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Der Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 60 Jahren
Vor 60 Jahren, am 1. September 1939, begann der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen. Im Mittelpunkt des heutigen Kapitels aus der tschechischen Geschichte stehen die Folgen und Auswirkungen des Kriegsausbruches auf die Tschechoslowakei. Einen ungestörten Empfang wünscht Ihnen in den folgenden Minuten Katrin Bock.
Wohl nirgendwo sonst wurde der Beginn eines Krieges in Europa mit so viel Hoffnungen erwartet wie in den Böhmischen Ländern. Man rechnete insgeheim mit einem schnellen Sieg der westlichen Allierten und einer baldigen Wiederherstellung der Tschechoslowakei. Diese hatte bereits am 15. März 1939 zu existieren aufgehört, als deutsche Truppen in die Böhmischen Länder einmarschierten und die Entstehung des Protektorats Böhmen und Mähren erklärt wurde. Die Slowakei hatte am selben Tag ihre Unabhängigkeit erklärt, war jedoch de facto völlig vom deutschen Reich abhängig.
Nach dem 15. März 1939 flüchteten tausende Tschechen, Slowaken und Deutschen aus ihrer Heimat. Viele schafften über Polen die Flucht nach Grossbritanien oder in andere westliche Staaten. Andere wurden in Polen am 1. September 1939 vom Kriegsbeginn überrascht. Am 3. September 1939 gab die polnische Regierung ihre Zustimmung zur Bildung einer tschechischen und slowakischen Armeeeinheit, die auf Seiten Polens kämpfte. Der Gedanke, eine Auslandsarmee zu gründen, war bereits im Frühsommer 1939 aufgekommen, doch die polnische Regierung wollte den mächtigen Nachbar Deutschland in keiner Weise provozieren und verbot deren Entstehung.
Als Hitler in seiner Rede vor dem deutschen Reichstag in Berlin am 1. September mit diesen Worten den Krieg gegen Polen erklärte, begann in den Böhmischen Ländern die sogenannte Aktion Albrecht I. 2.000 Intellektuelle, Politiker, Künstler und Priester wurden verhaftet - offiziell wurden sie als Geiseln bezeichnet. Die meisten von ihnen wurden in Konzentrationslager verschleppt, nur wenige kamen zurück. Unter den Verhafteten befanden sich u.a. der Bruder des Schriftstellers Karel Capek, der Künstler Josef Capek, der im KZ umkam, und der Publizist Ferdinand Peroutka, der den Krieg überlebte.
Die Tschechen und Slowaken, die sich bereits im Exil befanden, reagierten prompt auf den Kriegsausbruch. Am 9. September verkündete der Aussenminister der Exilregierung, Jan Masaryk, den Beginn der tschechischsprachigen Sendungen des BBC:
"Ich habe die unverdiente Ehre, die täglichen Sendungen des Rundfunks aus England in tschechischer Sprache zu eröffnen. Mit den Worten Edvard Beness haben wir erklärt, dass wir uns im Kriegszustand mit dem nazistischen Deutschland, mit Hitler und seiner Bande befinden. Die Stunde der Vergeltung ist gekommen. Der bedingungslose Kampf gegen den Nationalsozialismus hat begonnen. Unser Programm lautet: eine freie Tschechoslowakei in einem freien Europa. Zur Erreichung dieses sind wir bereit, alles zu opfern. Hört täglich den britischen Rundfunk, so erhaltet ihr wahre und objektive Nachrichten.... Auf Wiedersehen in Prag."
Weder Jan Masaryk noch die Bewohner der Böhmischen Länder, an die diese kurze Ansprache gerichtet war, ahnten damals, dass es knapp sechs Jahre dauern würde, bis das Dritte Reich besiegt, der Krieg in Europa beendet und die Tschechoslowakei wiederentstehen sollte. In diesen sechs Jahren fielen knapp 6.000 tschechoslowakische Soldaten, die auf Seiten der westlichen Allierten in tschechoslowakischen Armeeeinheiten an den verschiedensten europäischen Kriegsschauplätzen kämpften. Nach der Niederlage Polens waren weitere tschechoslowakische Armeeeinheiten in Frankreich entstanden, nach dessen Kapitulation im Sommer 1940 entkamen rund 4.000 tschechoslowakische Soldaten nach Grossbritanien. Knapp 1.000 Piloten aus den Böhmischen Ländern und der Slowakei beteiligten sich an der Schlacht um England, weitere tausende waren vier Jahre später am D-Day in der Normandie dabei. Die Musik im heutigen Geschichtskapitel wurde übrigens von den tschechoslowakischen Soldaten in Grossbritanien aufgenommen.
Komplizierter war die Situation in der Sowjetunion. Die tschechoslowakische Einheit, die bei Kriegsbeginn in Polen gegen die Deutschen gekämpft hatte und nach der Niederlage Polens auf russisches Gebiet kam, wurde zunächst interniert und in Arbeitslager gesteckt. Eine Wende brachte erst der Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion im Juni 1941. Ende 1941 wurde das erste tschechoslowakische Ausbildungszentrum in der Sowjetunion eingerichtet. Hier wurden Soldaten ausgebildet, die zum Teil zuvor in sowjetischen Arbeitslagern interniert waren.
Ein zeitgenössisches Bild des deutschen Blitzkrieges in Polen lieferte eine Delegation tschechischer Journalisten, die Anfang Oktober 1939 nach Polen reiste. Es handelte sich um die ersten ausländischen Journalisten, die die Kriegsschauplätze und das besiegte Land besuchen durften. Organisiert wurde die Reise vom deutschen Reichsprotektor Konstantin von Neurath und der Führung der Wehrmacht. Der Sinn und Zweck dieser Reise war eindeutig. Wohl eher unfreiwillig fasste einer der tschechischen Teilnehmer ihn mit den Worten zusammen:
"Wir sind den Herren des Protektorats und der deutschen Verwaltung dankbar, dass sie uns diese Reise ermöglichten und so der tschechischen Bevölkerung die Möglichkeit gaben, zu vergleichen, wie sich die Situation vor einem Jahr hier entwickelte und wie sie sich jetzt so tragisch in Polen entwickelte."
Die im Protektoratsrundfunk im Oktober 1939 gesendeten Berichte klingen in den Ohren des heutigen Hörers wie ein Paradebeispiel der perfekt funktionierenden deutschen Propaganda.
"Die Katastrophe ist ein Ergebnis der Fehler der Staatsführung, die die eigenen Kräfte überschätzt und die modernen Waffen ignorierend ihre Soldaten gegen Panzer geschickt hat. Die Taktik der Polen war seltsam, primitiv und veraltet; unnötig opferten sie Menschenleben. Sie hätten sich bewusst sein müssen, dass die deutsche Arm moderner ist und auf einen modernen Krieg vorbereitet ist. Wir sahen die Tragödie eines Volkes, die es selbst verschuldet hat."
In Anbetracht dessen, was Polen und Europa nach dem Oktober 1939 erlebten, stellt man sich heute die Frage, ob die tschechischen Journalisten, die über ihre Polenreise berichtenen, wirklich das glaubten, was sie sagten.
"Wir haben selbst gesehen, dass dort, wo es die Polen in 20 Jahren nicht geschafft haben, eine Autobahn oder andere Strassen zu bauen, heute die deutsche Arbeitsfront Wege baut und Kriegsschäden repariert. Die Polen haben Vertrauen in Deutschland, da nach den Jahren der Unruhe nun eine Zeit des Friedens, der Ruhe anbricht, eine Ära der wirklichen Ordnung."
Soweit der gleichgeschaltete Protektoratsrundfunk im Oktober 1939 über die Lage in Polen. Nicht nur Tschechen und Polen konnten sich wenige Zeit später ein vollkommen anderes Bild von den Nationalsozialisten machen. In den Böhmischen Länder zeigten die deutschen Besatzer nach den Demonstrationen am 28. Oktober 1939 ihr wahres Gesicht. Die Hochschulen wurden geschlossen, neun Studentenvertreter hingerichtet und 1500 Studenten in KZs verschleppt. Während der sechsjährigen Existenz des Protektorats Böhmen und Mähren kamen einige tausend Widerstandskämpfer ums Leben, 275.000 Juden aus der Tschechoslowakei überlebten den Krieg nicht, ebenso wie einige Tausend Roma.
In der Tschechoslowakei war zwar keine Mobilisierung durchgeführt worden, da der Staat nicht existierte und somit das Volk nicht als ganzes gegen die Nationalsozialisten kämpften konnte, doch an allen Fronten - in der Heimat und im Ausland - kämpften Tschechen und Slowaken freiwillig auf Seiten der westlichen Allierten. Die Böhmischen Länder waren während des sechsjährigen Krieges kaum Schauplatz von Schlachten und wurden so vor grösseren Zerstörungen bewahrt. 1944 und 1945 flogen die Allierten einige Bombenangriffe auf nord- und westböhmische Industriestädte und Prag, bei denen einige tausend Menschen ums Leben kamen und für die deutsche Kriegswirtschaft wichtige Fabriken zerstört wurden. Böhmen und Mähren gehörten zu den am längsten von den Deutschen besetzten Gebieten. Erst im April 1945 überschritten die ersten amerikanischen Soldaten die böhmische Grenze. Nach einem in vielen Städten ausgebrochenen Aufstand fielen am 8. Mai auch in den Böhmischen Ländern die letzten Schüsse. Das Kriegsende konnte gefeiert werden.
Soweit das heutige Kapitel aus der tschechischen Geschichte, in dem Sie Material aus dem Archiv des tschechischen Rundfunks hoeren konnten.
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