KAPITEL AUS DER TSCHECHISCHEN GESCHICHTE 29 MAI, 1999

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Tomas Garrigue Masaryk

Vor 65 Jahren, am 24.Mai 1934, wurde Tomas Garrigue Masaryk zum dritten - und letzten Mal - zum tschechoslowakischen Präsidenten gewählt. Aus diesem Anlass wollen wir im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte einen näheren Blick auf das Leben und Wirken dieses grossen tschechischen bzw. tschechoslowakischen Staatsmannes werfen. Gute Unterhaltung und einen ungestörten Empfang wünschen Ihnen Franz Josef Balkhausen und Katrin Bock.
Das eben gehörte Lied "Ach, synku, synku" - Ach, Söhnchen, Söhnchen - war angeblich das Lieblingslied des ersten tschechoslowakischen Präsidenten. Aus diesem Grund gehörte das Volkslied während der kommunistischen Ära zu den vom offiziellen Regime nicht gerade geliebten Liedern. Denn Masaryk stand, wie so viele andere nichtkommunistische Politiker der ersten Republik nicht hoch im Ansehen der Machthaber zwischen 1948 und 1989. Erst während der Samtenen Revolution vor zehn Jahren tauchten in Schaufenstern und an anderen Orten wieder Bilder und Büsten Masaryks auf. Jahrzehnte waren sie in Schubladen, auf Dachböden, unter Betten oder sonst wo von treuen Anhängern aufbewahrt worden. Überall im Lande wurden inzwischen Masaryk-Denkmäler errichtet. Nur in der Hauptstadt Prag konnte man sich bisher nicht auf einen geeigneten Ort einigen. Ein zur Errichtung eines Masaryk-Denkmals gegründeter Verein hofft nun, dass spätestens anlässlich von Masaryks 150. Geburtstag im nächsten Jahr endlich sein Denkmal an einem würdigen Ort in der Hauptstadt enthüllt werden wird.

TGM, wie Tomas Garrigue Masaryk der Einfachheit halber hierzulande genannt wird, wird auch heute von vielen Tschechen verehrt. In den Augen vor allem älterer Tschechen und Tschechinnen gleicht er einem Heiligen, dem die Tschechen und Slowaken die Unabhängigkeit ihres Staates zu verdanken haben und der durch seine moralische Authorität und seine Persönlichkeit zum guten Ansehen der Tschechen im Ausland beitrug. Mit Nostalgie wird in der heutigen unruhigen Zeit der Transformationen auf die gute alte Zeit der ersten Republik zwischen den Weltkriegen geschaut, in der alles funktioniert zu haben scheint, in der es anscheinend keine Probleme gab, und in der ein perfekter Präsident in der Prager Burg residierte: TGM.

Im November 1918 wurde Masaryk von der revolutionären Nationalversammlung zum ersten tschechoslowakischen Präsidenten gewählt. Zu diesem Zeitpunkt weilte er noch in den USA, wo er sich für die Selbständigkeit eines Staates der Tschechen und Slowaken eingesetzt hatte. Bei Kriegsende war Masaryk bereits 68 Jahre alt und hatte eine Karriere als angesehener Professor, als Abgeordneter im Wiener Reichstag und Mitbegründer der Realistenpartei hinter sich.

Geboren war er am 7. März 1850 im südmährischen Hodonin. Seine Schulbildung genoss er am deutschen Gymnasium in Brno und später in Wien, wo er auch studierte. Es folgte ein Studienaufenthalt in Leipzig, bei dem er 1877 seine zukünftige Gattin Charlotte Garrigue kennenlernte, Tochter eines reichen amerikanischen Geschäftsmannes. Ihren Nachnamen Garrigue fügte Masaryk in seinen Namen ein. Seit 1882 lehrte Masaryk an der Prager Karlsuniversität.

Bereits vor Beginn des Ersten Weltkrieges war Masaryk im Ausland bekannt und geschätzt. Dazu hatten zwei Affären beigetragen, in denen Masaryk Ende des 19. Jahrhunderts seine moralische Standhaftigkeit bewiesen hatte. Im Streit um die sog.-en Grünberger- und Königinnenhofer Handschriften unterlag Masaryk im Gegensatz zu vielen seiner Landsleuten nicht der patriotischen Hysterie. Die für mittelalterlich gehaltenen Handschriften, nachweislich Fälschungen aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, sollten die lange Geschichte und kulturelle Tradition der Tschechen belegen, die laut den dem Nibelungenlied nachempfundenen Handschriften, auf eine längere Tradition blicken können wie die Deutschen. Masaryk blieb standhaft und erklärte, dass das Nationalgefühl einer Nation nicht auf Fälschungen beruhen könne. Dies brachte ihm die Kritik zahlreicher tschechischer Politiker ein, andere bewunderten ihn für seine berechtigte Standhaftigkeit entgegen dem Zeitgeist.

Bei der zweiten Affäre handelte es sich um die sog. Hilsneriade im Jahre 1899. Masaryk gehörte zu den wenigen Menschen in den Böhmischen Ländern, die den angeblichen jüdischen Ritualmord an einer jungfräulichen Christin für Unsinn erklärten und sich für eine Freilassung des zu Unrecht angeklagten Leopold Hilsner einsetzten. Ohne Erfolg allerdings. Hilsner wurde damals des Ritualmordes für schuldig erklärt und zum Tode verurteilt, die tschechische Bevölkerung jubelte. Hilsner wurde begnadigt und 1918 aus der Haft entlassen. Sein Einsatz gegen den damals im ganzen Lande herrschenden Antisemtismus brachte Masaryk im Ausland hohes Ansehen, dass ihm während des Ersten Weltkrieges bei seinem Kampf für die Unabhängigkeit seines Landes half.

Auch nach dem Krieg blieb das Bild des moralisch Unfehlbaren bestehen. Masaryk selbst trug zur Schaffung dieses Mythus während seiner 17jährigen Präsidentschaft bei. Vom Volk wurde er als Befreier-Präsident bewundert und als Väterchen des Staates verehrt. 1930, anlässlich seines 80.Geburtstages, wurde ihm zu Ehren ein neues Gesetz verabschiedet mit dem Wortlaut: Tomas G. Masaryk hat sich um den Staat verdient gemacht.

Das Bild von Masaryk, das auch heute noch in den Köpfen der meisten Tschechen herumspukt, wurde auch durch das von Karel Capek verfasste Buch "Gespräche mit TGM" geprägt. Diese Gespräche des Schriftstellers und Freundes Masaryks mit dem Präsidenten bezogen sich fast ausschliesslich auf Politik, Philosophie und Kultur. Persönliches kam nicht zur Sprache. Die damalige politische Elite war sich einig darin, dass das Bild eines spartanisch lebenden Präsidenten, dessen Lebensinhalt Philosophieren, Leibesübungen und die Führung politischer Geschäfte sei, ein wichtiger Bestandteil des tschechoslowakischen Patriotismus sei und dass deswegen Persönliches aus dem Leben des ersten Mannes im Staate nicht an die Öffentlichkeit gelangen dürfe.

Karel Capek hielt sich in seinem Buch daran, doch unter Freunden erzählte er manchmal, worüber er sich sonst noch mit dem Präsidenten unterhalte: über Frauen, Sexualität, politischen Tratsch und andere menschliche Dinge. Capek äusserte Freunden gegenüber, dass es Masaryk nach dem Tode seiner Frau 1923 stets schmeichele, wenn er auf Frauen Eindruck mache, dass er selbst sich gern nach schönen Frauen umdrehe. Dabei hat eine Frau wohl besonders Eindruck auf den Staatspräsidenten gemacht: Oldra Sedelmayerova.

Zu Beginn des Jahres 1929 waren sich die 44jährige mährische Schriftstellerin und der 79jährige tschechoslowakische Präsident nähergekommen - eine Liebesbeziehung begann, von der die Öffentlichkeit nichts erfahren sollte, die jedoch zum öffentlichen Geheimnis wurde. Die Beziehung des ungleichen Paares gab in politischen Kreisen manchmal Anlass zu kleinen Spötteleien. In die Presse gelangte jedoch über sie dank eines strengen Gesetzes kein Wort. So konnte sie auch Karel Capek in seinem Buch nicht erwähnen. Vielleicht hätte er später einen zweiten Band über die menschlichen Seiten des Präsidenten veröffentlicht, wäre er nicht bereits 1938 im Alter von 48 Jahren verstorben.

Der einzige aus dem Freundes- und Bekanntenkreis Masaryks, der öffentlich über die Gefühle des Präsidenten sprach, war der Publizist Ferdinand Peroutka - aber dieses auch erst nach dem Zweiten Weltkrieg, aus seinem Exil in den USA. Peroutka erklärte, dass der strenge Rationalismus, den Masaryks Schüler so betonten, nicht die starke Seite ihres viel bewunderten Lehrers war. Seiner Meinung nach betrachtete Masaryk viele seiner Fans eher skeptisch und fühlte, dass er deren Idealen nicht entsprach. Laut Ansicht Peroutkas zogen Masaryk intelektuelle Frauen an, und er diese. Oftmals unterstützte Masaryk Frauen, regte sie zu intelektueller Arbeit an. Unter Pseudonymen verfasste er Kritiken über von Frauen verfasste Bücher.

Eine dieser Frauen war die bereits erwähnte Oldra Sedelmayerova, mit der Masaryk knapp 10 Jahre lang, bis zu seinem Tode 1937, eine Beziehung unterhielt. Gegen diese Beziehung zu der jüngeren und nicht sehr gebildeten Frau trat Masaryks älteste Tochter Alice resolut auf. Diese führte seit dem Tode ihrer Mutter im Jahre 1923 den Präsidentenhaushalt, trat in der Öffentlichkeit oft an der Seite Masaryks auf und galt als sehr religiös. Masaryk beugte sich dem Verdikt seiner Tochter. Nur in den ersten Wochen ihrer Beziehung tauchte Oldra Sedelmayerova im Landsitz des Präsidenten in Lany auf und in seiner Villa im slowakischen Topolcianky. Danach traf sich das Paar auf neutralem Boden, am häufigsten im Hotel Esplanade in Prag und in Wohnungen von Freunden.

Während der gesamten Zeit führte das Paar eine intensive Korrespondenz. Der vielbeschäftigte Präsident schrieb seiner Gefährtin wöchentlich mehrere Briefe. Das scheinbar ungleiche Paar schien viele Gemeinsamkeiten zu haben, nicht nur die politische Denkweise und die Vorliebe zum Verfassen von Artikeln. In ihren Tagebuchaufzeichnungen beschrieb Oldra Sedelmayerova harmonische, glückliche Stunden mit dem Präsidenten, der sich in ihrer Gesellschaft von seiner anstrengenden Arbeit erholen konnte.

Den stets vitalen Masaryk beschäftigte, wie er mit Oldra zusammenarbeiten könnte. Zunächst verfasste Masaryk Artikel für die Zeitung Lidove Noviny, die Oldra Sedelmayerova redigierte und die unter Pseudonym veröffentlicht wurden. Bald wuchs der Ehrgeiz und der Präsident überredete seine Vertraute, ein Buch zu verfassen, dessen Entstehen er genaustens verfolgen wollte. Das Buch sollte in etwa die Lebensgeschichte Oldras widergeben. Insgesamt 541 Seiten schrieb Oldra Sedelmayerova unter Mithilfe Masaryks. Erstaunlich ist, dass der gesamte Roman in Versform verfasst ist. Vollendet wurde das Werk nicht.

Nach dem Tode Masaryks am 2. September 1937 brach Oldra Sedelmayer die Arbeit ab. Sie selbst verstarb 1954. Veröffentlicht wurde der Versroman mit dem Titel "Marie" bisher nicht. Interesse an einer Veröffentlichung hat bisher kein Verlag gezeigt. Hingegen sollen bald die Briefe Masaryks an Oldra Sedelmayerova erscheinen. In diesen wird vielleicht die menschliche Seite des ersten tschechoslowakischen Präsidenten zutage treten, die bisher den meisten verborgen blieb.

Und damit sind wir bereits am Ende unseres heutigen Geschichtskapitels über eher unbekannte Seiten des ersten tschechoslowakischen Präsidenten.


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