KAPITEL AUS DER TSCHECHISCHEN
  GESCHICHTE
30 OKTOBER, 1999
Wir laden Sie zu historischen Exkursen in die tausendjährige Geschichte unseres Landes ein.

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Der 17. November 1939

Im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte erinnern wir an die dramatischen Ereignisse vor 60 Jahren, als nach nicht erlaubten Demonstrationen gegen die deutschen Besatzer die tschechischen Hochschulen geschlossen wurden. Einen ungestörten Empfang wünscht Ihnen in den folgenden Minuten Katrin Bock.
Der 28. Oktober ist der Staatsgründungstag der Tschechoslowakei. An jenem Tag im Jahre 1918 wurde die Unabhängigkeit des Staates der Tschechen und Slowaken ausgerufen. In der jungen Republik war er der Staatsfeiertag. Kein Wunder, dass die Tschechen nach der deutschen Besatzung ihres Landes im März 1939 an diesem Tag ihren Protest äussern wollten. In Flugblättern wurde Tage zuvor zu friedlichen Protestaktionen aufgerufen. Die Bürger sollten am 28. Oktober feierliche Sonntagskleidung tragen und mit Bändern in den tschechischen Farben am Revers in das Prager Stadtzentrum kommen. Vor jeglichen Provokationen wurde gewarnt. Zunächst verlief die Demonstration friedlich, wie sich der heute 82jährige Jakub Cermin erinnert:

"Wir wollten sagen dass wir mit dem Zerfall der Republik nicht zufrieden sind, das wollten wir öffentlich sagen, das war keine Demonstration. Wir wollten sagen, dass wir keine Unterdrückung wollen. Es war aber keine gewaltige Revolution."

Am Nachmittag kam es zu ersten Auseinandersetzungen mit deutschen Studenten. Die tschechische Polizei griff ein. Gegen Abend nahmen die Auseinadersetzungen zu - diesmal bereits zwischen Tschechen und deutschen Ordnungshütern. Es fielen Schüsse. Der Polizeibericht vom 28. Oktober lautete:

"Beim Einschreiten gegen die Demonstranten auf dem Karlsplatz nach 19 Uhr kam es zu Schüssen von Seiten der deutschen Organe, durch die einige Personen verletzt wurden. Kurz zuvor kam es zu ähnlichen Vorkommnissen in der Zitna-Str. bei denen der Arbeiter Vaclav Sedlacek tödlich getroffen wurde."

Unter den 15 Verletzten war auch der 23jährige Medizinstudent Jan Opletal. Dieser wurde mit einem Bauchschuss sofort in das nächstgelegene Krankenhaus transportiert. Dort verstarb er am 11. November 1939.

Die Nachricht vom Tode des Studenten verbreitete sich schnell unter seinen Komilitonen. Diese planten eine würdevolle Verabschiedung von ihrem verstorbenen Kamaraden. Nachdem Studentenvertreter das Versprechen gaben, dass es beim Trauermarsch zu keinen politischen Demonstrationen kommen würde, gaben die deutschen Organe ihre Erlaubnis. Zunächst verlief die Verabschiedung von dem Medizinstudeten in Ruhe und Würde. 3.000 Studenten versammelten sich am 15. November vor dem Pathologischen Institut, wo die Leiche Opletals aufgebahrt war. Von dort setzte sich der Trauerzug Richtung Karlsplatz in Bewegung. Zunächst herrschte tiefes Schweigen, dann begannen die Studenten, die tschechoslowakische Nationalhymne zu singen und weitere tschechische nationale Lieder. Die tschechische Polizei griff ein und löste den Trauermarsch auf. Doch dies konnte die Studenten nicht stoppen. In Gruppen zogen sie durch das Stadtzentrum, riefen antideutsche Parolen und rissen deutsche Aufschriften von Geschäften.

SS- Gruppenführer Karl Herman Frank, der bereits am 28. Oktober ein härteres Vorgehen der Polizei gewüscht hatte, und Reichsprotektor Konstantin von Neurath flogen nach den Studentendemonstrationen vom 15. November nach Berlin, um mit Hitler persönlich das weitere Vorgehen abzusprechen. Hitler drohte, bei weiteren antideutschen Aktionen Prag dem Erdboden gleichzumachen. Vorerst ordnete er die Schliessung der tschechischen Hochschulen für eine Dauer von drei Jahren an. Doch bei der Schliessung der Hochschulen blieb es nicht, die Bestrafung durch die deutschen Besatzer fiel härter aus. Neun Studentenführer wurden am 16. November verhaftet und ohne Gerichtsverfahren noch am selben Tag erschossen. In der Nacht zum 17. November wurden 1.200 Studenten in ihren Wohnheimen aus ihren Betten gezerrt, in ein Prager Gefängnis verschleppt und von dort in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Am 17. November hing folgende Bekanntmachung iauf rotem Papier n den Strassen des Protektorats:

"Trotz wiederholter ernster Warnungen versucht seit einiger Zeit eine Gruppe tschechischer Intelektueller in Zusammenarbeit mit Emigrantenkreisen im Ausland durch kleine oder grössere Widerstandsakte die Ruhe und Ordnung im Protektorat Böhmen und Mähren zu stören. Es konnte dabei festgestellt werden, dass sich Rädelsführer dieser Widerstandsakte besonders auch in den tschechischen Hochschulen befinden. Da sich am 28. Oktober und 15. November diese Elemente hinreissen liessen, gegen einzelne Deutsche tätlich vorzugehen, wurden die tschechischen Hochschulen auf die Dauer von drei Jahren geschlossen, neun Täter erschossen und eine grössere Anzahl in Haft genommen."

Unter den 1.200 verhafteten Studenten war auch Jakub Cermin, damals 22jähriger Jura-Student:

"Wir dachten, die Deutschen wollen nur ihre Macht demonstrieren, wir dachten, wir können nach drei Wochen wieder zurück. Wir wurden drei Jahre eingeschlossen. Wir haben damit nicht gerechnet, das war die grösste Überraschung. Auf einmal waren wir im KZ. Für uns war das schrecklich."

Von den 1.200 tschechischen Studenten starben 20 im KZ Sachsenhausen. Die anderen wurden im Verlauf von knapp drei Jahren entlassen.

"Wir Studenten waren eine Ausnahme, wir konnten alle zurückkommen. Dies galt nicht für andere. Unsere Protektoratsregierung hat das mit Hitler abgemacht."

Der heute 82jährige Jakub Cermin wurde nach 2 1/2 Jahren aus dem KZ Sachsenhausen entlassen und kehrte nach Prag zurück, wo er bis Kriegsende lebte. Andere Studenten flohen in den Westen und schlossen sich dort den tschechoslowakischen Einheiten an. Einer von ihnen, Pavel Svoboda, berichtete in London tschechoslowakischen Studenten im Exil von den Vorkommnissen in Prag am 17. November. Diese setzten sich zur Aufgabe, die Welt von den Gewalttaten der Deutschen zu informieren. Vaclav Straka engagierte sich damals:

"Nach England kam damals ein Student aus Sachsenhausen und hat uns erzählt, was passiert ist. Wir haben beschlossen, die Tätigkeit unserer Studentenorganisation im Exil zu erneuern und Britanien und die ganze Welt über das Schicksal der Prager Studenten in Kenntnis zu setzen. Wir haben Kontakt zu anderen Studentengruppen aufgenommen, in Britanien, Frankreich, den USA. Jedes Jahr fanden dann am 17. November grosse Versammlungen statt und daraus entstand die Weltorganisation der Studenten. Es wurde beschlossen, nach dem Krieg ihren Sitz nach Prag zu verlegen."

In der Tat erhielt die Weltorganisation der Studenten ihren Sitz in Prag. Der 17. November wurde bereits 1941 zum Weltstudententag erklärt. Doch nach der Machtergreifung der Kommunisten 1948 missbrauchten diese die Organisation für ihre Zwecke. Die Studenten des 17. Novembers 1939 hatten zum Grossteil auch unter den neuen Machthabern Probleme, 20 von ihnen wurden wegen antisozialistischer Tätigkeiten zu langen Gefängnisstrafen verurteilt, unter ihnen auch Jakub Cermin, der sechs Jahre in kommunistischen Gefängnissen verbrachte.

Die Demonstrationen vom 28. Oktober und 15. November 1939 waren die letzten grossen Kundgebungen der Tschechen gegen die deutschen Besatzer. Diese waren von der Grösse des Protestes kurz nach Kriegsbeginn überrascht worden. Da sich das Deutsche Reich im Kireg befand, duldete es keine Protestaktionen seiner Bewohner, zu denen auch die Tschechen im Protektorat gehörten. Entsprechend hart fiel die "Sonderaktion Prag vom 17. November" aus. Der Protektoratspräsident Emil Hacha rief am 18. November 1939 seine Mitbürger zu Ruhe und Besonnenheit auf:

"Liebe Mitbürger, ich spreche zu Euch in einer ausgewöhnlichen Zeit des Krieges, die Disziplin und ein Gefühl für Verantwortung des Volkes und jedes einzelnen erfordert. In den letzten Tagen kam es zu Ereignissen, die unsere nationale Sache schwer bedrohen. Denkt an das mögliche Leiden eurer Frauen und Kinder, wenn ihr euch zu unüberlegten Taten verführen lasst. Mit sinnlosem Widerstand und unverantwortlichen öffentlichen Äusserungen kann man nichts erreichen, aber viel verlieren. Seid überzeugt, dass euer Präsident und die Regierung sich für die Sache des tschechoslowakischen Volkes so einsetzen, wie es am besten ist."

Über das wahre Ziel der deutschen Besatzer sprach der tschechoslowaikische Exilpräsident Edvard Benes in einer von der BBC ausgestrahlten Botschaft an sein Volk Anfang Dezember 1939:

" Sie wollen unsere Schulen und Universtitäten zerstören, damit nach diesem Krieg keine tschechischen intelektuellen Führer mehr existieren werden, und um dann zu zeigen, dass wir uns selbst nicht regieren können. Sie wollen uns all unseren Reichtum stehlen und uns materiel und geistig zerstören. Nichts wird ihnen aber gelingen. Der Nationalsozialismus ist ein Gift, das den tschechischen Körper nicht vergiftet. Ich weiss, dass ihr in eurem Geiste standhaft bleibt. Lasst euch nicht provozieren, wir werden wieder frei sein."

Soweit die sehr unterschiedlichen Reden des Protektoratspräsidenten und des Exilpräsidenten der Tschechoslowakei. Die tschechischen Hochschulen blieben bis Kriegsende geschlossen, während die Prager deutsche Hochschule Anfang November 1939 feierlich zur Reichshochschule erklärt wurde und bis Mai 1945 ihren Betrieb nicht einstellte.

An den 17. November erinnerten die Kommunisten nach 1948 in ihrem Sinne. Auch am 17. November 1989 fand eine Gedenkveranstaltung statt, zu der offiziell der kommunistische Jugendverband eingeladen hatte. Doch zu dieser und ihren Folgen mehr im nächsten Geschichtskapitel.

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