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November 8
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November 1
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Robert Vano - Der nackte Mann im Visier
Anmutig, leicht tänzelnd, posiert das weisse
Gestein. Der Körper: kraft(voll)endet, unendlich
schön, entrückte Vollendung.
Ein junger Gott, ein göttlicher Jüngling, eine Traumfigur,
geschaffen von Michelangelo: David. David, ein Symbol
menschlicher, männlicher Schönheit, eine Schönheit, die so perfekt
ist, dass sie zum geistigen Erlebnis wird, frei von erotischen
Hintergedanken.
Oder haben Sie welche? Herzlich willkommen bei einer neuen Ausgabe
des Kulturmagazins mit Andrea Kopelentova.
Schliessen Sie doch einmal die Augen: David. Er steht vor Ihrem
Haus. Sie haben den privilegierte Ausblick. Bei Nacht verfolgen
Sie fasziniert den Wandel des Mondlichts auf dem strahlenden
Marmor ... Oder es regnet, die Muskelatur gibt sich dem Nass hin,
Gerinsel entstehen in den Armbeugen, geben dem Stein Leben. Oder
die Sonne treibt ihr tolles Spiel mit der steinernen Nacktheit.
Michelangelos David bleibt ein Traum. Für die nächste Ferienreise.
ZEITGENÖSSISCHE KUNST - Der nackte Mann. Ein Tabu?
Prag. Das Slowakische Institut. Eröffnung einer Fotoausstellung am
9. November: Landschaften, Stilleben, Frauenakte, Männerakte. Und
wieder: durchtrainierte Männerkörper, ein schamhaftes Lächeln an
den Betrachter, dann das Wegbiegen zu einem geliebten zweiten
Männerkörper. Die Bilder strahlen Intimität, Liebe, Zweisamkeit,
Geborgenheit, Ruhe, Harmonie aus. Sie sind eine Huldigung an das
Körperliche, Gesunde, Junge, an Glück ... , an etwas Verlorenes?
Assoziationen drängen sich auf: Leni Riefenstal, Sarah Moon und
so. Richtig. Der Fotograf bekennt sich zu diesen Vorbildern und
anderen.
Der Fotograf bekennt sich auch zu sich selbst. Sein Lebensmotto:
"Ich muss mir selbst gegenüber verantwortungsvoll sein, dann kann
ich auch die anderen lieben."
RUHELOS DURCH DIE WELT
Die Fotos und das Leitmotiv der Kreativität stammen von Robert
Vano. Ein Slowake ungarischer Herkunft mit us-amerikanischer
Staatsbürgerschaft, der "vorübergehend" seit Jahren in Prag lebt.
und arbeitet. Als künstlericher Leiter der Zeitschrift ELLE.
1967 emigrierte er erst nach Italien, dann nach Amerika. Er wollte
lange Haare tragen und suchte die Freiheit. Die Ausstellung im
Slowakischen Institut begann Anfang November und dauerte knapp
eine Woche. Dann wurde sie auf Wunsch des Künstlers ganz abgebaut.
Der Grund: 20 männliche Akte mussten nach der Vernissage
abgenommen werden. Die Leitung des Instituts hielt sie für wenig
ausstellungsgeeignet. Der Autor war erst einverstanden. Die
Reaktion von Freunden, Bekannten, Bewunderern und
Ausstellungsbesuchern aber belehrte ihn eines Besseren. Konzipiert
nämlich als Retrospektive über das dreissigjährige Schaffen dieses
weltweit anerkannten Mode- und Frisurenfotografen und Autors von
2 Fotobänden waren die Männerakte ein wesentlicher Bestandteil
seiner künstlerischen Arbeit, in Tschechien fast sein
Markenzeichen. Und nicht nur das. Die männlichen Akte waren ein
persönliches künstlerisches Bekenntnis zur eigenen Homosexualität
und damit, wenn schon keine Kampfansage, zumindest eine
Herausforderung an die anderen, sich mit dieser Problematik zu
beschäftigen, ihr überhaupt eine Chance einzuräumen. Wer sonst,
wenn nicht er - ein renommierter Fotograf - sollte es wagen?
"Persönlich habe ich keine Erfahrung mit irgendeiner Art von
Zensur gemacht, eher mit Leuten oder bei Ausstellungen, die ich
selbst gemacht habe. Zuerst haben sie aber gesagt, ob sie
Interesse haben oder nicht. Aber das respektiere ich. Persönlich
bin ich der Meinung, dass jeder Recht auf eine eigene Meinung hat.
Jeder hat seine eigenen Fingerabdrücke, eigene Sinnesempfindungen,
eine andere Art zu begreifen. Allerdings habe ich noch nie das
erlebt, wie diesmal, nämlich dass zuerst die Ausstellung eröffnet
wird und dann Bilder runtergenommen werden. Mir ist es das erste
Mal passiert und ich kann jetzt gut nachempfinden, wie es für
diejenigen Künstler war, die früher verboten wurden."
ERFOLG
Vano stellte in London, New York, Paris, Milano, nach 1989 auch
mehrmals in Prag, Ostrau, Bratislava und seiner Geburtstadt Nove
Zamky aus. Seine Fotos sind auf den Titelseiten exklusiver
internationaler Modezeitungen vertreten. Seine Billboards
pflastern die Wände der Flughäfen und Bahnhöfe.
KOMMERZ
"Der Kommerz hat seine eigenen Gesetze. Gesetz Nr. 1: die Wünsche
der Kunden erfüllen." (Vano)
Robert war ein erfolgreicher Wünscheerfüller. Er spezialisierte
sich auf Gesichter und mak up und arbeitete für Magazine. Robert
war Klasse. Robert verdiente Kohle. Nur, bald ging ihm das auf die
Nerven. Der Preis für die Freiheit und das Geld und den Erfolg:
Robert verlor alle Freunde. War ständig unterwegs, hielt Termine
ein, arbeitete wie am Fliessband.
"Ich denke, dass die Leute das machen sollten, wovon sie etwas
verstehen, wo sie Probleme lösen können. Die Menschen sollten
nicht andere ändern wollen, aber sich selbst. Und wenn sie das
schaffen, dann ändert sich auch die Welt. Mit der Homosexualität
habe ich keine Probleme, weil ich den grössten Teil meines Lebens
in Amerika verbracht habe. Ich bin 1967 dorthin gelangt. Da war
die Sexrevolution schon vorbei. Ich selbst und auch meine Arbeit
waren nie der Diskriminierung ausgesetzt. Ich habe aber gehört,
dass es hier Diskriminierung gibt. Und so glaube ich, dass meine
Männerakte in Tschechien mithelfen können, das abzubauen. Aber ich
will meine Akte nicht homosexuelle Akte nennen, weil ich glaube,
dass Fotos keinen Sex haben. Ich bin zwar homosexuell, aber meine
Fotos sind nur Fotos. Und diese wieder Männerakte. Jungen
fotografiere ich für mich, nicht für andere. Und wenn es gemandem
gefällt, Frauen oder Männern, alten oder jungen Menschen, dann
freue ich mich. Aber es ist keine Berechnung dahinter. Ich mache
gern schöne Sachen, und dazu gehören männliche Akte. Die gab es
bisher nicht. Zuerst war Nazismus, dann Kommunismus und das betraf
nicht nur männliche, aber auch weibliche Akte. Und die Leute, die
doch etwas Neues gemacht haben oder eben etwas Neues machen,
hatten immer Probleme mit der Zensur. Deshalb setze ich hier an.
Die Menschen, ob alt oder jung, reagieren normal, denn ich
fotografiere ja die Liebe. Ich finde, die grösste Pornografie sind
Krieg, Gewalt, Mord, alles, was wir jeden Tag im Fernsehen sehen
müssen. Warum also sollte ich mir nicht Fotos über Liebe
anschauen: schöne Menschen, die sich lieben."
"Manchmal dachte ich vor dem Einschlafen an Dinge, die ich einmal
besessen hatte. Liebhaber, Geld, Macht. All das, was ich mich
später entschloss, nie wieder zu besitzen. Weil ich heute weiss,
dass das Wertvollste für mich ist, nichts zu besitzen. Die
Freiheit, alles aus eigenem Wunsch tun zu können. Die Freiheit,
aus dem eigenen Ich heraus kreativ zu sein. Die Freiheit, sich zu
entscheiden."(Vano)
MäNNER MIT ROSEN
Robert wollte, das mehr als die Vergänglichkeit der SChönheit der
fotografierten Gesichter nach ihm bleibt. Er wollte ein Buch
herausgeben. Zwei sind es geworden. Nicht in Amerika. Für Amerikas
Verleger sei er zu jung, zu gesund gewesen. Kein Altersbart, kein
Aids.
Nach der Wende kehrte er in die Heimat zurück. Stellte sich mit
seinen Männerakten vor. Männer mit Rosen - sein Buch:
"Ein Buch, das in Farbe ist. Schwarz erreicht nicht genau das, was
ich will, wie heute die Zeit ist. Auf Schwarz erkennt man Liebe
und Gewalt nicht. Alles Scharfe, was im Buch ist, ist beabsichtigt
und gerade das, dass die Fotos roh wirken, wollte ich ausdrücken.
Das ist das heutige Leben. Soviel Gewalt, wie man heute in den
Fernsehnachrichten sieht, haben die Menschen früher in ihrem
ganzen Leben nicht gesehen ..."
Robert lebte lange in Amerika und hat gelernt, seine Freiheit zu
verteidigen. Robert will keine Ausstellung ohne seine Männerakte.
Das ist Liebe pur. Die Aufforderung zur Toleranz, auch zur
Rückkehr altbewährter Werte. Ohne die Männerakte gibt es keine
Ausstellung. Robert wird sie gemeinsam mti der Slowakisch-
amerikanischen Gesellschaft in Prag woanders durchführen. Robert
hat gelernt, seine Freiheit zu verteidigen. Er hat begriffen: "Im
Krieg wurden Roma und Juden und Homosexuelle ins Gas geschickt.
Heute gibt es andere Formen der Diskriminierung. Roberts Fotos
sind Lebensaufgabe.
ZUKUNFTSTRÄUME EINES ERFOLGREICHEN FOTOGRAFEN
Schöne, noch nicht zerstörte Landschaften zu fotografieren, für
die zu wenig Zeit geblieben ist. Und, weil sie ihn berühmt gemacht
haben, natürlich auch weiterhin männliche Akte. "Vielleicht in der
Manier niederländischer Stilleben, mit totem Fisch und Zitrone im
Hintergrund." Bei weiblichen Akten gäbe es das ja bereits, bei den
männlichen noch nicht. Und, eines Tages würde er gerne eine Schule
für Kinder gründen, wo sie etwas über die Liebe, über Toleranz
erfahren oder wie man Kinder erzieht, was man machen soll, wenn
sich die Eltern scheiden lassen oder wie man lieben soll, wie man
sich auf das Zusammenleben, aber auch auf den Tod vorbereiten
kann. Das wäre wirklich wichtig. Heute brauchen wir viel Liebe, es
gibt schon zuviel Hass.
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