Errichtung der grosszügig entworfenen neuen Stadt bewegten, haben wir uns schon eingehender in dem vor zwei Wochen gesendeten Spaziergang durch Prag befasst, wobei wir uns auch kurz mit der weiteren Entwicklung der Prager Neustadt beschäftigten.

Für die heutigen Prager Einwohner sowie die Besucher der tschechischen Metropole hat die Neustadt im Vergleich mit den übrigen drei ursprünglichen Prager Städten die geringste historische Attraktivität. Wenn man durch das alte Prag spazieren will, begibt man sich kaum in Richtung Wenzelsplatz, und schon gar nicht in die vom Verkehr überlasteten Neustädter Strassen - Jecná-Gerstengasse oder Zitná-Korngasse. Trotzdem war die Neustadt noch vor knapp 200 Jahren, was ihre einzigartige historische Architektur betraf, mit der Altstadt vergleichbar. Diese längst nicht mehr existierenden Sehenswürdigkeiten kann man nun in einer Ausstellung bewundern, die anlässlich des 650. Geburtstages der Neustadt im Museum der Hauptstadt Prag stattfindet und den bezeichnenden Titel "Die verschwundene Prager Neustadt" trägt. Dr. Katerina Becková hat diese Ausstellung auf die Beine gestellt, und in den folgenden Minuten wollen wir gemeinsam mit ihr durch die interessante Vergangenheit dieses Prager Stadtteils spazieren. Wir wünschen viel Vergnügen und einen guten Empfang.

Die Neustadt war einst im Vergleich mit der Altstadt nicht so dicht bebaut, ihre geräumigen Strassen wurden von breiten Häusern sowie von zahlreichen Ziergärten gesäumt. Im Vergleich mit den anderen Prager Stadtteilen besass die Neustadt einen einzigartigen Komplex von Renaissance-Architektur - vor allem von grossen Bürgerhäusern. Obwohl viele dieser Häuser bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts überlebten, steht heute keines dieser Häuser mehr.

Radikale Bauänderungen der Neustadt deformierten ihren historischen Charakter, und das allgemeine Bewusstsein über die Identität der Neustadt gerät in Vergessenheit, u.a. auch deswegen, weil dieses Stadtviertel heute zwei Verwaltungsbereichen angehört - dem ersten sowie - teilweise - dem zweiten Prager Stadtbezirk. Auch deswegen hielt es Dr. Becková, für notwendig, mit dieser Ausstellung an die historische Eigenständigkeit der Neustadt zu erinnern.

Der Grundriss der Neustadt war in der Zeit ihrer Gründung etwas Einzigartiges, man sagte, Karl IV. habe sich durch die biblische Beschreibung des himmlischen Jerusalems inspirieren lassen. Dazu sagte Dr. Becková:

"Man sagt das, aber ich bin keine Urbanistin, so dass ich es weder bestätigen noch widerlegen kann. Es stimmt jedoch, dass Karl IV. so ungewöhnlich breite Strassen errichten liess, und dass der ganze Grundriss seine Logik hat, da er auf drei grossen Marktplätzen gegründet wurde, von denen das Strassennetz ausgeht. Für die Neustadt war es vorteilhaft, dass sie einen Teil des Moldauufers zur Verfügung hatte, weil dort verschiedene Gewerbe konzentriert werden konnten, die Wasser erfordern - wie Mühlen oder Gerber etc."

Die Historikerin meint, dass Karl IV. die Lage für die nächsten 500 Jahre genial ausgedacht hatte. Denn Prag hatte 500 Jahre lang den nötigen Raum, um sich entwickeln zu können, es wurden immer neue Stellen bebaut, und noch bis zur Mitte des 19. Jhdts. gab es in der Neustadt freie Gebiete, auf denen Häuser errichtet werden konnten. Die Ausdehnung der Strassen sei - so Dr. Becková - zugleich die Ursache des Untergangs der Neustadt gewesen. Dank ihrer Breite durften die Strassen nach den gültigen Bauordnungen mit höheren Häusern bebaut werden - sie waren für die Errichtung neuer Häuser im 19. Jhdt. also besser geeignet als die engen und krummen Strassen der Altstadt. Dr. Becková sagte über die Bauänderungen:

"Die Neustadt änderte sich schon seit ihrer Entstehung ganz natürlich und kontinuierlich, aber zu radikalen Änderungen kam es erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jhdts., als die historischen Gebäude der Nachfrage nach neuen Wohnungen und Räumlichkeiten nicht mehr entsprachen. Es war vorteilhaft, im Rahmen dieser Nachfrage, dieser Wirtschaftskonjunktur neue Wohn- sowie Bürogebäude zu errichten. Dies war eine der Ursachen des Untergangs der Neustadt - ungefähr seit den 70er Jahren des 19. Jhdts. wurde in der Neustadt intensiv gebaut, und vorher auch vieles abgerissen. Dies geschah jedoch nach keinem einheitlichen globalen Plan - es war die Angelegenheit der einzelnen Bauunternehmer, die alte historische Gebäude kauften und sie durch vorteilhafte Neubauten ersetzten."

Es muss in diesem Zusammenhang konstatiert werden, dass in derselben Zeit nicht nur in der Neustadt, sondern auch in der Altstadt zahlreiche historische Gebäude abgerissen wurden. Auch auf der Kleinseite mussten einige wertvolle Häuser z.B. der neu errichteten Strassenbahn weichen.

Angelpunkte der Neustadt waren drei grosse Marktplätze - der Rossmarkt, der Viehmarkt und der Heumarkt. Diese Plätze haben sich jedoch bedeutend geändert. Dazu Dr. Becková:

"Sie haben sich sehr geändert, sehr markant ist diese Änderung bei dem Wenzelsplatz - dem ehemaligen Rossmarkt. Einst war es ein geräumiger mittelalterlicher Marktplatz, jedoch wenn man ihn heute betrachtet, kommt uns dieser Platz eher wie eine Strasse vor - ein Boulevard, der für die Städte des 19. Jhdts. so typisch war. Dies kommt davon, dass der Platz optisch enger geworden ist, weil er mit neuen Häusern bebaut wurde, die doppelt so hoch sind wie es die ursprünglichen alten Gebäude waren. Beim Karlsplatz - dem einstigen Viehmarkt, ist die Fläche so gross, dass man dieses Engerwerden nicht empfindet, obwohl auch dort im vergangenen Jahrhundert neue Gebäude errichtet wurden."

Interessant sind auch einige Zahlen: Um das Jahr 1800 gab es in der Neustadt 1248 Häuer, von diesen Objekten gibt es heute nur noch 147, sodass cca 1100 Häuser irgendwie verschwunden sind. Dr. Becková benutzte für die Ausstellung Material aus den Sammlungen zweier Institutionen, und zwar aus dem Museum der Hauptstadt Prag und dem Archiv der Hauptstadt Prag. Viele dieser Bilder werden überhaupt zum ersten Mal gezeigt. Für die Bewunderer historischer Architektur werden viele dieser Bilder sicher überraschend sein. Was würde Dr. Becková einem Touristen empfehlen, der nach den Resten der ursprünglichen Architektur der Neustadt suchen möchte?

"Die ursprüngliche Architektur ist heute in der Neustadt sehr zersplittert. Ich könnte vielleicht die Hybernská- Hibernergasse und die Panská-Herrengasse empfehlen, das sind Strassen mit Palästen, von denen zum Glück eine Reihe bis heute steht. Den Charakter der alten Stadt kann man heute noch in der Strasse Na Zderaze-Am Sderas erleben. Dies würde ich empfehlen."

Historische Bauten gibt es in der Neustadt auch unweit des heutigen Karlsplatzes - zu erwähnen ist die Barockkirche St. Johann am Felsen, wo jeden Sonntag um 11 Uhr katholischer Gottesdienst in deutsch zelebriert wird. Unweit dieser dieser Kirche erstreckt sich heute eine Art Universitätsstadt - das sog. Albertov. In der Ausstellung sieht man dieses Gebiet noch unbebaut, mit Weinbergen und Wiesen. Über Albertov findet man zwei gotische Kirchen - die Kirche von Karlov und die Apollinariskirche.

Anlässlich der Ausstelung wird auch ein gleichnamiges Buch herausgegeben, das mit seiner Bilddokumentation noch ausführlicher sein wird - es wird cca 420 Bilder enthalten. In der Einleitung wird der Leser mit der Bauentwicklung der Neustadt in den vergangenen 650 Jahren bekanntgemacht. Die einzelnen Kapitel konzentrieren sich auf bestimmte Lokalitäten der Neustadt. Bestandteil des Buches wird auch ein Resümee in Deutsch und Englisch sein.

Damit sind wir, verehrte Hörerinnen und Hörer, am Ende des heutigen Spaziergangs durch die verschwundene Prager Neustadt angelangt. Und ab heute beginnen wir wieder mit unseren Quizfragen, für deren richtige Beantwortung man ein Souvenir aus Prag gewinnen kann. Die heutige Quizfrage lautet: wie hiessen ursprünglich die zwei bekanntesten Marktplätze der Neustadt?

Ihre richtige Antwort schicken Sie wie immer an unsere Adresse: Radio Prag, Vinohradska 12, PLZ 120.99 Prag 2. Wir freuen uns auf ihre Zuschriften und bedanken uns für Ihre Aufmerksamkeit. Auf Wiederhören in vierzehn Tagen!


© Copyright 1997 Radio Prague All Rights Reserved

Please send us your comments.

RP Home / RP in Deutsch / Aktueller Beitragsblock

line

Radio Prague Internet Team
cr@radio.cz

Radio Prague, Vinohradska 12, 12099 Prague 2, Czech Republic
tel (+4202) 240 94 608 * fax (+4202) 242 182 39
WWW http://www.radio.cz/