KAPITEL AUS DER TSCHECHISCHEN GESCHICHTE 15 MAI, 1999

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Geschichte der Karpathoukraine

Vor 80 Jahren, am 8. Mai 1919, haben sich die Nationalräte in der Karpathoukraine für einen Anschluss ihres Landes an die neuentstandene Tschechoslowakei ausgesprochen. In einer Gedenkstunde erinnerte die Gesellschaft der Freunde der Karpathoukraine in Prag an diesen Jahrestag. Bei dieser Gelegenheit sprach ich mit dem Vorsitzenden der Gesellschaft, Jaromir Hoøec, über die Geschichte dieses nur wenigen Menschen in Westeuropa bekannten Volkes. Im heutigen Geschichtskapitel erfahren Sie also mehr über die Karpathoukraine. Gute Unterhaltung und einen ungestörten Empfang wünscht Ihnen dabei Katrin Bock.
Vor 80 Jahren, am 8. Mai 1919, haben sich die Nationalräte in der Karpathoukraine für einen Anschluss ihres Landes an die neuentstandene Tschechoslowakei ausgesprochen. In einer Gedenkstunde erinnerte die Gesellschaft der Freunde der Karpathoukraine in Prag an diesen Jahrestag. Bei dieser Gelegenheit sprach ich mit dem Vorsitzenden der Gesellschaft, Jaromir Hoøec, über die Geschichte dieses nur wenigen Menschen in Westeuropa bekannten Volkes. Im heutigen Geschichtskapitel erfahren Sie also mehr über die Karpathoukraine. Gute Unterhaltung und einen ungestörten Empfang wünscht Ihnen dabei Katrin Bock Die Karpathoukraine oder Ruthenien, wie der Landstrich zwischen U¾horod im Westen und dem rund 160 km östlich gelegenen Fluss Prut auch genannt wird, bildete in der Zwischenkriegszeit den äusserst östlichen Zipfel der Tschechoslowakei. Die Hauptstadt der Karpathoukraine, Uzhorod, lag über 600 Kilometer östlich von Prag. 1930 hatte die Karpathoukraine 725.000 Bewohner, zwei Drittel davon waren Ruthenen, zudem lebten hier rund 100.000 Ungarn, ebensoviele Juden, sowie einige tausend Tschechen und Slowaken, Ukrainer, Russen, Rumänen, Roma und Deutsche.

Vom 11. Jahrhundert bis 1918 gehörte der Landstrich zu Ungarn. Im 13. Jahrhundert wurde er von einem Tatareneinfall heimgesucht, rund zwei Jahrhunderte später kamen die ersten deutschen Kolonisten in die Karpathoukraine. 1918 begannen sich Vertreter der Ruthenen Gedanken über die Zukunft ihres Landes nach dem Kriege zu machen. Neben Gedanken, Teil der Ukraine oder Ungarns zu werden oder aber die Unabhängigkeit anzustreben, kam auch die Idee auf, sich der neuentstehenden Tschechoslowakei anzuschliessen. Ich fragte Jaromir Horec, Vorsitzenden der Gesellschaft der Freunde der Karpathoukraine, von wem der Impuls zum Anschluss des Landes an die Tschechoslowakei ausging:

"Das ist so: am 8.Mai 1919 haben sich die Vertreter der einzelnen Nationalräte, die in den verschiedensten Städten der Karpathoukraine existierten, in Uzhorod getroffen. Dort haben sich die Delegierten einstimmig dafür ausgesprochen, sich der Tschechoslowakei anschliessen zu wollen. Die damals entstandene Tschechoslowakei galt als Garant für eine ruhige Entwicklung, denn in den anderen Nachbarstaaten waren die Nachkriegswirren stärker zu spüren, vielerorts wurden Kriege geführt, wie in Polen und der Ukraine, in Ungarn bereitete man die kommunistische Räterepublik vor. Allerdings, die entscheidende Rolle haben wohl die amerikanischen Ruthenen gespielt, die sich 1918 mit dem US-Präsidenten Wilson in Verbindung setzten. Dieser empfing deren Vorsitzenden Grigorij ®atkovic und empfahl ihm ein Treffen mit Masaryk. Im Oktober 1918 haben sich die beiden in den USA getroffen und sich mehr oder weniger auf einen Anschluss der Karpathoukraine an die Tschechoslowakei geeinigt. Also, die Initiative lag in den Händen der amerikanischen Ruthenen und in den der in der Karpathoukraine lebenden."

Natürlich konnten der erste tschechoslowakische Präsident Masaryk und die Vertreter der Ruthenen nicht einfach über neue Grenzen entscheiden. Das letzte Wort hatte die Pariser Friedenskonferenz. An dieser nahm auch eine Delegation der Ruthenen teil, die in engem Kontakt mit den tschechoslowakischen Delegierten stand. Der Anschluss der Karpathoukraine an die Tschechoslowakei hatte nicht zu den Zielen der tschechoslowakischen Politiker gehört. Das der Friedenskonferenz vorgelegte Programm übernahmen sie von der Delegation der Ruthenen ohne allzu grosse Begeisterung. Am 10. September 1919 wurde in St. Germain die endgültige Entscheidung getroffen. Die Friedenskonferenz sprach sich für einen Anschluss der Karpathoukraine an die Tschechoslowakei aus. Der Anschluss verlief allerdings nicht ohne Probleme.

"Sie wissen, dass die Situation in Ungarn kompliziert war. Die hatten das Land eigentlich 1000 Jahre okkupiert gehabt, und so wollten sie sich natürlich nicht damit abfinden, dass es nun zur Tschechoslowakei gehören sollte. Das war die gleiche Situation wie mit der Slowakei. Auch hier wollten die Ungarn nicht einsehen, dass sie das Land, das Jahrhunderte zu ihnen gehört hatte, nun abtreten sollen".

Sowohl in der Slowakei als auch auf dem Gebiet der Karpathoukraine kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Während sich ungarische und tschechoslowakische Truppen in der Slowakei Gefechte lieferten, besetzten im Frühjahr 1919 rumänische Einheiten die Karpathoukraine. Im August 1919 wurden die rumänischen Truppen von einer tschechoslowakischen Einheit unter Leitung eines französischen Generals abgelöst. Dieser wurde gleichzeitig zum militärischen Diktator für die Karpathoukraine ernannt. Die Militärdiktatur dauerte bis 1922. Auf tschechischer Seite war niemand von dem Anschluss der Karpathoukraine, in der 1919 eine Hungersnot herrschte, begeistert. Im Gegenteil, viele sahen darin ein strategisches Problem, zudem gehörte das Land zu den ärmsten Europas. Der Publizist Ferdinand Peroutka kommentierte den Anschluss mit den Worten:

"Es war das ärmste, rückständigste, dem Alkohol am meisten verfallene Land der ganzen Habsburger Monarchie, also kein willkommener Gewinn für den neuen Staat, der schon mit der politischen Organisation der Slowakei alle Hände voll zu tun hatte. Ein gutes Beispiel dafür, dass ein Gebietsgewinn nicht immer Glück bringt."

Auch die damalige Presse kommentierte den Anschluss eher skeptisch:

"Die materielle und geistige Armut der Bevölkerung ist schrecklich. Zudem erachten wir es nicht als notwendig, die Zahl der nichttschechischen Staatsangehörigen noch zu erhöhen. Die Aufnahme der kulturell rückständigen Elemente bedeutet eine weitere Belastung."

Heute wird von vielen Tschechen mit Nostalgie auf die Zeit der ersten tschechoslowakischen Republik geblickt. Vieles wird mit Verklärung gesehen, so auch die Situation der Karpathoukraine in den 20er und 30er Jahren. Die im 1919 zwischen Ruthenen und der tschechoslowakischen Regierung unterzeichneten Vertrag vorgesehene autonome Stellung des Landes innerhalb der Republik wurde nie realisiert. Im ersten gewählten Parlament der Tschechoslowakei sassen keine Abgeordneten aus der Karpathoukraine, da dort 1920 noch ein Ausnahmezustand galt und keine Wahlen stattgefunden hatten. Die ärmlichen Verhältnisse in dem zurückgebliebenen Land beschrieb der tschechische Schriftsteller Ivan Olbracht in seinen Erzählungen eindrucksvoll. Die rund 20.000-30.000 ins Land gekommenen tschechischen Beamten, Lehrer, Post- und Bahnangestellten wurden nicht immer begrüsst.

Dennoch blickt Jaromir Horec, der selbst in der Karpathoukraine als Sohn eines tschechischen Angestellten zur Welt gekommen ist, mit Nostalgie und einer gewissen Portion Nationalstolz auf diese 20 Jahre zurück.

"Ich denke, dass der Anschluss an die Tschechoslowakei für das Land sehr viel bedeutet hat. Die Tschechoslowakei bzw. die tschechoslowakische Regierung hat sehr viel für das Aufblühen der Karpathoukraine getan. Das Gesundheitswesen hat sich verbessert, die hohe Analphabetenrate ging zurück, es wurden neue Brücken, Strassen, Eisenbahnstrecken, neue Stadtviertel gebaut, neue Schulen wurden gegründet: ruthenische, russische, ukrainische, slowakische, tschechische, deutsche, rumänische und jüdische. Ich denke, die tschechoslowakische Republik konnte stolz darauf sein, was sie dort alles geleistet hat. Die ganzen Verleumdungen, die in verschiedenen Periodika erschienen, vor allem noch in der Sowjetunion, dass hier eine imperialistische Politik betrieben wurde, sind natürlich Unsinn."

20 Jahre lang gehörte die Karpathoukraine zur Tschechoslowakei. Nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 besetzte Ungarn den südlichen, überwiegend von Ungarn bewohnten Teil. Ein halbes Jahr später marschierten die ungarischen Truppen in das restliche Gebiet ein.

" Wie Sie wissen, wurde die Tschechoslowakei am 15. März 1939 besetzt, am Tag zuvor wurde die Unabhängigkeit des Slowakischen Staates ausgerufen. Ungarische Armeeeinheiten drangen in der Nacht vom 14. auf den 15. März 1939 in die Karpathoukraine ein und besetzten das Land. Bis zum 18. März wurde gekämpft. Man kann also sagen, dass die letzten Schüsse für die Freiheit der Tschechoslowakei im äussersten Osten des Landes fielen."

Während des Zweiten Weltkrieges besetzte dann die Wehrmacht das Land, das Schauplatz einiger Schlachten wurde. Von den rund 100.000 Juden und 60.000 Roma überlebten nur wenige die Okkupation. 20.000 im Widerstand kämpfende Ruthenen fielen während des Krieges. 1944 wurde die Karpathoukraine von der Roten Armee befreit. Eigentlich wurde sie gleichzeitig befreit und besetzt, denn Stalin rechnete nicht mit einem Rückzug seiner Truppen. Seine Pläne sahen einen Anschluss der Karpathoukraine an die Sowjetunion vor.

"1945 wurde dann der Vertrag über die Übergabe der Karpathoukraine unterzeichnet, aber das war kein Vertrag, sondern ein Diktat, das gegen die Verfasssung der Tschechoslowakei verstiess. Die Karpathoukraine wurde gegen den Willen ihrer Bewohner Bestandteil der Sowjetunion. Damit begann eine weitere Tragödie. 25.000 Bürger, ganze Familien, wurden nach Sibirien verschleppt. Seit dem Ende der Sowjetunion, seit 1989/90, atmen die Ruthenen wieder auf, aber die Ukraine erkennt das Ruthenische Volk noch immer nicht als selbstädniges Volk an, so dass die Karpathoukraine noch immer auf eine Selbstverwaltung wartet."

Soweit Jaromir Horec, Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde der Karpathoukraine, und soweit auch das heutige Geschichtskapitel über das faszinierende Volk im Osten der Slowakei. Auf Wiederhören in 2 Wochen sagt Katrin Bock.


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