KAPITEL AUS DER TSCHECHISCHEN
  GESCHICHTE
16 OKTOBER, 1999
Wir laden Sie zu historischen Exkursen in die tausendjährige Geschichte unseres Landes ein.

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Vor 10 Jahren - das Jahr 1989

Im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte laden wir Sie in das Jahr 1989 ein. Das Jahr, in dem immer mehr Tschechen begannen, ihren Unmut zu äussern, in dem die antistaatlichen Demonstrationen immer grösser wurden und die Parteiführung hilflos ihre Repressalien verstärkte, brutal gegen Demonstranten vorging und das Strafmass für Regimekritiker heraufsetzte. Gute Unterhaltung wünscht Ihnen beim folgenden Ausflug in die nicht allzu ferne Vergangenheit Katrin Bock.
Das Jahr 1989, das in Osteuropa den Fall des Kommunismus bringen sollte, begann in der Tschechoslowakei mit einem ersten Kräftemessen zwischen Opposition und Regierung: unabhängige Bürgerinitiativen hatten zum Gedenken an den 20. Todestag des Studenten Jan Palach, der sich im Januar 1969 aus Protest gegen den Einmarsch von Warschauer-Pakt-Truppen auf dem Wenzelsplatz verbrannt hatte, aufgerufen. Hunderte Bürger folgten dem Ruf, empfangen wurden sie auf dem Wenzelsplatz von Hundertschaften Polizisten mit Schlagstöcken und Tränengas. Die Parteizeitung Rude Pravo kommentierte das Geschehen im gewohnten Stil:

"Auf dem Wenzelsplatz in Prag haben am Sonntag einige staatsfeindliche Elemente versucht, eine bereits seit längerem von diversen ausländischen Zentren und westlichen Radiosendern vorbereitete Provokation duchzuführen. Die Angehörigen der Ordnungseinheiten der Nationalen Sicherheit gingen entschieden gegen die Provokateure und ihre geplante Aktion vor."

Diesmal liessen sich die Bürger jedoch nicht einschüchtern. Eine Woche lang kamen jeden Tag mehr Menschen auf den Wenzelsplatz - nicht nur um an Jan Palach zu gedenken, sondern auch, um ihren Unmut mit der herrrschenden Regierung zu äussern. Vaclav Havel beschrieb später die Athmosphäre auf dem Prager Wenzelsplatz:

"Ich traute meinen Augen nicht, weil etwas geschah, was mir selbst nicht im Traum einfallen würde. Der völlig überflüssige Einsatz der Polizisten gegen die, die in Ruhe Blumen niederlegen wollten, formte aus zufällig Vorbeigehenden plötzlich eine protestierende Menge. Plötzlich wurde mir bewusst, wie tief die Unzufriedenheit der Bürger sein muss, damit dies geschehen kann. Ich denke, die Lage ist nicht nur ernster als die Staatsmacht annimmt, sondern auch noch ernster, als ich selber dachte."

Vaclav Havel wurde Anfang Februar 1989, in Zusammenhang mit der Palach-Woche zu acht Monaten Gefängnis wegen antistaatlicher Hetze verurteilt. Kurz nach seiner Verurteilung unterzeichneten knapp 700 Menschen eine Petition für seine Freilassung. 6 Wochen später waren es bereits über 2.000. Als auch der Druck aus dem Ausland zunahm, blieb der Regierung nichts anderes übrig, als Havel im Mai vorzeitig aus der Haft zu entlassen.

Gegen den brutalen Polizeieinsatz protestierte auch der greise, im Lande geschätzte Kardinal Frantisek Tomasek in einem Protestschreiben an die Regierung:

"Die harte Gewalt kann die berechtigte Sehnsucht der Bürger, in Freiheit zu leben, nicht ersticken. Im Namen des Evangeliums Christi fordere ich Sie auf: Beginnen Sie den Weg des direkten Dialogs zwischen Staat und Kirche und allen Bürgern - und das sofort!"

Ende Februar feierten die Kommunisten in altgewohnter Weise den 41. Jahrestag ihrer Machtergreifung. Aus diesem Anlass veröffentlichte das Zentralkomitee folgende Erklärung:

"Es lässt sich nicht übersehen, dass sich insbesondere in den letzten Monaten in unserer Gesellschaft Kräfte aktivieren, deren Ziel nicht das Wohl der sozialistischen Gesellschaft und der Werktätigen ist. Sie versuchen mit Hilfe einiger politischer Kreise des Westens Aktionen zu organisieren, mit dem Ziel die Verhältnisse zu destabilisieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass der Prozess der Perestrojka vereitelt und die Demokratisierung missbraucht wird."

Die tschechoslowakische Parteiführung interpretierte die Perestrojka rein wirtschaftlich. Von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, wie in Polen, Ungarn und sogar der Sowjetunion, wollte man an der Moldau nichts wissen. Bisher war es auch immer nur eine geringe Anzahl von unzufriedenen Bürgern, die ihren Unmut Ausdruck verliehen hatten. Doch dieses änderte sich mit dem Beginn der Sommerferien. Ende Juni 1989 wurde das Manifest "Einige Sätze" veröffentlicht. Dies forderte grundlegende Veränderungen im Lande, unter anderem:

- die Freilassung der politischen Gefangenen
- Versammlungsfreiheit
- Glaubensfreiheit
- grössere Pressefreiheit
- das Ende der Diskriminierung von unabhängigen Initiativen
- mehr Umweltbewusstsein der Regierung
- eine freie Diskussionen über die Vergangenheit, wie 1968, 1948 und die 50er Jahre

Ende Juli hatten bereits 12.000 Menschen die Petition unterzeichnet. Ende September waren es über 30.000. Damit erreichte sie breitere Massen als die Charta 77, die bis dahin einige wenige hundert Mutige unterschrieben hatten. Die Regierung reagierte mit einer hysterischen Medienkampange. In der Parteizeitung Rude pravo konnte man lesen:

"Es handelt sich dabei um einen Aufruf zum Ausverkauf des Sozialismus. Es geht darum, dass die Kräfte, die im Dienste unserer Feinde stehen, einen Teil der Gesellschaft gewinnen wollen und mit diesen auch angesehene Künstler."

In der Tat unterzeichneten das manifest "einige Sätze" nicht nur Dissidenten und Chartisten, sondern auch bekannte Künstler, Sänger, Schauspieler, die bisher politisch nicht aus dem Rahmen gefallen waren. Damit hatte der Bürgerprotest eine neue Dimension erhalten. Ein Beispiel sind die bekannten tschechischen Philharmoniker. Ihr Chefdirigent, Vaclav Neumann, brach im Oktober 1989 aus Protest gegen das Auftrittsverbot von Unterzeichnern der Petition die Zusammenarbeit mit dem staatlichen Fernsehen und Rundfunk ab. Viele Orchestermitglieder hatten selbst "einige Sätze" unterzeichnet.

Im August 1989 sorgte ein Artikel in der offiziel erscheineden Zeitschrift "T-Magazin" für Aufsehen. Der Prognostiker Milos Zeman, heute tschechischer Premier, kritisierte in diesem die Regierung. Das war in einer offiziellen Zeitschrift etwas neues. Der Artikel wurde in Kopien und Abschriften im ganzen Land verteilt. Voll Staunen las man die kritischen Worte:

"Sowohl eine Perestrojka als auch eine Beibehaltung der bisherigen Führungsriga ist möglich - nicht jedoch beides. Der zentrale Grund für unsere Rückständigkeit liegt im Versagen der Entscheidungs- und Führungsriga unserer Gesellschaft. Es ist nicht antisozialistisch, die Unfähigkeit der unkrontrollierten Macht zu kritisieren. Es ist aber auch nicht sozialistisch, diese unfähige Macht zu tollerieren oder sogar zu unterstützen."

Am 21. August, dem 21. Jahrestag der gewaltsamen Beendigung des Prager Frühlings, gingen wie im Jahr zuvor tausende von Bürgern auf die Strasse. Es war die grösste Demonstration in Prag seit 20 Jahren - der Unmut der Bevölkerung wuchs. Doch angesichts der rigorosen Vorgehensweise der Machthaber auch eine gewisses Gefühl der Machtlosigkeit. Während in Polen mit Teodor Masowiecki der erste nichtkommunistische Premier in Osteuropa seit 40 Jahren ernannt wurde und in Ungarn am runden Tisch Gespräche über freie Wahlen stattfanden, schien an der Moldau immer noch alles beim alten zu. Die Parteizeitung Rude Pravo komentierte die Demonstration vom 21.8.:

"Die Organisatoren der illegalen Gruppen hetzten zum Rufen von Parolen auf, mit denen sie vor den Kameras ausländischer Fernsehstabe ihre Sympatie mit den Entwicklungen in Polen und Ungarn ausdrückten."

Seit August 1989 spielte sich auf der Prager Kleinseite das Drama der DDR-Flüchtlinge in der Bundesdeutschen Botschaft ab. Auf die Prager Bürger machte dies Eindruck. "Jetzt regen sich sogar schon die Deutschen", dachten viele. Mit gewisser Distanz verfolgten die Tschechen das Geschehen um die Botschaft. Keine Bürgerinitiative äusserte sich zur Ausreise der Tausenden von DDR-Bürger - und die Prager Regierung ignorierte die Zeichen der Zeit. Zum 7.Oktober, dem Staatsgründungstag der DDR, erschien folgender Komentar:

"An diesen Jahrestag gedenken wir in einer Zeit, in der einige rechte Kreise, vor allem revanchistisch denkende, eine Kampagne gegen diesen souveränen Staat führen. Die CSSR lehnt diese entschieden ab. 40 Jahre DDR bedeuten für uns 40 Jahre sichere Grenzen zu einem treuen Verbündeten und Freund."

Doch dieser Freund verliess die Machthaber in Prag bald.
Znächst kam aber der 28. Oktober - der Jahrestag der Staatsgründung der Tschechoslowakei. Um Demonstrationen zuvorzukommen, führte die Regierung an jenem Tag auf dem Wenzelsplatz eine grosse öffentliche Vereidigung junger Rekruten durch. Die Generalprobe für diese Vereidigung am Abend zuvor wurde zu einer Farce. Aus den Discos des Wenzelsplatzes überdröhnte westliche Popmusik die Soldatenchöre. Trotz Vereidigung versammelten sich am Nachmittag einige tausend Demonstranten auf dem Wenzelsplatz. 10.000 sollen es gewesen sein. Wieder begann eine Hetzjagd der Polizisten und Wassserwerfer auf die friedlichen Demonstranten. Wieder kam es zu Verhaftungen. Doch der Funke zum politischen Dialog mit der Regierung, zu einem Runden Tisch, sprang noch immer nicht über.

"Es existiert noch immer keine wirkliche Opposition."

bemerkte Vaclav Havel Anfang November resigniert.
Am 10. November brachte das staatliche Fernsehen in seiner Nachrichtensendung gegen Ende eine kurze Meldung: die Berliner Mauer war offen - kein Komentar, ein Photo und dann das Wetter. Die Prager Regierung hatte seinen letzten treuen Verbündeten verloren - blieb nur noch Rumänien, denn auch in Bulgarien war am 10. Nov. die Parteiführung abgesetzt worden. Und die tschechoslowakischen Bürger sagten sich: wir wollen nicht die letzten sein! Eine gewisse Spannung lag in der Luft. Alte Legenden besagten, dass, sollte Agnes von Böhmen einmal heilig gesprochen werden, Wunder geschehen würden. Am 12. November wurde Agnes von Böhmen in Rom tatsächlich heilig gesprochen. 10.000 Pilger aus der Tschechoslowakei durften dabei sein. Es näherte sich der 17. November - der 50. Jahrestag der Schliessung der tschechischen Hochschulen duch die Nazis. Die Studenten luden zu einer Demonstration ein. Doch dazu mehr in einem Monat, wenn es soweit ist.

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