KAPITEL AUS DER TSCHECHISCHEN GESCHICHTE 3 APRIL, 1999

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Johannes von Nepomuk

Vor 606 Jahren, am 20.März 1393, starb in Prag einer derå bekanntesten böhmischen Märtyrer und Heiligen - Johannes vonå Nepomuk. Den böhmischen Brückenheiligen kennen wohl dieå meisten von Ihnen. Doch, Hand aufs Herz, liebe Hörerinnenå und Hörer, kennen Sie wirklich die Lebensgeschichte deså Heiligen Johannes von Nepomuk? Falls ja, dann können Sie inå den folgenden Minuten getrost weghören. Falls Sie sich nichtå sicher sind, dann hören Sie rein, in das heutige, österlicheå Kapitel aus der tschechischen Geschichte.
Wie es bei den meisten Heiligen der Fall ist, die vor langer Zeit gestorben sind, ranken sich auch um das Leben, Sterben und spätere Wunder des Johannes von Nepomuk die verschiedensten Legenden. Die bekannteste Legende ist wohl die, in der der Heilige als Beichtvater der böhmischen Königin Sophie auftritt. Ihr Gatte, der als jähzornig geltende Wenzel IV. soll versucht haben, von Johannes von Nepomuk die Beichte seiner Gattin zu erfahren. Doch der treue Beichtvater soll allen Torturen widerstanden und das Beichtgeheimis der Frau Königin mit in die Fluten der Moldau genommen haben, in die ihn der erzürnte König von der Prager Karlsbrücke werfen liess, wodurch der Heilige zu Tode kam.

Das einzig historisch Wahre an dieser Geschichte sind wohl der Ort des Geschehens sowie die Anwesenheit Wenzels IV. Doch Beichtvater der Königin Sophie war Johannes von Nepumuk nie gewesen und ein Beichtgeheimnis wurde ihm deshalb auch nicht zum Verhängnis. Vielmehr wurde ihm das schlechte Verhältnis zwischen Kirche und König zum Verhängnis, das sich Ende des 14. Jahrhunderts entscheidend zuspitzte.

Zur Welt gekommen ist Johannes von Nepomuk wahrscheinlich um das Jahr 1340 im südböhmischen Nepomuk in der Nähe von Budweis. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts weiter bekannt. Erstmals taucht 1369 die Unterschrift "Johannes olim Welflini de Pomuk" auf einer Urkunde auf. Zu diesem Zeitpunkt war Johannes von Nepomuk in Prag Notar. Nach einem Studium in Prag und Padua begann seine Karriere in der Kirchenhierarchie, die 1389 in seiner Ernennung zum Generalvikar, dem zweitmächtisten Mann im Prager Erzbistum, gipfelte.

Wahrscheinlich wäre Johannes von Nepomuk niemals in die Geschichte eingegangen, sein Name wäre einer unter tausenden in der böhmischen Kirchengeschichte geblieben, wenn er im März des Jahres 1393 mit seiner Unterschrift nicht die Wahl des neuen Abtes im Kloster Klatruby bestätigt hätte. Diese an sich banale Tat war Grund für König Wenzel IV. Nepomuk und weitere Mitarbeiter des Erzbischofes am 19. März 1393 verhaften zu lassen. Denn mit seiner Unterschrift war Johannes von Nepomuk direkt in die sich seit einigen Jahren zuspitzende Auseinandersetzung zwischen König Wenzel IV. und Erzbischof Johann von Jenstein geraten.

Die beiden gegensätzlichen Männer trachteten danach, den Einfluss des jeweils anderen zu schmälern und die eigene Macht zu vergrössern. Dabei schienen ihnen alle Mittel recht zu sein. Anfang 1393 versuchte Wenzel IV. den Einfluss seines kirchlichen Rivalen erneut zu schmälern, indem er das Prager Erzbistum durch die Erhöhung des Klosters von Klatruby zu einem eigenen Bistum verkleinern wollte. Doch Erzbischof Jenstein war schneller. Nach dem Tode des alten Abtes ernannte er kurzerhand einen neuen, dadurch konnte Wenzel seinen Plan nicht mehr durchführen. Dies scheint den jähzornigen König unglaublich erzürnt zu haben, denn er schrieb eine Reihe von Drohbriefen an den Kirchenmann, in denen er diesem unter anderem androhte, ihn in der Moldau zu ertränken. Da der Erzbischof in jenen Wochen nicht in Prag weilte, wurden seine engsten Mitarbeiter verhaftet, darunter auch Johannes von Nepomuk.

Die Verhafteten wurden in die Folterkammer in der Rytirska unweit des heutigen Wenzelsplatzes gebracht. Wenzel IV. soll sich persönlich an den Folterungen beteiligt haben, wobei den meisten Historikern nicht ganz klar ist, was der König von den Gepeinigten eigentlich erfahren wollte. Das Beichtgeheimnis der Königin bestimmt nicht. Wie dem auch sei, Johannes von Nepomuk, der von eher schwächlicher Natur gewesen sein soll, überlebte die Tortur nicht. Noch in der selben Nacht liess der König seinen Leichnam von der Karlsbrücke in die Moldau werfen. Erst knapp einen Monat später wurde er entdeckt und in der Kirche zum grösseren heiligen Kreuz bestattet. Drei Jahre später, im November 1396, wurde er in den Veitsdom überführt, wo er seine letzte Ruhestätte fand.

Erzbischof Johannes von Jenstein zog Konsequenzen aus dem Vorgehen des Königs und dem Tode seines Mitarbieters, er verliess Böhmen fluchtartig und zog sich nach Rom zurück, wo er 1396 verstarb.

Die Legende vom schweigsamen Beichtvater entstand wahrscheinlich bereits im 15. Jh. in Bayern. Der Chronist Thomas Ebendorfer von Haselbach beschrieb in seiner Geschichte der römischen Kaiser die Untaten Wenzels IV. Als Beispiel führte er das Schicksal des Johannes von Nepomuk an, den Wenzel in die Moldau habe werfen lasse, da er das Beichtgeheimnis der Königin nicht preisgeben wollte. Die historischen Tatsachen dagegen belegt ein Brief des Erzbischofes Johannes von Jenstein an Papst Urban VI., in dem er sich bei diesem über das Verhalten König Wenzels auf das heftigste beschwerte und die Ereignisse jener Nacht genau schilderte.

Zu einer Verwechslung kam es im 16. Jahrhundert, als an die Seitenzahl einer Chronik eine Eins hinzugefügt wurde, so dass für einen unachtsamen Leser auf einmal das Todesdatum 1383 für Johannes von Nepomuk entstand. Diesem Irrtum fiel 1539 Vaclav Hajek von Libocany zum Opfer, der in seiner Böhmischen Chronik kurzerhand erklärte, es gäbe einen Johannes von Nepomuk, der 1383 von der Moldaubrücke in den Fluss geworfen worden sei, weil er das Beichtgeheimnis der Königin nicht verraten wollte. Zudem gebe es einen anderen Johannes von Nepomuk, der zehn Jahre später, 1393, auf eben dieselbe Weise zu Tode gekommen sei, wobei man aber nicht den Grund kenne. Diese Version der zwei Johannesse lebte einige Jahrhunderte weiter. Auch der für die spätere Heiligsprechung zuständige Kirchenmann führte ein falsches Todesdatum an, nämlich den 16. Mai 1383. Aus diesem Grund ist bis heute der 16. Mai und nicht der 20. März, der wirkliche Todestag, der Namenstag des Johannes von Nepomuks.

Mitte des 17. Jahrhunderts nahmen die Bemühungen zu, den böhmischen Märtyrer Heiligsprechen zu lassen. Doch Rom forderte weitere Beweise von Wundertaten. Aus diesem Grunde exhumierte man 1719 die Leiche Nepomuks. Als die Ärzte und kirchlichen Experten die sterblichen Überreste des Märtyrers emporhoben, soll aus dem Schädel ein rötliches Gewebe gefallen sein. "Die Zunge des schweigsamen Beichtvaters" - alle Anwesenden waren sich einig, das dies nichts anderes sein konnte - ein Wunder war geschehen, der Heiligsprechungsprozess beschleunigte sich. 1721 wurde der zukünftige Brückenheilige selig gesprochen. Am 19. März 1729 wurde Johannes von Nepomuk in die Reihe der von Rom anerkannten Heiligen aufgenommen. In Prag feierte man dieses Ereignis einige Tage lang mit unzähligen Prozessionen und Messen und in der falschen Annahme, dass der neue Heilige gestorben sei, um das Beichtgeheimnis der Königin zu wahren.

Eine weitere Legende entstand im 19. Jahrhundert mit dem wachsenden Nationalbewusstsein der Tschechen. Diese sahen plötzlich in dem Heiligen, dessen Abbild hunderte von Brücken im Königreich Böhmen schmückte, einen von den verhassten Jesuiten künstlich erfundenen Heiligen, der die Aufgabe gehabt hätte, die Tschechen von der Verehrung ihres Nationalhelden Jan Hus abzulenken und das ungläubige, protestantische böhmische Volk für den katholischen Glauben wiederzugewinnen. Nach der Entstehung der selbständigen Tschechoslowakei 1918 führte jene Behauptung in einigen Städten und Dörfen zur Zerstörung der Nepomuk-Statuen.

Eines ist sicher: Johannes von Nepomuk ist neben dem hl. Wenzel und dem hl. Adalbert der bekannteste böhmische Heilige überhaupt. Rainer Maria Rilke veranlasste der Brückenkult zum Verfassen des folgenden kurzen Gedichts: "Auf allen Brucken, lauter, lauter Nepomuken." Die erste Nepomuk-Stautue wurde bereits vor seiner Heiligsprechung errichtet, und zwar 1683 auf der Prager Karlsbrücke. Noch heute ist die Statue des Brückenheiligen die wohl populärste unter den Statuen auf der Karlsbrücke. Denn das Berühren der Figur des unglücklichen Märtyrers auf einem unter der Statue befindlichen Relief soll Glück bringen.

Seine typischen Attribute sind Sternenkranz und Kreuz. Johannes ist abgesehen von der Muttergottes der einzige Heilige, dessen Haupt von einem Strernenkranz umgeben wird. Einer weiteren Legende zufolge ist dieses der Fall, da Sterne leuchteten, als man seinen Leichnam im trüben Moldauwasser entdeckte.

Dies könnte auch Goethe zu einem Gedicht veranlasst haben, dass er bei einem seiner zahlreichen Aufenthalte in den böhmischen Bädern über Nepomuk verfasste:
Lichtlein schwimmen auf dem Strome
Kinder singen auf den Brücken,
Glocke, Glöckchen fügt vom Dome
sich der Andacht, dem Entzücken.

Lichtlein schwinden, Sterne schwinden
also löste sich die Seele
unsres Heilgen, nicht verkünden
Durft er anvertraute Fehle.

Lichtlein Schwimmet! Spielt, ihr Kinder
Kinder Chor, o singe, singe!
Und verkündiget nicht minder,
was den Stern zu Sternen bringe.


Auch den Kommunisten liess der populäre Brückenheilige keine Ruhe. Sie wollten einer der Legenden wissenschaftlich auf den Grund gehen und öffenten 1972 das Grab des Nepomuk erneut. Diesmal wurde im Gegensatz zum 18. Jahrhundert rein wissenschaftlich vorgegangen und die angebliche Zunge als Teile der Grosshirnrinde identifiziert. Doch die Prager sahen darin ein weiteres Wunder und eine neue Legende machte die Runde: Die Reliquie weise stets darauf hin, was sich gerade in höchster Gefahr befinde. Während im 18. Jahrhundert die böhmische Zunge sprich Sprache bedroht gewesen sei, gehe es unter den Kommunisten darum, nicht den Verstand zu verlieren.

Und damit sind wir am Ende unseres heutigen Geschichtskapitels. Frohe Ostertage wünschen Ihnen Katrin Bock und Franz-Josef Balkhausen.


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