KAPITEL AUS DER TSCHECHISCHEN
  GESCHICHTE
2 OKTOBER, 1999
Wir laden Sie zu historischen Exkursen in die tausendjährige Geschichte unseres Landes ein.

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DDR-Flüchtlinge in Prag

In letzter Zeit war in unseren Sendungen viel die Rede von den Wochen im Herbst 1989, als DDR-Bürger über die bundesdeutsche Botschaft in Prag ihren Weg in den Westen suchten. Wie die Tschechen auf diese Invasion der DDR-Bürger reagierten, erfahren Sie im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte. Zu diesem begrüsst Sie recht herzlich Katrin Bock.
"In letzter Zeit haben die Massenmedien und gewisse politische Kreise in der BRD ihre Kampagne und Aktionen im Zusammenhang mit der illegalen Ausreise von Bürgern der DDR ins Ausland gesteigert, deren Ziel es ist, die DDR zu diskreditieren."

Mit diesen Worten kommentierte die tschechoslowakische Nachrichtenagentur CTK am 13. September 1989 die dramatischen Ereignisse, die sich in und um die bundesdeutsche Botschaft in Prag abspielten. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich bereits rund 2.000 DDR-Bürger auf dem Geläande der Botschaft. Am 30. September 1989 brachte der damalige bundesdeutsche Aussenminister Hans-Dietrich Genscher nach Verhandlungen zwischen Bonn, Berlin und Prag die erlösende Botschaft: Die Ausreise war gebilligt worden. In Sonderzügen reisten 5.000 Menschen über die DDR in die Bundesrepublik aus. In Bonn, Berlin und Prag atmete man auf. Doch nur zwei Tage später meldete die bundesdeutsche Botschaft 5.000 weiitere Ausreisewillige auf ihrem Gelände. Die Prager Regierung überreichte dem damaligen bundesdeutschen Botschafter Herman Huber eine Protestnote:

"Die Organe der CSSR haben erwartet, dass die Organe der BRD jegliche Vorkehrungen treffen werden, die eine Wiederholung der Situation zu verhindern helfen. In Angesicht dessen, dass die Botschaft der BRD ihr rechtwidriges Handeln fortsetzt, sieht sich das Aussenministerium der CSSR veranlasst, nachdrücklich zu protestieren."

Während die Prager Regierung offiziell protestierte, spielte sich auf den Strassen den Kleinseite ein Drama ab. Rund 2-3.000 DDR-Bürger fanden in der überfüllten Botschaft keinen Platz mehr und harrten einige Tage vor dieser aus. Die ersten Nachtfröste setzten ein - und mit ihnen die Hilfsbereitschaft der Anwohner: Frau Vera Budilova wohnte damals nur einige wenige Häuser neben der Botschaft in der Vlasska:

"Wir haben Tee und Kaffee gekocht. Tassen, Zucker, alles pendelte immer von unserem Haus auf die Strasse und zurück. Der Kaffee ging bald im ganzen Haus aus, aber Tee gab es genug."

Doch beim Tee- und Kaffee-Kochen blieb die Hilfsbereitschaft der Bewohner des Hauses Nr.13 nicht stehen:

"Ich weiss nicht mehr, wem es einfiel, aber plötzlich dachten wir: unser Treppenhaus ist doch ein wenig beheizt, hier können die ja ein wenig im Warmen sitzen - und so öffneten wir die Haustür und haben sie hereingelassen. Wie Sardinen sassen sie dann auf den Treppen"

Frau Budilova öffnete damals in der kalten Oktobernacht auch ihre Wohnungstür für vier Frauen mit Kindern, die bei ihr übernachteten, etwas zu essen bekamen und nach Hause telefonieren durften.

"Jesus Maria, das wird teuer, hab ich die ganze Zeit gedacht, aber ich hab mich geschämt ihnen das zu sagen, sie taten mir doch so leid."

Auch am nächsten Morgen endete ihre Hilfsbereitschaft nicht:

"Ich machte die Wohnungstür auf und es bildete sich eine Prozession von der Strasse, durchs Treppenhaus in unseren Flur, von dort zum Klo und ins Badezimmer. Bald hatte ich keine trockenen Handtücher mehr."

Eine der Frauen meldete sich nach der Wende bei Frau Budilova und bedankte sich für ihre Hilfe, jahrelang schickte Frau Hiltrud Triebe Pakete und Briefe nach Prag, stellvertretend für all die anderen, denen in der Vlasska Nr.13 geholfen wurde.

Nach einigen weiteren Verhandlungen konnten am 3. Oktober 1989 rund 10.000 Menschen über die DDR nach Bayern reisen. Der Schriftsteller Jachym Topol, der die Wochen des Botschaftsdramas in seinem auch in deutsch erschienen Roman "Die Schwester" verarbeitete, beschreibt die damalige Situation wie folgt:

"Das war wirklich ein riesiger Jahrmarkt, Karneval, der in dieser unbeweglichen, grauen Stadt des Bolschewismus einfiel. Plötzlich erlebten wir Szenen wie aus einem Film. Ich hatte Bilder vor Augen, wie Tschechen 1938 aus dem Sudetenland flohen, mit Rucksäcken und weinenden Kindern. Vor meinen Augen zogen Konvojs von Juden auf der Flucht. Aber auf einmal wurde aber aus der Person des deutschen Agressors, der in unseren Köpfen war, ein armer Schlucker, der hier eine Art Asyl suchte."

Die Ereignisse um die bundesdeutsche Botschaft in Prag veränderten wohl bei einigen Tschechen ihre bisherige Einstellung zu den Deutschen - zumindest für einige Zeit:

"Das wissen Sie, die Deutschen habe ich ja nach den Erfahrungen des Krieges nicht gerade geliebt, aber jemand musste ihnen ja helfen. Das waren alles so junge, freundliche und höfliche Menschen."

Auch der gut 30 Jahre jüngere Jachym Topol dachte über sein Deutschenbild nach:

"Meine Generation hat die Deutschen überhaupt nicht gekannt, höchstens aus den Kriegsfilmen. DDRler war für uns so etwas wie ein Schimpfwort, denn die waren ja noch bolschewistischer als wir. Und auf einmal waren sie tapferer als wir und machten sich ins Ungewisse auf."

Um diesmal wirklich eine Wiederholung der Situaiton zu vermeiden, setzte die DDR-Regierung den visafreien Reiseverkehr zwischen der DDR und der CSSR mit sofortiger Wirkung aus - mit der Begründung, bestimmte Kreise in der BRD bereiteten weitere Provokationen zum 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober vor. Doch damit konnte die einmal losgetretene Lawine nicht mehr gestoppt werden. Auch die Menschen in der Tschechoslowakei begannen anders zu denken, wir Frau Budilova:

"Ich war beschämt. Mir hat es sehr imponiert, dass es gerade die DDR-Jugend war, die doch am meisten manipulierbar war. Die Deutschen waren immer ruhig, ruhig, ruhig und auf einmal explodierten sie früher als wir. Und ich hab mir gesagt, jetzt sind es sogar schon die Deutschen. Ich war dann fest überzeugt, dass etwas passieren muss, dass es so nicht mehr weitergeht."

Noch einmal Jachym Topol:

"Ich denke, dass nicht nur ich, sondern alle, die das beobachteten, zu fühlen begannen, dass sich hier etwas Grundlegendes verändert hat. Aber wir haben uns noch nicht getraut auch nur zu raten, inwieweit auch die CSSR davon betroffen ist. Bis heute bin ich überzeugt, dass das der Anfang unserer Revolution war - der Exodus der Deutschen über Prag."

Die DDR-Flüchtlinge waren überall im Lande Gesprächsthema, ob hinter vorgehaltener Hand, unter Freunden oder offen: man musste sich einfach darüber unterhalten. Als Anfang Oktober 1989 hunderte von Tschechen auf dem Kleinseitner Ring die Abfahrt der Busse beobachteten, streckten sie den Businsassen Viktory-Zeichen entgegen, wünschten ihnen Glück und versicherten sich gegenseitig, dass es fantastisch sei, was sie hier gerade erleben.

Als am 3. November wieder DDR-Bürger in die Tschechoslowakei reisen durften, wiederholte sich die Botschaftbesetzung, am 4. November öffnete die CSSR für DDR-Bürger ihre Grenzen zur Bundesrepublik. Kurz darauf fiel die Berliner Mauer, knapp zwei Wochen später demonstrierten die Prager Studenten. Wenn Sie mehr über die Stimmung in der CSSR vor dem November 1989 wissen wollen, dann hören Sie ins nächste Geschichtskapitel in 2 Wochen.

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