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NOVEMBER 15, 1998

K U L T U R S P I E G E L

[ November 8 ] [ November 1 ]

Robert Vano - Der nackte Mann im Visier

Anmutig, leicht tänzelnd, posiert das weisse Gestein. Der Körper: kraft(voll)endet, unendlich schön, entrückte Vollendung. Ein junger Gott, ein göttlicher Jüngling, eine Traumfigur, geschaffen von Michelangelo: David. David, ein Symbol menschlicher, männlicher Schönheit, eine Schönheit, die so perfekt ist, dass sie zum geistigen Erlebnis wird, frei von erotischen Hintergedanken. Oder haben Sie welche? Herzlich willkommen bei einer neuen Ausgabe des Kulturmagazins mit Andrea Kopelentova.

Schliessen Sie doch einmal die Augen: David. Er steht vor Ihrem Haus. Sie haben den privilegierte Ausblick. Bei Nacht verfolgen Sie fasziniert den Wandel des Mondlichts auf dem strahlenden Marmor ... Oder es regnet, die Muskelatur gibt sich dem Nass hin, Gerinsel entstehen in den Armbeugen, geben dem Stein Leben. Oder die Sonne treibt ihr tolles Spiel mit der steinernen Nacktheit. Michelangelos David bleibt ein Traum. Für die nächste Ferienreise.

ZEITGENÖSSISCHE KUNST - Der nackte Mann. Ein Tabu?

Prag. Das Slowakische Institut. Eröffnung einer Fotoausstellung am 9. November: Landschaften, Stilleben, Frauenakte, Männerakte. Und wieder: durchtrainierte Männerkörper, ein schamhaftes Lächeln an den Betrachter, dann das Wegbiegen zu einem geliebten zweiten Männerkörper. Die Bilder strahlen Intimität, Liebe, Zweisamkeit, Geborgenheit, Ruhe, Harmonie aus. Sie sind eine Huldigung an das Körperliche, Gesunde, Junge, an Glück ... , an etwas Verlorenes? Assoziationen drängen sich auf: Leni Riefenstal, Sarah Moon und so. Richtig. Der Fotograf bekennt sich zu diesen Vorbildern und anderen.

Der Fotograf bekennt sich auch zu sich selbst. Sein Lebensmotto: "Ich muss mir selbst gegenüber verantwortungsvoll sein, dann kann ich auch die anderen lieben."

RUHELOS DURCH DIE WELT

Die Fotos und das Leitmotiv der Kreativität stammen von Robert Vano. Ein Slowake ungarischer Herkunft mit us-amerikanischer Staatsbürgerschaft, der "vorübergehend" seit Jahren in Prag lebt. und arbeitet. Als künstlericher Leiter der Zeitschrift ELLE.

1967 emigrierte er erst nach Italien, dann nach Amerika. Er wollte lange Haare tragen und suchte die Freiheit. Die Ausstellung im Slowakischen Institut begann Anfang November und dauerte knapp eine Woche. Dann wurde sie auf Wunsch des Künstlers ganz abgebaut. Der Grund: 20 männliche Akte mussten nach der Vernissage abgenommen werden. Die Leitung des Instituts hielt sie für wenig ausstellungsgeeignet. Der Autor war erst einverstanden. Die Reaktion von Freunden, Bekannten, Bewunderern und Ausstellungsbesuchern aber belehrte ihn eines Besseren. Konzipiert nämlich als Retrospektive über das dreissigjährige Schaffen dieses weltweit anerkannten Mode- und Frisurenfotografen und Autors von 2 Fotobänden waren die Männerakte ein wesentlicher Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit, in Tschechien fast sein Markenzeichen. Und nicht nur das. Die männlichen Akte waren ein persönliches künstlerisches Bekenntnis zur eigenen Homosexualität und damit, wenn schon keine Kampfansage, zumindest eine Herausforderung an die anderen, sich mit dieser Problematik zu beschäftigen, ihr überhaupt eine Chance einzuräumen. Wer sonst, wenn nicht er - ein renommierter Fotograf - sollte es wagen?

"Persönlich habe ich keine Erfahrung mit irgendeiner Art von Zensur gemacht, eher mit Leuten oder bei Ausstellungen, die ich selbst gemacht habe. Zuerst haben sie aber gesagt, ob sie Interesse haben oder nicht. Aber das respektiere ich. Persönlich bin ich der Meinung, dass jeder Recht auf eine eigene Meinung hat. Jeder hat seine eigenen Fingerabdrücke, eigene Sinnesempfindungen, eine andere Art zu begreifen. Allerdings habe ich noch nie das erlebt, wie diesmal, nämlich dass zuerst die Ausstellung eröffnet wird und dann Bilder runtergenommen werden. Mir ist es das erste Mal passiert und ich kann jetzt gut nachempfinden, wie es für diejenigen Künstler war, die früher verboten wurden."

ERFOLG

Vano stellte in London, New York, Paris, Milano, nach 1989 auch mehrmals in Prag, Ostrau, Bratislava und seiner Geburtstadt Nove Zamky aus. Seine Fotos sind auf den Titelseiten exklusiver internationaler Modezeitungen vertreten. Seine Billboards pflastern die Wände der Flughäfen und Bahnhöfe.

KOMMERZ

"Der Kommerz hat seine eigenen Gesetze. Gesetz Nr. 1: die Wünsche der Kunden erfüllen." (Vano)

Robert war ein erfolgreicher Wünscheerfüller. Er spezialisierte sich auf Gesichter und mak up und arbeitete für Magazine. Robert war Klasse. Robert verdiente Kohle. Nur, bald ging ihm das auf die Nerven. Der Preis für die Freiheit und das Geld und den Erfolg: Robert verlor alle Freunde. War ständig unterwegs, hielt Termine ein, arbeitete wie am Fliessband.

"Ich denke, dass die Leute das machen sollten, wovon sie etwas verstehen, wo sie Probleme lösen können. Die Menschen sollten nicht andere ändern wollen, aber sich selbst. Und wenn sie das schaffen, dann ändert sich auch die Welt. Mit der Homosexualität habe ich keine Probleme, weil ich den grössten Teil meines Lebens in Amerika verbracht habe. Ich bin 1967 dorthin gelangt. Da war die Sexrevolution schon vorbei. Ich selbst und auch meine Arbeit waren nie der Diskriminierung ausgesetzt. Ich habe aber gehört, dass es hier Diskriminierung gibt. Und so glaube ich, dass meine Männerakte in Tschechien mithelfen können, das abzubauen. Aber ich will meine Akte nicht homosexuelle Akte nennen, weil ich glaube, dass Fotos keinen Sex haben. Ich bin zwar homosexuell, aber meine Fotos sind nur Fotos. Und diese wieder Männerakte. Jungen fotografiere ich für mich, nicht für andere. Und wenn es gemandem gefällt, Frauen oder Männern, alten oder jungen Menschen, dann freue ich mich. Aber es ist keine Berechnung dahinter. Ich mache gern schöne Sachen, und dazu gehören männliche Akte. Die gab es bisher nicht. Zuerst war Nazismus, dann Kommunismus und das betraf nicht nur männliche, aber auch weibliche Akte. Und die Leute, die doch etwas Neues gemacht haben oder eben etwas Neues machen, hatten immer Probleme mit der Zensur. Deshalb setze ich hier an. Die Menschen, ob alt oder jung, reagieren normal, denn ich fotografiere ja die Liebe. Ich finde, die grösste Pornografie sind Krieg, Gewalt, Mord, alles, was wir jeden Tag im Fernsehen sehen müssen. Warum also sollte ich mir nicht Fotos über Liebe anschauen: schöne Menschen, die sich lieben."

"Manchmal dachte ich vor dem Einschlafen an Dinge, die ich einmal besessen hatte. Liebhaber, Geld, Macht. All das, was ich mich später entschloss, nie wieder zu besitzen. Weil ich heute weiss, dass das Wertvollste für mich ist, nichts zu besitzen. Die Freiheit, alles aus eigenem Wunsch tun zu können. Die Freiheit, aus dem eigenen Ich heraus kreativ zu sein. Die Freiheit, sich zu entscheiden."(Vano)

MäNNER MIT ROSEN

Robert wollte, das mehr als die Vergänglichkeit der SChönheit der fotografierten Gesichter nach ihm bleibt. Er wollte ein Buch herausgeben. Zwei sind es geworden. Nicht in Amerika. Für Amerikas Verleger sei er zu jung, zu gesund gewesen. Kein Altersbart, kein Aids.

Nach der Wende kehrte er in die Heimat zurück. Stellte sich mit seinen Männerakten vor. Männer mit Rosen - sein Buch: "Ein Buch, das in Farbe ist. Schwarz erreicht nicht genau das, was ich will, wie heute die Zeit ist. Auf Schwarz erkennt man Liebe und Gewalt nicht. Alles Scharfe, was im Buch ist, ist beabsichtigt und gerade das, dass die Fotos roh wirken, wollte ich ausdrücken. Das ist das heutige Leben. Soviel Gewalt, wie man heute in den Fernsehnachrichten sieht, haben die Menschen früher in ihrem ganzen Leben nicht gesehen ..."

Robert lebte lange in Amerika und hat gelernt, seine Freiheit zu verteidigen. Robert will keine Ausstellung ohne seine Männerakte. Das ist Liebe pur. Die Aufforderung zur Toleranz, auch zur Rückkehr altbewährter Werte. Ohne die Männerakte gibt es keine Ausstellung. Robert wird sie gemeinsam mti der Slowakisch- amerikanischen Gesellschaft in Prag woanders durchführen. Robert hat gelernt, seine Freiheit zu verteidigen. Er hat begriffen: "Im Krieg wurden Roma und Juden und Homosexuelle ins Gas geschickt. Heute gibt es andere Formen der Diskriminierung. Roberts Fotos sind Lebensaufgabe.

ZUKUNFTSTRÄUME EINES ERFOLGREICHEN FOTOGRAFEN

Schöne, noch nicht zerstörte Landschaften zu fotografieren, für die zu wenig Zeit geblieben ist. Und, weil sie ihn berühmt gemacht haben, natürlich auch weiterhin männliche Akte. "Vielleicht in der Manier niederländischer Stilleben, mit totem Fisch und Zitrone im Hintergrund." Bei weiblichen Akten gäbe es das ja bereits, bei den männlichen noch nicht. Und, eines Tages würde er gerne eine Schule für Kinder gründen, wo sie etwas über die Liebe, über Toleranz erfahren oder wie man Kinder erzieht, was man machen soll, wenn sich die Eltern scheiden lassen oder wie man lieben soll, wie man sich auf das Zusammenleben, aber auch auf den Tod vorbereiten kann. Das wäre wirklich wichtig. Heute brauchen wir viel Liebe, es gibt schon zuviel Hass.


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