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Geschichte der Karpathoukraine
Vor 80 Jahren, am 8. Mai 1919, haben sich die Nationalräte
in der Karpathoukraine für einen Anschluss ihres Landes an
die neuentstandene Tschechoslowakei ausgesprochen. In einer
Gedenkstunde erinnerte die Gesellschaft der Freunde der
Karpathoukraine in Prag an diesen Jahrestag. Bei dieser
Gelegenheit sprach ich mit dem Vorsitzenden der
Gesellschaft, Jaromir Hoøec, über die Geschichte dieses nur
wenigen Menschen in Westeuropa bekannten Volkes. Im heutigen
Geschichtskapitel erfahren Sie also mehr über die
Karpathoukraine. Gute Unterhaltung und einen ungestörten
Empfang wünscht Ihnen dabei Katrin Bock.
Vor 80 Jahren, am 8. Mai 1919, haben sich die Nationalräte
in der Karpathoukraine für einen Anschluss ihres Landes an
die neuentstandene Tschechoslowakei ausgesprochen. In einer
Gedenkstunde erinnerte die Gesellschaft der Freunde der
Karpathoukraine in Prag an diesen Jahrestag. Bei dieser
Gelegenheit sprach ich mit dem Vorsitzenden der
Gesellschaft, Jaromir Hoøec, über die Geschichte dieses nur
wenigen Menschen in Westeuropa bekannten Volkes. Im heutigen
Geschichtskapitel erfahren Sie also mehr über die
Karpathoukraine. Gute Unterhaltung und einen ungestörten
Empfang wünscht Ihnen dabei Katrin Bock
Die Karpathoukraine oder Ruthenien, wie der Landstrich
zwischen U¾horod im Westen und dem rund 160 km östlich
gelegenen Fluss Prut auch genannt wird, bildete in der
Zwischenkriegszeit den äusserst östlichen Zipfel der
Tschechoslowakei. Die Hauptstadt der Karpathoukraine,
Uzhorod, lag über 600 Kilometer östlich von Prag. 1930 hatte
die Karpathoukraine 725.000 Bewohner, zwei Drittel davon
waren Ruthenen, zudem lebten hier rund 100.000 Ungarn,
ebensoviele Juden, sowie einige tausend Tschechen und
Slowaken, Ukrainer, Russen, Rumänen, Roma und Deutsche.
Vom 11. Jahrhundert bis 1918 gehörte der Landstrich zu
Ungarn. Im 13. Jahrhundert wurde er von einem Tatareneinfall
heimgesucht, rund zwei Jahrhunderte später kamen die ersten
deutschen Kolonisten in die Karpathoukraine. 1918 begannen
sich Vertreter der Ruthenen Gedanken über die Zukunft ihres
Landes nach dem Kriege zu machen. Neben Gedanken, Teil der
Ukraine oder Ungarns zu werden oder aber die Unabhängigkeit
anzustreben, kam auch die Idee auf, sich der neuentstehenden
Tschechoslowakei anzuschliessen. Ich fragte Jaromir Horec,
Vorsitzenden der Gesellschaft der Freunde der
Karpathoukraine, von wem der Impuls zum Anschluss des Landes
an die Tschechoslowakei ausging:
"Das ist so: am 8.Mai 1919 haben sich die Vertreter der
einzelnen Nationalräte, die in den verschiedensten Städten
der Karpathoukraine existierten, in Uzhorod getroffen. Dort
haben sich die Delegierten einstimmig dafür ausgesprochen,
sich der Tschechoslowakei anschliessen zu wollen. Die damals
entstandene Tschechoslowakei galt als Garant für eine ruhige
Entwicklung, denn in den anderen Nachbarstaaten waren die
Nachkriegswirren stärker zu spüren, vielerorts wurden Kriege
geführt, wie in Polen und der Ukraine, in Ungarn bereitete
man die kommunistische Räterepublik vor. Allerdings, die
entscheidende Rolle haben wohl die amerikanischen Ruthenen
gespielt, die sich 1918 mit dem US-Präsidenten Wilson in
Verbindung setzten. Dieser empfing deren Vorsitzenden
Grigorij ®atkovic und empfahl ihm ein Treffen mit Masaryk.
Im Oktober 1918 haben sich die beiden in den USA getroffen
und sich mehr oder weniger auf einen Anschluss der
Karpathoukraine an die Tschechoslowakei geeinigt. Also, die
Initiative lag in den Händen der amerikanischen Ruthenen und
in den der in der Karpathoukraine lebenden."
Natürlich konnten der erste tschechoslowakische Präsident
Masaryk und die Vertreter der Ruthenen nicht einfach über
neue Grenzen entscheiden. Das letzte Wort hatte die Pariser
Friedenskonferenz. An dieser nahm auch eine Delegation der
Ruthenen teil, die in engem Kontakt mit den
tschechoslowakischen Delegierten stand. Der Anschluss der
Karpathoukraine an die Tschechoslowakei hatte nicht zu den
Zielen der tschechoslowakischen Politiker gehört. Das der
Friedenskonferenz vorgelegte Programm übernahmen sie von der
Delegation der Ruthenen ohne allzu grosse Begeisterung. Am
10. September 1919 wurde in St. Germain die endgültige
Entscheidung getroffen. Die Friedenskonferenz sprach sich
für einen Anschluss der Karpathoukraine an die
Tschechoslowakei aus. Der Anschluss verlief allerdings nicht
ohne Probleme.
"Sie wissen, dass die Situation in Ungarn kompliziert war.
Die hatten das Land eigentlich 1000 Jahre okkupiert gehabt,
und so wollten sie sich natürlich nicht damit abfinden, dass
es nun zur Tschechoslowakei gehören sollte. Das war die
gleiche Situation wie mit der Slowakei. Auch hier wollten
die Ungarn nicht einsehen, dass sie das Land, das
Jahrhunderte zu ihnen gehört hatte, nun abtreten sollen".
Sowohl in der Slowakei als auch auf dem Gebiet der
Karpathoukraine kam es zu kriegerischen
Auseinandersetzungen. Während sich ungarische und
tschechoslowakische Truppen in der Slowakei Gefechte
lieferten, besetzten im Frühjahr 1919 rumänische Einheiten
die Karpathoukraine. Im August 1919 wurden die rumänischen
Truppen von einer tschechoslowakischen Einheit unter Leitung
eines französischen Generals abgelöst. Dieser wurde
gleichzeitig zum militärischen Diktator für die
Karpathoukraine ernannt. Die Militärdiktatur dauerte bis
1922. Auf tschechischer Seite war niemand von dem Anschluss
der Karpathoukraine, in der 1919 eine Hungersnot herrschte,
begeistert. Im Gegenteil, viele sahen darin ein
strategisches Problem, zudem gehörte das Land zu den ärmsten
Europas. Der Publizist Ferdinand Peroutka kommentierte den
Anschluss mit den Worten:
"Es war das ärmste, rückständigste, dem Alkohol am meisten
verfallene Land der ganzen Habsburger Monarchie, also kein
willkommener Gewinn für den neuen Staat, der schon mit der
politischen Organisation der Slowakei alle Hände voll zu tun
hatte. Ein gutes Beispiel dafür, dass ein Gebietsgewinn
nicht immer Glück bringt."
Auch die damalige Presse kommentierte den Anschluss eher
skeptisch:
"Die materielle und geistige Armut der Bevölkerung ist
schrecklich. Zudem erachten wir es nicht als notwendig, die
Zahl der nichttschechischen Staatsangehörigen noch zu
erhöhen. Die Aufnahme der kulturell rückständigen Elemente
bedeutet eine weitere Belastung."
Heute wird von vielen Tschechen mit Nostalgie auf die Zeit
der ersten tschechoslowakischen Republik geblickt. Vieles
wird mit Verklärung gesehen, so auch die Situation der
Karpathoukraine in den 20er und 30er Jahren. Die im 1919
zwischen Ruthenen und der tschechoslowakischen Regierung
unterzeichneten Vertrag vorgesehene autonome Stellung des
Landes innerhalb der Republik wurde nie realisiert. Im
ersten gewählten Parlament der Tschechoslowakei sassen keine
Abgeordneten aus der Karpathoukraine, da dort 1920 noch ein
Ausnahmezustand galt und keine Wahlen stattgefunden hatten.
Die ärmlichen Verhältnisse in dem zurückgebliebenen Land
beschrieb der tschechische Schriftsteller Ivan Olbracht in
seinen Erzählungen eindrucksvoll. Die rund 20.000-30.000 ins
Land gekommenen tschechischen Beamten, Lehrer, Post- und
Bahnangestellten wurden nicht immer begrüsst.
Dennoch blickt Jaromir Horec, der selbst in der
Karpathoukraine als Sohn eines tschechischen Angestellten
zur Welt gekommen ist, mit Nostalgie und einer gewissen
Portion Nationalstolz auf diese 20 Jahre zurück.
"Ich denke, dass der Anschluss an die Tschechoslowakei für
das Land sehr viel bedeutet hat. Die Tschechoslowakei bzw.
die tschechoslowakische Regierung hat sehr viel für das
Aufblühen der Karpathoukraine getan. Das Gesundheitswesen
hat sich verbessert, die hohe Analphabetenrate ging zurück,
es wurden neue Brücken, Strassen, Eisenbahnstrecken, neue
Stadtviertel gebaut, neue Schulen wurden gegründet:
ruthenische, russische, ukrainische, slowakische,
tschechische, deutsche, rumänische und jüdische. Ich denke,
die tschechoslowakische Republik konnte stolz darauf sein,
was sie dort alles geleistet hat. Die ganzen Verleumdungen,
die in verschiedenen Periodika erschienen, vor allem noch in
der Sowjetunion, dass hier eine imperialistische Politik
betrieben wurde, sind natürlich Unsinn."
20 Jahre lang gehörte die Karpathoukraine zur
Tschechoslowakei. Nach dem Münchner Abkommen vom September
1938 besetzte Ungarn den südlichen, überwiegend von Ungarn
bewohnten Teil. Ein halbes Jahr später marschierten die
ungarischen Truppen in das restliche Gebiet ein.
" Wie Sie wissen, wurde die Tschechoslowakei am 15. März
1939 besetzt, am Tag zuvor wurde die Unabhängigkeit des
Slowakischen Staates ausgerufen. Ungarische Armeeeinheiten
drangen in der Nacht vom 14. auf den 15. März 1939 in die
Karpathoukraine ein und besetzten das Land. Bis zum 18. März
wurde gekämpft. Man kann also sagen, dass die letzten
Schüsse für die Freiheit der Tschechoslowakei im äussersten
Osten des Landes fielen."
Während des Zweiten Weltkrieges besetzte dann die Wehrmacht
das Land, das Schauplatz einiger Schlachten wurde. Von den
rund 100.000 Juden und 60.000 Roma überlebten nur wenige die
Okkupation. 20.000 im Widerstand kämpfende Ruthenen fielen
während des Krieges. 1944 wurde die Karpathoukraine von der
Roten Armee befreit. Eigentlich wurde sie gleichzeitig
befreit und besetzt, denn Stalin rechnete nicht mit einem
Rückzug seiner Truppen. Seine Pläne sahen einen Anschluss
der Karpathoukraine an die Sowjetunion vor.
"1945 wurde dann der Vertrag über die Übergabe der
Karpathoukraine unterzeichnet, aber das war kein Vertrag,
sondern ein Diktat, das gegen die Verfasssung der
Tschechoslowakei verstiess. Die Karpathoukraine wurde gegen
den Willen ihrer Bewohner Bestandteil der Sowjetunion. Damit
begann eine weitere Tragödie. 25.000 Bürger, ganze Familien,
wurden nach Sibirien verschleppt. Seit dem Ende der
Sowjetunion, seit 1989/90, atmen die Ruthenen wieder auf,
aber die Ukraine erkennt das Ruthenische Volk noch immer
nicht als selbstädniges Volk an, so dass die Karpathoukraine
noch immer auf eine Selbstverwaltung wartet."
Soweit Jaromir Horec, Vorsitzender der Gesellschaft der
Freunde der Karpathoukraine, und soweit auch das heutige
Geschichtskapitel über das faszinierende Volk im Osten der
Slowakei. Auf Wiederhören in 2 Wochen sagt Katrin Bock.
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