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Tomas Garrigue Masaryk
Vor 65 Jahren, am 24.Mai 1934, wurde Tomas Garrigue Masaryk
zum dritten - und letzten Mal - zum tschechoslowakischen
Präsidenten gewählt. Aus diesem Anlass wollen wir im
heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte einen
näheren Blick auf das Leben und Wirken dieses grossen
tschechischen bzw. tschechoslowakischen Staatsmannes werfen.
Gute Unterhaltung und einen ungestörten Empfang wünschen
Ihnen Franz Josef Balkhausen und Katrin Bock.
Das eben gehörte Lied "Ach, synku, synku" - Ach, Söhnchen,
Söhnchen - war angeblich das Lieblingslied des ersten
tschechoslowakischen Präsidenten. Aus diesem Grund gehörte
das Volkslied während der kommunistischen Ära zu den vom
offiziellen Regime nicht gerade geliebten Liedern. Denn
Masaryk stand, wie so viele andere nichtkommunistische
Politiker der ersten Republik nicht hoch im Ansehen der
Machthaber zwischen 1948 und 1989. Erst während der Samtenen
Revolution vor zehn Jahren tauchten in Schaufenstern und an
anderen Orten wieder Bilder und Büsten Masaryks auf.
Jahrzehnte waren sie in Schubladen, auf Dachböden, unter
Betten oder sonst wo von treuen Anhängern aufbewahrt worden.
Überall im Lande wurden inzwischen Masaryk-Denkmäler
errichtet. Nur in der Hauptstadt Prag konnte man sich bisher
nicht auf einen geeigneten Ort einigen. Ein zur Errichtung
eines Masaryk-Denkmals gegründeter Verein hofft nun, dass
spätestens anlässlich von Masaryks 150. Geburtstag im
nächsten Jahr endlich sein Denkmal an einem würdigen Ort in
der Hauptstadt enthüllt werden wird.
TGM, wie Tomas Garrigue Masaryk der Einfachheit halber
hierzulande genannt wird, wird auch heute von vielen
Tschechen verehrt. In den Augen vor allem älterer Tschechen
und Tschechinnen gleicht er einem Heiligen, dem die
Tschechen und Slowaken die Unabhängigkeit ihres Staates zu
verdanken haben und der durch seine moralische Authorität
und seine Persönlichkeit zum guten Ansehen der Tschechen im
Ausland beitrug. Mit Nostalgie wird in der heutigen
unruhigen Zeit der Transformationen auf die gute alte Zeit
der ersten Republik zwischen den Weltkriegen geschaut, in
der alles funktioniert zu haben scheint, in der es
anscheinend keine Probleme gab, und in der ein perfekter
Präsident in der Prager Burg residierte: TGM.
Im November 1918 wurde Masaryk von der revolutionären
Nationalversammlung zum ersten tschechoslowakischen
Präsidenten gewählt. Zu diesem Zeitpunkt weilte er noch in
den USA, wo er sich für die Selbständigkeit eines Staates
der Tschechen und Slowaken eingesetzt hatte. Bei Kriegsende
war Masaryk bereits 68 Jahre alt und hatte eine Karriere als
angesehener Professor, als Abgeordneter im Wiener Reichstag
und Mitbegründer der Realistenpartei hinter sich.
Geboren war er am 7. März 1850 im südmährischen Hodonin.
Seine Schulbildung genoss er am deutschen Gymnasium in Brno
und später in Wien, wo er auch studierte. Es folgte ein
Studienaufenthalt in Leipzig, bei dem er 1877 seine
zukünftige Gattin Charlotte Garrigue kennenlernte, Tochter
eines reichen amerikanischen Geschäftsmannes. Ihren
Nachnamen Garrigue fügte Masaryk in seinen Namen ein. Seit
1882 lehrte Masaryk an der Prager Karlsuniversität.
Bereits vor Beginn des Ersten Weltkrieges war Masaryk im
Ausland bekannt und geschätzt. Dazu hatten zwei Affären
beigetragen, in denen Masaryk Ende des 19. Jahrhunderts
seine moralische Standhaftigkeit bewiesen hatte. Im Streit
um die sog.-en Grünberger- und Königinnenhofer Handschriften
unterlag Masaryk im Gegensatz zu vielen seiner Landsleuten
nicht der patriotischen Hysterie. Die für mittelalterlich
gehaltenen Handschriften, nachweislich Fälschungen aus dem
ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, sollten die lange
Geschichte und kulturelle Tradition der Tschechen belegen,
die laut den dem Nibelungenlied nachempfundenen
Handschriften, auf eine längere Tradition blicken können wie
die Deutschen. Masaryk blieb standhaft und erklärte, dass
das Nationalgefühl einer Nation nicht auf Fälschungen
beruhen könne. Dies brachte ihm die Kritik zahlreicher
tschechischer Politiker ein, andere bewunderten ihn für
seine berechtigte Standhaftigkeit entgegen dem Zeitgeist.
Bei der zweiten Affäre handelte es sich um die sog.
Hilsneriade im Jahre 1899. Masaryk gehörte zu den wenigen
Menschen in den Böhmischen Ländern, die den angeblichen
jüdischen Ritualmord an einer jungfräulichen Christin für
Unsinn erklärten und sich für eine Freilassung des zu
Unrecht angeklagten Leopold Hilsner einsetzten. Ohne Erfolg
allerdings. Hilsner wurde damals des Ritualmordes für
schuldig erklärt und zum Tode verurteilt, die tschechische
Bevölkerung jubelte. Hilsner wurde begnadigt und 1918 aus
der Haft entlassen. Sein Einsatz gegen den damals im ganzen
Lande herrschenden Antisemtismus brachte Masaryk im Ausland
hohes Ansehen, dass ihm während des Ersten Weltkrieges bei
seinem Kampf für die Unabhängigkeit seines Landes half.
Auch nach dem Krieg blieb das Bild des moralisch Unfehlbaren
bestehen. Masaryk selbst trug zur Schaffung dieses Mythus
während seiner 17jährigen Präsidentschaft bei. Vom Volk
wurde er als Befreier-Präsident bewundert und als Väterchen
des Staates verehrt. 1930, anlässlich seines
80.Geburtstages, wurde ihm zu Ehren ein neues Gesetz
verabschiedet mit dem Wortlaut: Tomas G. Masaryk hat sich um
den Staat verdient gemacht.
Das Bild von Masaryk, das auch heute noch in den Köpfen der
meisten Tschechen herumspukt, wurde auch durch das von Karel
Capek verfasste Buch "Gespräche mit TGM" geprägt. Diese
Gespräche des Schriftstellers und Freundes Masaryks mit dem
Präsidenten bezogen sich fast ausschliesslich auf Politik,
Philosophie und Kultur. Persönliches kam nicht zur Sprache.
Die damalige politische Elite war sich einig darin, dass das
Bild eines spartanisch lebenden Präsidenten, dessen
Lebensinhalt Philosophieren, Leibesübungen und die Führung
politischer Geschäfte sei, ein wichtiger Bestandteil des
tschechoslowakischen Patriotismus sei und dass deswegen
Persönliches aus dem Leben des ersten Mannes im Staate nicht
an die Öffentlichkeit gelangen dürfe.
Karel Capek hielt sich in seinem Buch daran, doch unter
Freunden erzählte er manchmal, worüber er sich sonst noch
mit dem Präsidenten unterhalte: über Frauen, Sexualität,
politischen Tratsch und andere menschliche Dinge. Capek
äusserte Freunden gegenüber, dass es Masaryk nach dem Tode
seiner Frau 1923 stets schmeichele, wenn er auf Frauen
Eindruck mache, dass er selbst sich gern nach schönen Frauen
umdrehe. Dabei hat eine Frau wohl besonders Eindruck auf den
Staatspräsidenten gemacht: Oldra Sedelmayerova.
Zu Beginn des Jahres 1929 waren sich die 44jährige mährische
Schriftstellerin und der 79jährige tschechoslowakische
Präsident nähergekommen - eine Liebesbeziehung begann, von
der die Öffentlichkeit nichts erfahren sollte, die jedoch
zum öffentlichen Geheimnis wurde. Die Beziehung des
ungleichen Paares gab in politischen Kreisen manchmal Anlass
zu kleinen Spötteleien. In die Presse gelangte jedoch über
sie dank eines strengen Gesetzes kein Wort. So konnte sie
auch Karel Capek in seinem Buch nicht erwähnen. Vielleicht
hätte er später einen zweiten Band über die menschlichen
Seiten des Präsidenten veröffentlicht, wäre er nicht bereits
1938 im Alter von 48 Jahren verstorben.
Der einzige aus dem Freundes- und Bekanntenkreis Masaryks,
der öffentlich über die Gefühle des Präsidenten sprach, war
der Publizist Ferdinand Peroutka - aber dieses auch erst
nach dem Zweiten Weltkrieg, aus seinem Exil in den USA.
Peroutka erklärte, dass der strenge Rationalismus, den
Masaryks Schüler so betonten, nicht die starke Seite ihres
viel bewunderten Lehrers war. Seiner Meinung nach
betrachtete Masaryk viele seiner Fans eher skeptisch und
fühlte, dass er deren Idealen nicht entsprach. Laut Ansicht
Peroutkas zogen Masaryk intelektuelle Frauen an, und er
diese. Oftmals unterstützte Masaryk Frauen, regte sie zu
intelektueller Arbeit an. Unter Pseudonymen verfasste er
Kritiken über von Frauen verfasste Bücher.
Eine dieser Frauen war die bereits erwähnte Oldra
Sedelmayerova, mit der Masaryk knapp 10 Jahre lang, bis zu
seinem Tode 1937, eine Beziehung unterhielt. Gegen diese
Beziehung zu der jüngeren und nicht sehr gebildeten Frau
trat Masaryks älteste Tochter Alice resolut auf. Diese
führte seit dem Tode ihrer Mutter im Jahre 1923 den
Präsidentenhaushalt, trat in der Öffentlichkeit oft an der
Seite Masaryks auf und galt als sehr religiös. Masaryk
beugte sich dem Verdikt seiner Tochter. Nur in den ersten
Wochen ihrer Beziehung tauchte Oldra Sedelmayerova im
Landsitz des Präsidenten in Lany auf und in seiner Villa im
slowakischen Topolcianky. Danach traf sich das Paar auf
neutralem Boden, am häufigsten im Hotel Esplanade in Prag
und in Wohnungen von Freunden.
Während der gesamten Zeit führte das Paar eine intensive
Korrespondenz. Der vielbeschäftigte Präsident schrieb seiner
Gefährtin wöchentlich mehrere Briefe. Das scheinbar
ungleiche Paar schien viele Gemeinsamkeiten zu haben, nicht
nur die politische Denkweise und die Vorliebe zum Verfassen
von Artikeln. In ihren Tagebuchaufzeichnungen beschrieb
Oldra Sedelmayerova harmonische, glückliche Stunden mit dem
Präsidenten, der sich in ihrer Gesellschaft von seiner
anstrengenden Arbeit erholen konnte.
Den stets vitalen Masaryk beschäftigte, wie er mit Oldra
zusammenarbeiten könnte. Zunächst verfasste Masaryk Artikel
für die Zeitung Lidove Noviny, die Oldra Sedelmayerova
redigierte und die unter Pseudonym veröffentlicht wurden.
Bald wuchs der Ehrgeiz und der Präsident überredete seine
Vertraute, ein Buch zu verfassen, dessen Entstehen er
genaustens verfolgen wollte. Das Buch sollte in etwa die
Lebensgeschichte Oldras widergeben. Insgesamt 541 Seiten
schrieb Oldra Sedelmayerova unter Mithilfe Masaryks.
Erstaunlich ist, dass der gesamte Roman in Versform verfasst
ist. Vollendet wurde das Werk nicht.
Nach dem Tode Masaryks am 2. September 1937 brach Oldra
Sedelmayer die Arbeit ab. Sie selbst verstarb 1954.
Veröffentlicht wurde der Versroman mit dem Titel "Marie"
bisher nicht. Interesse an einer Veröffentlichung hat bisher
kein Verlag gezeigt. Hingegen sollen bald die Briefe
Masaryks an Oldra Sedelmayerova erscheinen. In diesen wird
vielleicht die menschliche Seite des ersten
tschechoslowakischen Präsidenten zutage treten, die bisher
den meisten verborgen blieb.
Und damit sind wir bereits am Ende unseres heutigen
Geschichtskapitels über eher unbekannte Seiten des ersten
tschechoslowakischen Präsidenten.
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