KAPITEL AUS DER TSCHECHISCHEN GESCHICHTE 18 SEPTEMBER, 1999
Wir laden Sie zu historischen Exkursen in die tausendjährige Geschichte unseres Landes ein.

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Major Zeman

Am Donnerstag-Abend war es soweit: die tschechische Fernsehnation erblickte nach einer über 10jährigen Pause erneut ihren Serienheld Major Zeman. Warum eine der beliebtesten tschechischen Fernsehserien der 70er Jahre in den letzten Monaten hierzulande für heftige Diskussionen sorgte und warum eine Krimiserie Thema des heutigen Kapitels aus der tschechischen Geschichte ist, erfahren Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, in den folgenden Minuten. Bei diesen wünscht Ihnen Katrin Bock gute Unterhaltung.
Die Erkennungsmelodie der Fernsehserie Major Zeman wird an den kommenden 29 Donnerstagen jeweils gegen 20 Uhr im ersten Programm des tschechischen Fernsehens erklingen. Einer der beliebtesten tschechischen Fernsehkommissare feiert sein umstrittenes Come-Back. Man könnte die Serie als Kommissar Derrick in den Diensten der Stasi bezeichnen, als sozialistisch indroktinierten Tatort, vielleicht als James Bond der CSSR. Frau Iva Prochazkova, für die Wiederholung der Major Zeman-Folgen verantwortliche Produzentin des Tschechischens Fernsehens, kann die umstrittene Krimiserie besser vorstellen:

"Es ist eine Serie, die wurde in den 70ern gedreht und sie sollte eigentlich die Praxis und die Arbeit der kommunistischen oder sozialistischen Polizei irgendwie der Öffentlichkeit zeigen. Natürlich wurde es nicht so gemacht, dass wirklich wahrheitsgemäss die Fälle und die Arbeit gezeigt wurden, sondern es endstand eine Serie, die reine Propaganda war. Es war wirklich so gemacht, dass es dem damaligen Regime diente und es sollte eigentlich die Zusammenhänge deformieren und den Leuten nicht die reine Wahrheit über die Situation sagen. Trotzdem wurde diese Serie sehr beliebt weil, zuerst also, es gab sehr wenig Programme, die Leute wollten Krimis sehen, die Leute wollten gute tschechische Schauspieler sehen und es wurde so viel Geld in diese Serie gesteckt, dass das ganze auch eigentlich professional sehr gut gemacht wurde. Natürlich nach der politischen Wende hat man es als eine Falsifikation bezeichnet, trotzdem glaube ich, viele Leute lieben noch heute diese Serie und glauben nicht daran, dass es falsch war."

Insgesamt 30 Fälle löste Major Zeman während seiner langen Fernsehkarriere. Sein erster spielte im Jahre 1945, sein letzter 1974. 30 Jahre sozialistischer Geschichte der Tschechoslowakei wurden so Jahr für Jahr in einer Krimifolge verarbeitet. Viele Fälle beruhten auf tatsächlichen Ereignissen der tschechoslowakischen Nachkriegsgeschichte, die den Fernsehzuschauern allerdings auf sozialistische Weise interpretiert serviert wurden. Aus politischen Gegnern des Regimes wurden gewohnliche Kriminelle in den Diensten westlicher Agenten. Eine glatte Verdrehung der Tatsachen also. Und genau darum wurde in den vergangenen Monaten eine heftige Diskussion darüber geführt, ob die Serie überhaupt wiederholt werden sollte, oder ob es sich um zu heftige sozialitische Propaganda handele. Das Tschechische Fernsehen sieht in einer Wiederholung der umstrittenen Serie die Chance, die Diskussion über die sozialitische Vergangenheit neu zu beleben:

"Ins Tschechische Fernsehen kam vor einem Jahr ein neuer Indendant und er und seine Mitarbeiter haben entschieden, diese Serie neu zu senden und zwar nicht als eine Zelebration des totalitären Regimes, sondern als ein Mittel um sich in die Vergangenheit zu drehen, nach hinten zu schauen und die Situationen, die Fälle, die politische Athmosphäre der damaligen Zeit, neu und objektiv zu analysieren, zu behandeln. D.h., es wird nicht einfach diese Serie gezeigt, es werden komponierte Abende gemacht, wo ausser der Folge der Serie ein Dokumentarfilm gezeigt wird, der eigentlich versucht, möglichst objektiv die Situation d.h. den Fall zu zeigen, Recherche zu machen, Zeugen zu finden, auszufragen und neue Tatsachen, die vielleicht in den 70ern noch nicht bekannt wurden, ins Licht zu bringen."

Reinen Alibismus werfen Kritiker des Projktes dem Tschechischen Fernsehen vor. Es gehe dem Fernsehen nur um den kommerziellen Gewinn, darum eine möglichst hohe Zuschauerquote zu gewinnen. Die Konföderation der politischen Häftlinge erhob vergangene Woche Strafanzeige gegen das Tschechische Fernsehen, da es mit der Ausstrahlung der kommunistischen Fernsehserie gegen das Gesetz verstosse, das die Verbreitung und Unterstützung von Organisationen, die die Rechte und Freiheiten der Bürger unterdrücken, verbiete. Major Zeman sei nicht nur kommunistische Progapanda, mit seiner Wiederholung spucke man auf die Gräber derjeningen, die in den kommunistischen Gefängnissen ihr Leben gelassen hätten, heisst es unter anderem in der Erklärung der politischne Gefangenen. Deren Vorsitzender Stanislav Drobny fasste ihren Standpunkt zur Ausstrahlung der Serie folgendermassen zusammen:

"Unser Standpunkt ist klar: Wir sind sehr enttäuscht, denn wir sehen in der Serie reine Propaganda für das kriminelle sozialistische Regime. Wir sehen darin eine Glorifizierung der kommuistischen Geheimpolizei."

Gegen den Standpunkt der politischen Gefangenen führt der Indendant des Tschechischen Fernsehens, Jakub Puchalsky, jedoch an, dass gerade ihr Projekt diese Glorifizierung und sozialistische Propaganda zu entlarven helfen kann:

"Das Projekt ist ein guter Beitrag zur Diskussion über die Vergangenheit unseres Landes, wie wir sie sehen, wieviel wir über sie wissen, ob wir Angst vor ihr haben oder nicht. Meiner Meinung nach ist das Projekt gut und längst überfällig und verstösst gegen kein gültoges Gesetz."

Doch nun zu den 30 Fällen des Major Zeman: 1945 entlarvt der aus dem KZ heimkommende Jan Zeman Verräter und ehemalige Gestapo-Mitarbeiter. Ein Jahr später klärt er die angebliche Sabotage Deutscher in Usti, Aussig an der Elbe, auf. In anderen Fällen enttarnt er kapitalistische Feinde und westliche Spione. In seinem 10. Fall "Der Mörder versteckt sich im Feld", der 1953 spielt, geht es um eine angebliche antisozialistische Aktion in dem kleinen Dorf Planice, bei der ein Saboteur treue Kommunisten erschiesst, wobei ihm der Dorfpfarrer hilft. In Wirklichkeit spielte sich das ganze im Dorf Babice ab und war eine von den Kommunisten durchgeführte Aktion, um die Gegner der Kollektivierung einzuschüchtern bzw. zu bestrafen. Ähnliche Geschichtsverdrehungen waren bei Major Zeman an der Tagesordnung, im Fall "Mimikri", der sich 1972 abspielt, entführen Mitglieder einer Underground-Band, die Drogen nimmt und antisozialistische Lieder singt, ein Flugzeug, um so in den Westen zu kommen. Als Vorbild diente die legendäre Underground-Band "Plastic People of the Universe", deren Mitglieder 1976 zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Mit Flugzeugentführungen hatten sie nie etwas zu tun, diese passierten aber wirklich in den 70er Jahren. Die jeweils im Anschluss an die Serie gezeigten Dokumentarfilme sollen diese Geschichtsverfälschungen entlarven. Zu wort kommen dabei Opfer der jeweiligen Fälle sowie Zeugen und Historiker. Trotz dieses eigentlich guten Vorsatzes des Tschechischen Fernsehens waren in den letzten Wochen fast nur Stimmen zu hören, die die Wiederholung der Fernsehserie ablehnen. Frau Prochazka vom Tschechischen Fernsehen ist über die negative Reaktion nicht überrascht:

"Überhaupt nicht. Also ich kenne unsere Nation. Ich glaube, die Tschechen, die haben einen gemeinsamen Charakterzug, und zwar sie mögen keine Konflikte. Dass heisst also, wenn man jetzt die ganze Serie wirder zeigt, die Nation muss sich, ob sie will oder nicht mit dem Problem beschäftigen. Ja, ich lebte auch in der Zeit,ich habe auch mitgearbeitet, ich war so faul oder bequem oder feige, dass ich mich nicht interessierte, wie die Sachen wirklich waren. Ich schwamm einfach mit dem Strom. Und das wollen die Leute natürlich nicht."

Eines der am häufigsten angeführten Argumente ist jenes, dass die 20 Jahre alte Krimiserie die Jugend verführen könnte und ihnen ein verschöntes, falsches Bild der sozialitischen Realität vorführt. Besteht diese Gefahr wirklich?

"Das glaube ich aber überhaupt nicht. Also zuerst wir wissen alle, was die Jugendlichen sich anschauen, welche Serien, welche Arbeit sie heute gewöhnt, an welche Professionalität und ich glaube in dieser Konkurrenz kann Major Zeman wirklich nicht bestehen."

Eigentlich kann ich diesen Worten von Frau Iva Prochazka nur zustimmen. Als ich vor ein paar Jahren eine Folge von Major Zeman in einem Prager Kino sah, amüsierte sich das überwiegend jugendliche Publikum hervorragend. Zwischen Lachsalven fragten sich die meisten, wer wohl so ein offensichtlich progagandistisches Werk ernst nehmen kann. Vielleicht ist die derzeitige Diskussion über Major Zeman auch eine Disskussion der Generationen über die sozilistische Vergangenheit. In den nächsten 30 Wochen werden wir`s sehen. Auf Wiederhören für heute sagt Katrin Bock.

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