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Der 17. November 1939
Im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte
erinnern wir an die dramatischen Ereignisse vor 60 Jahren,
als nach nicht erlaubten Demonstrationen gegen die deutschen
Besatzer die tschechischen Hochschulen geschlossen wurden.
Einen ungestörten Empfang wünscht Ihnen in den folgenden
Minuten Katrin Bock.
Der 28. Oktober ist der Staatsgründungstag der
Tschechoslowakei. An jenem Tag im Jahre 1918 wurde die
Unabhängigkeit des Staates der Tschechen und Slowaken
ausgerufen. In der jungen Republik war er der
Staatsfeiertag. Kein Wunder, dass die Tschechen nach der
deutschen Besatzung ihres Landes im März 1939 an diesem Tag
ihren Protest äussern wollten. In Flugblättern wurde Tage
zuvor zu friedlichen Protestaktionen aufgerufen. Die Bürger
sollten am 28. Oktober feierliche Sonntagskleidung tragen
und mit Bändern in den tschechischen Farben am Revers in das
Prager Stadtzentrum kommen. Vor jeglichen Provokationen
wurde gewarnt. Zunächst verlief die Demonstration friedlich,
wie sich der heute 82jährige Jakub Cermin erinnert:
"Wir wollten sagen dass wir mit dem Zerfall der Republik
nicht zufrieden sind, das wollten wir öffentlich sagen, das
war keine Demonstration. Wir wollten sagen, dass wir keine
Unterdrückung wollen. Es war aber keine gewaltige
Revolution."
Am Nachmittag kam es zu ersten Auseinandersetzungen mit
deutschen Studenten. Die tschechische Polizei griff ein.
Gegen Abend nahmen die Auseinadersetzungen zu - diesmal
bereits zwischen Tschechen und deutschen Ordnungshütern. Es
fielen Schüsse. Der Polizeibericht vom 28. Oktober lautete:
"Beim Einschreiten gegen die Demonstranten auf dem
Karlsplatz nach 19 Uhr kam es zu Schüssen von Seiten der
deutschen Organe, durch die einige Personen verletzt wurden.
Kurz zuvor kam es zu ähnlichen Vorkommnissen in der
Zitna-Str. bei denen der Arbeiter Vaclav Sedlacek tödlich
getroffen wurde."
Unter den 15 Verletzten war auch der 23jährige
Medizinstudent Jan Opletal. Dieser wurde mit einem
Bauchschuss sofort in das nächstgelegene Krankenhaus
transportiert. Dort verstarb er am 11. November 1939.
Die Nachricht vom Tode des Studenten verbreitete sich
schnell unter seinen Komilitonen. Diese planten eine
würdevolle Verabschiedung von ihrem verstorbenen Kamaraden.
Nachdem Studentenvertreter das Versprechen gaben, dass es
beim Trauermarsch zu keinen politischen Demonstrationen
kommen würde, gaben die deutschen Organe ihre Erlaubnis.
Zunächst verlief die Verabschiedung von dem Medizinstudeten
in Ruhe und Würde. 3.000 Studenten versammelten sich am 15.
November vor dem Pathologischen Institut, wo die Leiche
Opletals aufgebahrt war. Von dort setzte sich der Trauerzug
Richtung Karlsplatz in Bewegung. Zunächst herrschte tiefes
Schweigen, dann begannen die Studenten, die
tschechoslowakische Nationalhymne zu singen und weitere
tschechische nationale Lieder. Die tschechische Polizei
griff ein und löste den Trauermarsch auf. Doch dies konnte
die Studenten nicht stoppen. In Gruppen zogen sie durch das
Stadtzentrum, riefen antideutsche Parolen und rissen
deutsche Aufschriften von Geschäften.
SS- Gruppenführer Karl Herman Frank, der bereits am 28.
Oktober ein härteres Vorgehen der Polizei gewüscht hatte,
und Reichsprotektor Konstantin von Neurath flogen nach den
Studentendemonstrationen vom 15. November nach Berlin, um
mit Hitler persönlich das weitere Vorgehen abzusprechen.
Hitler drohte, bei weiteren antideutschen Aktionen Prag dem
Erdboden gleichzumachen. Vorerst ordnete er die Schliessung
der tschechischen Hochschulen für eine Dauer von drei Jahren
an. Doch bei der Schliessung der Hochschulen blieb es nicht,
die Bestrafung durch die deutschen Besatzer fiel härter aus.
Neun Studentenführer wurden am 16. November verhaftet und
ohne Gerichtsverfahren noch am selben Tag erschossen. In der
Nacht zum 17. November wurden 1.200 Studenten in ihren
Wohnheimen aus ihren Betten gezerrt, in ein Prager Gefängnis
verschleppt und von dort in das Konzentrationslager
Sachsenhausen. Am 17. November hing folgende Bekanntmachung
iauf rotem Papier n den Strassen des Protektorats:
"Trotz wiederholter ernster Warnungen versucht seit einiger
Zeit eine Gruppe tschechischer Intelektueller in
Zusammenarbeit mit Emigrantenkreisen im Ausland durch kleine
oder grössere Widerstandsakte die Ruhe und Ordnung im
Protektorat Böhmen und Mähren zu stören. Es konnte dabei
festgestellt werden, dass sich Rädelsführer dieser
Widerstandsakte besonders auch in den tschechischen
Hochschulen befinden. Da sich am 28. Oktober und 15.
November diese Elemente hinreissen liessen, gegen einzelne
Deutsche tätlich vorzugehen, wurden die tschechischen
Hochschulen auf die Dauer von drei Jahren geschlossen, neun
Täter erschossen und eine grössere Anzahl in Haft genommen."
Unter den 1.200 verhafteten Studenten war auch Jakub Cermin,
damals 22jähriger Jura-Student:
"Wir dachten, die Deutschen wollen nur ihre Macht
demonstrieren, wir dachten, wir können nach drei Wochen
wieder zurück. Wir wurden drei Jahre eingeschlossen. Wir
haben damit nicht gerechnet, das war die grösste
Überraschung. Auf einmal waren wir im KZ. Für uns war das
schrecklich."
Von den 1.200 tschechischen Studenten starben 20 im KZ
Sachsenhausen. Die anderen wurden im Verlauf von knapp drei
Jahren entlassen.
"Wir Studenten waren eine Ausnahme, wir konnten alle
zurückkommen. Dies galt nicht für andere. Unsere
Protektoratsregierung hat das mit Hitler abgemacht."
Der heute 82jährige Jakub Cermin wurde nach 2 1/2 Jahren aus
dem KZ Sachsenhausen entlassen und kehrte nach Prag zurück,
wo er bis Kriegsende lebte. Andere Studenten flohen in den
Westen und schlossen sich dort den tschechoslowakischen
Einheiten an. Einer von ihnen, Pavel Svoboda, berichtete in
London tschechoslowakischen Studenten im Exil von den
Vorkommnissen in Prag am 17. November. Diese setzten sich
zur Aufgabe, die Welt von den Gewalttaten der Deutschen zu
informieren. Vaclav Straka engagierte sich damals:
"Nach England kam damals ein Student aus Sachsenhausen und
hat uns erzählt, was passiert ist. Wir haben beschlossen,
die Tätigkeit unserer Studentenorganisation im Exil zu
erneuern und Britanien und die ganze Welt über das Schicksal
der Prager Studenten in Kenntnis zu setzen. Wir haben
Kontakt zu anderen Studentengruppen aufgenommen, in
Britanien, Frankreich, den USA. Jedes Jahr fanden dann am
17. November grosse Versammlungen statt und daraus entstand
die Weltorganisation der Studenten. Es wurde beschlossen,
nach dem Krieg ihren Sitz nach Prag zu verlegen."
In der Tat erhielt die Weltorganisation der Studenten ihren
Sitz in Prag. Der 17. November wurde bereits 1941 zum
Weltstudententag erklärt. Doch nach der Machtergreifung der
Kommunisten 1948 missbrauchten diese die Organisation für
ihre Zwecke. Die Studenten des 17. Novembers 1939 hatten zum
Grossteil auch unter den neuen Machthabern Probleme, 20 von
ihnen wurden wegen antisozialistischer Tätigkeiten zu langen
Gefängnisstrafen verurteilt, unter ihnen auch Jakub Cermin,
der sechs Jahre in kommunistischen Gefängnissen verbrachte.
Die Demonstrationen vom 28. Oktober und 15. November 1939
waren die letzten grossen Kundgebungen der Tschechen gegen
die deutschen Besatzer. Diese waren von der Grösse des
Protestes kurz nach Kriegsbeginn überrascht worden. Da sich
das Deutsche Reich im Kireg befand, duldete es keine
Protestaktionen seiner Bewohner, zu denen auch die Tschechen
im Protektorat gehörten. Entsprechend hart fiel die
"Sonderaktion Prag vom 17. November" aus. Der
Protektoratspräsident Emil Hacha rief am 18. November 1939
seine Mitbürger zu Ruhe und Besonnenheit auf:
"Liebe Mitbürger, ich spreche zu Euch in einer
ausgewöhnlichen Zeit des Krieges, die Disziplin und ein
Gefühl für Verantwortung des Volkes und jedes einzelnen
erfordert. In den letzten Tagen kam es zu Ereignissen, die
unsere nationale Sache schwer bedrohen. Denkt an das
mögliche Leiden eurer Frauen und Kinder, wenn ihr euch zu
unüberlegten Taten verführen lasst. Mit sinnlosem Widerstand
und unverantwortlichen öffentlichen Äusserungen kann man
nichts erreichen, aber viel verlieren. Seid überzeugt, dass
euer Präsident und die Regierung sich für die Sache des
tschechoslowakischen Volkes so einsetzen, wie es am besten
ist."
Über das wahre Ziel der deutschen Besatzer sprach der
tschechoslowaikische Exilpräsident Edvard Benes in einer von
der BBC ausgestrahlten Botschaft an sein Volk Anfang
Dezember 1939:
" Sie wollen unsere Schulen und Universtitäten zerstören,
damit nach diesem Krieg keine tschechischen intelektuellen
Führer mehr existieren werden, und um dann zu zeigen, dass
wir uns selbst nicht regieren können. Sie wollen uns all
unseren Reichtum stehlen und uns materiel und geistig
zerstören. Nichts wird ihnen aber gelingen. Der
Nationalsozialismus ist ein Gift, das den tschechischen
Körper nicht vergiftet. Ich weiss, dass ihr in eurem Geiste
standhaft bleibt. Lasst euch nicht provozieren, wir werden
wieder frei sein."
Soweit die sehr unterschiedlichen Reden des
Protektoratspräsidenten und des Exilpräsidenten der
Tschechoslowakei. Die tschechischen Hochschulen blieben bis
Kriegsende geschlossen, während die Prager deutsche
Hochschule Anfang November 1939 feierlich zur
Reichshochschule erklärt wurde und bis Mai 1945 ihren
Betrieb nicht einstellte.
An den 17. November erinnerten die Kommunisten nach 1948 in
ihrem Sinne. Auch am 17. November 1989 fand eine
Gedenkveranstaltung statt, zu der offiziell der
kommunistische Jugendverband eingeladen hatte. Doch zu
dieser und ihren Folgen mehr im nächsten Geschichtskapitel.
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