Radio Prague

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KULTURSPIEGEL
September 1, 1997

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Herzlich willkommen, liebe Hörerinnen und Hörer, bei dem letzten August-Kulturmagazin von Radio Prag. Die Ferien sind zu Ende und vor uns steht nicht nur ein neues Schuljahr sondern auch eine neue Kultur- Saison. Und was bringt sie? Wir bringen heute Informationen über einige Kulturveranstaltungen und -unternehmen, die auf uns in der nächsten Zukunft warten; besonders über diejenigen, die aus der gemeinsamen tschechisch-deutschen Initiative entstanden sind und die gegenseitigen kulturellen Beziehungen entwickeln. Am Mirkophon begrüssen Sie Martin Nerad und Markéta Maurová. Wir wünschen Ihnen gute Unterhaltung.

Ein grosses Projekt wurde für den kommenden Herbst vom Prager Goethe-Institut vorbereitet. Eine Schau mit dem Namen "Kultur aus Thüringen - Luther, Bach, Goethe..." wird mehr als vierzig Veranstaltungen - wie z.B. Theatervorstellungen, Konzerte, Literaturabende, Filme, Vorlesungen und Ausstellungen - bieten. Die erste Ausstellung wird am 9. September im St.-Agnes-Kloster eröffnet - "Der deutsche Holzschnitt der Reformationszeit" mit Werken von Albrecht Dürer und Lukas Cranach. Das Festival findet unter der Schirmherschaft der Regierungsvorsitzenden der Tschechischen Republik und Thüringens, Václav Klaus und Bernhard Vogel, statt. Das Programm wird auch von anderen Veranstaltungen aus unterschiedlichen Bereichen, wie einer Partnerschaftschliessung zwischen einigen tschechischen und thüringischen Schulen sowie von einer Tourismus-Börse begleitet. Das Festival knüpft an eine ähnliche Veranstaltung an, bei der sich tschechische Künstler im Jahre 1996 in Jena vorgestellt hatten.

Wenn wir vom tschechisch-deutschen Kulturaustausch sprechen, müssen wir das grosse Theaterfestival ansprechen, das im vergangenen Jahr entstanden ist und im September zum zweiten Mal läuft - das Prager Theaterfestival deutscher Sprache. Wie die Organisatoren anführen, haben sie sich noch mutigere und anspruchsvollere Pläne als im letzten Jahr vorgenommen. Damals wurden die grossen Theaterhäuser mit den Vorstellungen der führenden Intendanten aufgeführt. Diesmal möchte man nicht nur die Qualität, sondern auch die Vorstellungen zeigen, die die gegenwärtigen Trends im deutschsprachigen Theater repräsentieren. Und zwar sowohl bezüglich der aufgeführten Texte und deren Inhalte, als auch hinsichtlich der Theaterkunst. Neben vier berühmten grossstädtischen Bühnen - dem Wiener Burgtheater, Berliner Deutschen Theater, Hamburger Thalia Theater und den Münchner Kammerspielen - stellen sich auch Theater aus Stuttgart, Zürich und Bratislava vor. Das ganze Festival wird durch die seit längerer Zeit erwartete und verschobene Premiere von Goethes Faust im Prager Stände-Theater eröffnet. Auf die Bühne des Nationaltheaters kehrt so der tschechische Regisseur, Otomar Krejca, zurück, der vor allem in den 60er Jahren mit seinem Divadlo za branou - Theater hinter dem Tor berühmt geworden war.

Wenden wir aber nun das Blatt um und schauen wir, was auf der anderen Seite geschieht. Wird auch umgekehrt, die tschechische Kultur in Deutschland präsentiert? Wir können hier ein grosses Projekt erwähnen, das die deutsche Öffentlichkeit mit der tschechischen Literatur bekannt machen will. Ende Oktober soll der erste Band der Editionsreihe "Tschechische Bibliothek" erscheinen. In dieser Reihe werden dann Autoren herausgegeben, die bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurden, oder weniger bekannte Werke derjenigen Schriftsteller, die sich im Nachbarland schon vorgestellt haben. Das Spektrum der Bibliothek soll von der Barockzeit, über die spezifische tschechische literarische Richtung des Poetismus, über einige unbekannte Werke von Karel Capek, bis zu den gegenwärtigen Dichtern und Schirftstellern reichen.

Der Leiter des ganzen Projekts ist Eckhard Thiele, ein deutscher Essayist und Übersetzer tschechischer Literatur aus Berlin. Zu weiteren Organisatoren gehören der ehemalige tschechische Botschafter in Bonn, Jirí Grusa, oder zwei in Prag geborene deutsche Bohemisten, Peter Demetz und Peter Kosta. Als Vorbilder für die Tschechische Bibliothek dienen die German Library in den USA, im deren Rahmen schon 100 deutsche Bücher erschienen, oder die Polnische Bibliothek, die bisher 50 Bänder in Deutschland anbietet. Die tschechische Edition wird von der Robert-Bosch-Stiftung finanziert, in der ersten Phase sollen 33 Bände herausgegeben werden, die in drei Themenblöcke geteilt sind.

Die erste Editionsreihe ist dem essayistischen Schaffen gewidmet, danach sollen 11 Poesie-Bücher kommen. Der dritte Block ist dann für die Belletristik bestimmt. Das erste Werk, das sich im Rahmen der Edition in Deutschland vorstellt, wurde jedoch bisher von den Organisatoren nicht verraten.

Mitte September wird bereits zum 6. Mal das internationale Festival der geistlichen Kunst und besonders der geistlichen Musik mit dem Namen "St.-Wenzel-Feste" stattfinden. Die Schirmherrschaft über die Veranstaltung haben der Prager Erzbischof, Kardinal Miloslav Vlk, und das tschechische Kulturministerium übernommen. Auf dem Eröffnungskonzert im Prager Repräsentationshaus erklingen am 14. September die St.-Wenzels-Intraden von Petr Eben sowie die Kantate Amarus und die Glagolische Messe von Leos Janácek. Im Rahmen des Festivals wird auch an das 200jährige Geburtsjubiläum von Franz Schubert erinnert, und zwar durch ein tschechisch- österreichisch-deutsches Projekt, dessen Realisierung der Berliner Dirigent Fritz Weisse übernahm. Dieser wird Schuberts Stabat Mater und Haydens Requiem in der Kirche der hl. Simon und Juda leiten.

Einen gewissen Gegenpol zu den weltberühmten Musikfestspielen "Prager Frühling" bildet seit sieben Jahren das internationale Musikfestival "Prager Herbst". Es ist im Jahre 1991 als erstes privates Festival im Bereich der klassischen Musik in der Tschechischen Republik entstanden. Die diesjährige Veranstaltung findet vom 8. bis 21. September statt und bietet 14 Konzerte an. Den Höhepunkt des Musikprogramms stellen zwei Abende dar, an denen die Israelische Philharmonie unter der Leitung des weltberühmten Dirigenten Zubin Mehta auftreten wird, und für die die Präsidenten Tschechiens und Israels die Schirmherschaft übernommen haben. Das Konzert der Israelischen Philharmonie und des Prager Philharmonischen Chors mit der Mahlerschen II. Symphonie werden am 11. September aus dem St.-Veitsdom das Tschechische Fernsehen und der Tschechische Rundfunk übertragen. Zu den weiteren Stars, die sich in Prag vorstellen, gehören z.B. der US-amerikanische Geigen-Virtuose Isaac Stern, die italenische Sängerin Francesca Patané, der Tenor Gianluca Zampieri und andere.

Und zum Schluss noch eine erfreuerliche Neuigkeit aus der tschechischen Metropole. In der neuen Kultur-Saison wird Prag um ein Kino reicher sein. Ganz im Stadtzentrum, auf der Národní- Nationalstrasse wird Mitte September der neue Kinosaal Evald eröffnet. Der Name soll an den berühmten tschechischen Regisseurn Evald Schorm erinnern, dessen Filme auch im Rahmen einer Schau nach der Eröffnung aufgeführt werden sollen. In den letzten Jahren haben wir den Niedergang eines Kinos nach dem anderen verfolgen können, und deswegen handelt es sich um etwas besonderes. Die Tatsache ist umso erfreulicher, weil es sich um einen Kinosaal handelt, der sich auf qualitative Filme vor allem europäischer Herkunft sowie auf die Retrospektive älterer tschechischer und ausländischer Aufnahmen orientieren will, die immer noch im Meer der amerikanischen Kommerzfilme schwer zu finden sind. Das Ziel der Gesellschaft CinamaArt, die das Kino betreibt, ist es, gemeinsam mit etwa drei weiteren Sälen in der Umgebung eine Oase des guten Films im Prager Stadtzentrum zu schaffen.


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