KAPITEL AUS DER TSCHECHISCHEN GESCHICHTE 12 JUNI, 1999
Wir laden Sie zu historischen Exkursen in die tausendjährige Geschichte unseres Landes ein.

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Die Schlacht von Lipany 1434

Im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte wollen wir einen grossen Schritt zurück in die Vergangenheit machen, genauer gesagt in das Jahr 1434. Am 30. Mai vor 565 Jahren fand die Schlacht von Lipany statt. Falls Sie, verehrte Hörerinnen und Hörer, nicht wissen, wer damals gegen wen und warum kämpfte, dann hören Sie in den folgenden Minuten gut zu, wenn Ihnen Franz Josef Balkhausen und Katrin Bock verraten, was am 30. Mai 1434 passierte.
Der Prager Dichter Johannes Urzidil bezeichnete die Schlacht bei Lipany im Jahre 1434 als "hussitisches Harakiri". Im heutigen, neudeutschen Wortlaut könnte man sie als Schlacht der Realos gegen die Fundis der böhmischen Hussitenbewegung bezeichnen. Damals standen sich in der mittelböhmischen Gemeinde Lipany die Heere des gemässigten und des radikalen Flügels der Hussitenbewegung gegenüber. Die Schlacht sollte nicht nur darüber entscheiden, welcher der beiden Flügel das Sagen haben sollte, sondern sie entschied im Grunde genommen auch über das weitere Schicksal der Böhmischen Länder. Aber bevor wir einen genaueren Blick auf die Schlacht und ihre Teilnehmer werfen, wollen wir noch einmal an die vorangegangenen Ereignisse erinnern:

Nach der Verbrennung von Jan Hus als Ketzer auf dem Konzil zu Konstanz am 6.Juli 1415 begann es in den Böhmischen Ländern zu brodeln. Denn hier hatte Jan Hus und seine Lehren viele Anhänger. Bereits seit einigen Jahren hatte die Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen und dem Sittenverfall in der Kirche zugenommen. Die Existenz zweier oder gar dreier Päpste gleichzeitig, die sinkende Moral und Pestepedemien hatten ein Gefühl des nahenden Weltuntergangs entstehen lassen. Der Märtyrertod von Jan Hus war der letzte Tropfen, der das Fass der Unzufriedeheit mit den kirchlichen Misständen und Zuständen im Lande unter König Wenzel IV. zum Überlaufen brachte.

Nach einigen Jahren des Brodelns brach 1419 mit dem ersten Prager Fenstersturz die Hussitische Revolution aus. Wie es bei Revolutionen oft der Fall ist, kam es auch in den Böhmischen Ländern zur Spaltung der revolutionären Bewegung in einen gemässigten und einen radikalen Teil. Angesichts der Bedrohung von aussen durch die römisch-katholische Kirche und den deutschen Kaiser vereinigten sich die verschiedenen Strömungen zeitweilig. 1420 formulierten Vertreter aller Richtungen die sogenannten vier Prager Artikel, die vier Hauptforderungen, die alle Richtungen des Hussitentums verbanden. Dieses waren im einzelnen:

Die Darreichung des Abendmahls in beiderlei Gestalt für die gesamte Gemeinde. Damit sollte die Gleichheit aller vor Gott betont werden. Der Kelch wurde zum Symbol der Hussitenbewegung.

Die Hussiten forderten das Verbot und die Bestrafung aller Todsünden. Damit traten sie vehement gegen die damals in der katholischen Kirche üblichen Ablasszahlungen auf.

Der dritte Artikel beinhaltete das Recht auf freie Predigt und dieses auch in anderen Sprachen als dem bis dahin allein üblichen Latein. Damit sicherten sich die Hussiten die freie Verbreitung ihrer Grundsätze und Überzeugungen.

Im vierten Artikel schliesslich forderten die Hussiten, die Armut der Priester. Konkret ausgesrückt bedeutete dies, dass Geistliche auf jegliches Eigentum verzichten sollten und sich zudem von weltichen Dingen, also auch von der Politik, fernhalten sollten.

Die Hussiten waren von der Richtigkeit ihres Programmes überzeugt und nahmen an, dass alle Christen ihnen begeistert folgen würden. Viele der Hussiten glaubten zudem, dass Gott gerade Böhmen auserwählt habe, um den Rest der christlichen Welt auf den richtigen Weg zu bringen. Darin täuschten sie sich allerdings. Nicht nur, dass Kaiser Sigmund zu Kreuzzügen gegen die böhmischen Ketzer aufrief, auch in den Ländern der böhmischen Krone selbst gab es genug Gegner der Hussiten und dies vorallem in den Lausitzen, Schlesien und Mähren, so dass man das Hussitentum als eine fast rein böhmische Angelegenheit bezeichnen kann.

1419 rief König Sigmund zum ersten Kreuzzug gegen die Hussiten auf. Angesichts der Gefahr von aussen vereinigten sich die verschiedenen Richtungen und schlugen das Kreuzfahrerheer in die Flucht. Ebenso erging es in den folgenden 10 Jahren drei weiteren Kreuzzügen. In den Zeiten, in denen von aussen keine Gefahr drohte, brachen Kämpfe zwischen den einzelenen Richtungen aus. Im groben kann man die Hussitenbewegung in einen radikalen und einen gemässigten Flügel teilen.

Zu den Gemässigten zählte vor allem der Adel und Prager Gelehrte und Universitätsprofessoren, die Jan Hus persönlich gekannt hatten. Diese wollten im Grunde genommen nichts weiter als das Recht, ihren Glauben so auszuüben, wie sie ihn für richtig hielten. Falls es nicht möglich sein sollte, die gesamte Kirche zu reformieren, sollte die hussitische Kirche eine Art Autonomiestellung in der römisch-katholischen Kirche erhalten. Und dieses wollten die Gemässigten mit Verhandlungen erreichen. Soziale Forderungen und eine Veränderung des Gesellschaftssystems, für die die Radikalen plädierten, lehnten sie ab.

Der radikale Flügel lehnte die herrschende gesellschaftliche Struktur ab und glaubte an den Beginn eines 1000jährigen Gottesreiches. Seine Anhänger unterwarfen sich 100prozentig dem Gesetz Gottes, das sie als einzige Norm des zwischenmenschlichen Lebens akzeptierten. Ihm gehörten vor allem die sog. kleinen Leute an, einfache Bürger und Landbewohner. Der radikale Flügel spaltete sich in zwei Hauptrichtungen. Dieses waren die sog. Orebiten und die Taboriten.

Die nach dem Berg Oreb benannten Orebiten hatten ihr Zentrum im ostböhmischen Hradec Kralove-Königgrätz. Ihr Führer war der bekannte Heerführer Jan Zizka. Nach dessen Tode 1424 bezeichneten sich die Orebiten deshalb des öfteren als die Waisen. Die Orebiten waren wohl die radikalsten und kämpferischsten Hussiten, denn sie wollten die Wahrheit des göttlichen Gesetzes auch mit Hilfe von Gewalt durchsetzen, und schreckten vor einer physischen Liquidierung ihrer Gegner nicht zurück.

Die wohl bekannteste Gruppe der Hussiten sind die Taboriten, die 1420 in Südböhmen die Stadt Tabor gründeten, nach der sie benannt wurden. Hier versuchten sie ein Leben nach göttlichem Gesetz. Sie lehnten die unvollkommenen menschlichen Gesetze ab und richteten sich nur nach dem Wort Gottes. Das Leben in Tabor glich einer grossen Komune, in der es kein Privateigentum gab und keine gesellschaftlichen Unterschiede der Mitglieder. Die Auffassungen und Bibelauslegungen der Taboriten mag sehr radikal gewesen sein, doch in ihrer Durchsetzung waren sie gemässigter als die Orebiten. Verhandlungen mit Kaiser Sigmund lehnten sie nicht völlig ab und konnten sich als autonomen Teil der römisch-katholischen Kirche vorstellen.

Knapp 20 Jahre lang dauerten die Hussitenkriege, in denen entweder die vereinten hussitischen Strömungen gemeinsam gegen Feinde von aussen vorgingen, oder aber, wenn keine Gefahr von aussen drohte, sich gegenseitig bekämpften. Zudem unternahm der radikale Flügel regelrechte Kriegszüge über die Grenzen Böhmens hinaus, zunächst nach Schlesien und die Lausitzen, bald aber auch nach Thüringen, in die Oberpfalz, nach Niderösterreich und sogar bis an die Ostsee. Diese hatten nicht nur den Zweck, die dortige Bevölkerung im Sinne des Hussitentums zu missionieren, sondern dienten auch zur Versorgung der grossen Heeresgemeinde. Das hussitische Volksheer mit seinen neuen Kriegstechniken versetzte ganz Mitteleuropa und die katholische Welt in Angst und Schrecken. Kein Wunder also, dass der deutsche Kaiser Sigmund verzweifelt eine Lösung des Konfliktes suchte. Da die Kreuzfahrerheere stets den Hussitischen Kriegern unterlagen, kam nur eine Verhandlungslösung in Frage. 1431 lud schliesslich Sigmund zu einem Konzil nach Basel ein.

Eine hussitische Delegation, bestehend aus Orebiten, Taboriten und den gemässigten Pragern nahm die Einladung an. Insgeheim hoffte sie wohl, endlich den Rest der Christenheit von der Richtigkeit der vier Prager Artikel überzeugen zu können. Anfang 1433 begannen dann die Verhandlungen in Basel. Bald war jedoch klar, dass die beiden Seiten äusserst gegensätzliche Aufassungen hatten und zum Nachgeben nicht bereit waren. Dennoch wurde weiterverhandelt, da nach rund 15 Jahren Krieg sich sowohl Katholiken als auch viele Hussiten nach ruhigeren Zeiten sehnten. Das grösste Problem stellte die Hauptforderung der Hussiten dar: sie verlangten, dass alle Bewohner der böhmischen Länder die vier Prager Artikel - dass heisst die Kelchkommunion, die Freiheit der Predigt, die Armut der Priester sowie die Bestrafung der Sünden - anerkennen sollten, also auch die Katholiken. Dies war für diese natürlich unannehmbar. Und in dieser Situation kam es am 30. Mai 1434 zur Schlacht von Lipany.

Die Orebiten und Taboriten waren gegen ein Nachgeben und eine Kompromislösung und hatten bereits begonnen, gegen katholische böhmische Städte in den Kampf zu ziehen. Die gemässigten Hussiten dagegen sehnten sich nach Frieden und einer Beendigung des Kriegszustandes und waren zu Kompromissen bereit. Am 30. Mai 1434 standen sich rund 18.000 Orebiten sowie Taboriten knapp 25.000 gemässigten hussitischen Kämpfern gegenüber. Dank ihrer Übermacht siegten die Gemässigten. Die Heerführer der Radikalen fielen bei der Schlacht, so dass sich die Orebiten und Taboriten mehr oder wenig auflösten - damit war der Weg frei zu Verhandlungen und einem Kompromiss, der den Böhmischen Ländern endlich wieder Frieden bringen sollte.

Nach weiteren Verhandlungen, die sich einige Monate hinstreckten, wurden 1436 die sog. Basler Kompaktaten angenommen, ein Kompromiss, mit dem beide Seiten zufrieden sein konnten. Die vier Prager Artikel wurden akzeptiert, aber von der katholischen Kirche mit Zusätzen und Einschränkungen versehen. Nach der Niederlage des radikalen Flügels der Hussitenbewegung und der allgemeinen Anerkennung der Prager Artikel kehrte in den Böhmischen Ländern wieder Frieden ein. Die Kelchkommunion in den Böhmischen Ländern wurde von Rom geduldet, die durchgeführte Kirchenenteignung anerkannt. Dies bedeutete, dass in den böhmischen Ländern die katholische Kirche an Einfluss verloren hatte und sich Adelige und Städte an dem enteigneten Kircheneigentum bereichterten. Endlich konnte auch der deutsche Kaiser Sigmund den böhmischen Thron besteigen. Nach dem Tode seines Bruders Wenzels IV. 1419 war der Königsthron in Prag leer geblieben, da die Hussiten eine Krönung Sigmunds verhindert hatten.


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