KAPITEL AUS DER TSCHECHISCHEN GESCHICHTE 1 MAI, 1999

[ 17 April ] [ 3 April ]

Schlesien nach 1938

Am 15. März jährte sich zum 60. Male der Tag, an dem 1939 das Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen wurde. Ganz genau genommen hätte es Protektorat Böhmen, Mähren und Schlesien heissen müssen, denn ein ganz kleiner Zipfel des zuvor zur Tschechoslowakei gehörenden Schlesiens war Bestandteil des Protektorats. Über die Aufteilung des tschechischen Schlesiens in den Jahren 1938 bis 1945 gibt im heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte der Historiker Mecislav Borak vom historischen Insitut in Opava-Troppau Auskunft.
Dass in der Tschechischen Republik Böhmen und Mähren liegen, wissen die meisten, weniger bekannt ist allerdings das dritte historische Land: Schlesien. Dies mag daran liegen, dass es das kleinste ist und unter der 40jährigen Regierung der Kommunisten die Bezeichnung "Schlesien" offiziell nicht existierte. Es gab nur einen nordmährischen Kreis, zu dem das grösste Gebiet des in der Tschechoslowakei liegenden Schlesiens gehörte. Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhundert gehörte das gesamte Schlesien noch zum Habsburger Reich. Dann allerdings verloren die Österreicher in mehreren Schlachten und Kriegen gegen die Preussen und der grösste Teil Schlesiens fiel an Preussen. Ein kleiner Teil jedoch verblieb im Habsburger Reich.

Im Habsburger Teil Schlesiens lebten überwiegend Deutsche, viele Städte und Dörfer waren 100 prozentig deutsch. Doch auch Tschechen und Polen waren hier zu Hause, so dass nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die neuenstandenen Staaten Polen und Tschechoslowakei sowie das Deutsche Reich gleichzeitig Ansprüche auf einige Gebiete des Habsburger Schlesiens erhoben.

Ein besonderer Fall war das sog. Hultschiner Ländchen, das vor dem Krieg zum Deutschen Reich gehört hatte. Dieses musste das Deutsche Reich 1920 an die Tschechoslowakei abtreten. Als sich den Deutschen nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 die Gelegenheit bot, den Landstrich mit rund 50.000 Einwohnern zurückzubekommen, zögerten sie nicht lange, besetzten sogleich das Hultschiner Ländchen und gliederten es direkt dem Altreich ein.

Der grösste Teil des zur Tschechoslowakei gehörenden Schlesiens zwischen Opava-Troppau und Bruntal/ Jesenik -Freudenthal/Freiwaldau wurde nach dem Münchner Abkommen dem sudetendeutschen Gau eingegliedert. Ca 80 Prozent der hiesigen Bevölkerung war deutsch. Am kompliziertesten war die Situation des Teschener Gebietes:

Um das ehemalige Herzogtum Teschen hatten sich bereits kurz nach Kriegsende 1918 die neuentstandenen Staaten Polen und Tschechoslowakei gestritten. Dabei ging es in erster Linie um die Kohlengruben und die sonstigen wirtschaftlichen Vorteile des Gebietes. Nach einem kurzen tschechoslowakisch-polnischen Krieg im Frühjahr 1919 teilte eine internationale Kommission das Teschener Herzogtum zwischen den beiden Staaten auf. An die Tschechen ging dabei der grössere Teil mit den Kohlegruben.

Während der Zwischenkriegszeit beruhigte sich die Lage im Teschener Gebiet, doch in den 30er Jahren verschärfte sich der Konflikt zwischen den hiesiegen Tschechen und Polen erneut. Letztere nutzten im September 1938 die Gunst der Stunde und forderten nach dem Münchner Abkommen die sofortige Herausgabe des tschechischen Gebiets von Teschen. Den Tschechen blieb angesichts der Situation nichts anderes übrig, als nachzugeben. Nach dem Anschluss an Polen verliessen tausende von Tschechen das Gebiet, insgesamt sollen es rund 30.000 gewesen sein. Als am 15. März 1939 das Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen wurde, war das Teschener Gebiet Bestandteil Polens. Dies änderte sich jedoch am 1. September 1939. Am ersten Tag des Zweiten Weltkrieges marschierten deutsche Truppen in Teschen ein. Über das Schicksal des Teschener Gebietes nach dem 1. September 1938 sagt der Historiker Mecislav Borak:

"Nach der polnischen Konfiskation wurde Teschen mit dem schon vorher polnischen Teil des Gebiets in einem Okkupationskreis vereinigt. Dieser hatte seinen Verwaltungssitz in Katowitz und gehörte zuerst zur Deutschen Provinz Schlesien mit Sitz in Breslau und ab ca. Frühjahr 1941 zur oberschlesischen Reichsprovinz. Ein kleiner Teil des Teschener Schlesiens, der südlich von Ostrava- Schlesisch Ostrau lag, gehörte jedoch zum Protektorat. Dass heisst, auf dem Gebiet Schlesiens existierten vier völlig verschiedene Gebiete, in denen verschiedene Gesetze galten, andere Massnahmen der Germanisierung erfolgten und ein anderes Strafrecht galt."

Das ehemalige Gebiet des tschechoslowakischen Schlesiens war also zum 1. September 1939 in vier Teile aufgeteilt: das Hultschiner Ländchen war im September 1938 direkt dem Altreich eingegliedert worden, ein grosser Teil Schlesiens war seit dieser Zeit Bestandteil des Sudetengaus, das Teschener Gebiet gehörte zum Teil seit dem 1. September 1939 zur Reichsprovinz Schlesien und zum kleineren Teil zum Protektorat.

Die rechtliche Stellung der Tschechen war in den vier Gebieten Schlesiens recht unterschiedlich. Über die einzelnen Bedingungen sagt Mecislav Borak folgendes:

"Im Protektorat haben die Bewohner die Protektroratsangehörigkeit gehabt und die Deutschen die deutsche Staatsangehörigkeit, Unter gewissen Umständen konnten sie auch Tschechen erhalten. Im Sudetengebiet war dies dagegen in einem Abkommen zwischen der Tschechoslowakei und dem Deutschen Reich noch aus dem Jahre 1938 geregelt. Demzufolge erhielten alle Bewohner, die dort länger als 20 Jahre gelebt haben, automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft, falls sie sich nicht entschieden für die tschechische zu optieren. Es gab genug Tschechen die sich dafür entschieden, die mussten dann aber das Gebiet verlassen. Hier blieben ca. 20 Prozent Tschechen, vor allem im Gebiet um Opava-Troppau gab es rein tschechische Dörfer, weniger waren es bei Bruntal und Jesenik. Insgesamt meldeten sich in Schlesien mehr Tschechen als in anderen nach 1938 abgetretenen Gebieten."

"Im Hultschiner Ländchen war es am schlimmsten, weil es direkt dem Deutschen Reich eingeglidert wurde, dass heisst alle Bewohner erhielten automatisch die Reichsbürgerschaft. Die Deutschen behaupteten, dass hier keine Tschechen leben. Bei einer Volkszählung gaben aber 5 Prozent an, Tschechen zu sein, die hatten aber trotzdem automatisch die Reichsbürgerschaft."

Spezifisch war die Situation im Teschener Gebiet, in dem 65 Prozent der Bevölkerung Tschechen und 24 Prozent Polen waren und nur knapp 7 Prozent Deutsche. Da dieses insbesondere für die deutsche Kriegswirtschaft von grosser Bedeutung war, wählte man eine besondere Art der Germanisierung, die sog. Volkslisten. Diese wurden auch in Oberschlesien und anderen Gebieten Polens, die nicht zum Generalgouverment gehörten, eingeführt.

"Das war die grösste Germanisierungsaktion in Europa und bedeutete, dass man der Bevölkerung die Möglichkeit gab, eine Art Zwischenstufe zum Deutschtum zu wählen. Hier bei uns war es das "Slezanstvi"- die schlesische Nationalität, weil die Bevölkerung "po nasemu" - "Wie wir" - redete, das war weder Tschechisch noch Polnisch."

"Die meisten Bewohner sagten sich, zu den Deutschen werd ich mich nicht melden und zu den Polen und Tschechen auch nicht, weil sie uns dann unser Eigentum konfiszieren, also bin ich Schlesier. Die meisten Bewohner haben sich bei einer Volkszählung Ende 1939 als Schlesier bezeichnet."

1941 begann dann die Aktion Volksliste so richtig. Allen, die zuvor die schlesische Nationalität gewählt hatten, wurde mitgeteilt, dass sie eigentlich Deutsche seien und in die Volksliste eingeschrieben werden sollten. Diese erfasste alle Bewohner deutscher Nationalität und stellte so - unter anderem - Wehrpflichtige fest. So kam es, dass in den Reihen der Wehrmacht zumeist unfreiwillig tausende tschechische Soldaten kämpften. Während des Zweiten Weltkrieges fielen aus dem Teschener Gebiet 2.000 tschechische Soldaten. 70 Prozent der Bevölkerung in Teschen schrieb sich in die Volkslisten ein. Diejenigen, die weiterhin erklärten, Tschechen oder Polen zu sein, waren Verfolgungen ausgesetzt. Dutzende Familien, die sich weigerten, sich in die Volkslisten einzutragen, wurden in Konzentrationslager verschleppt. Für die polnische Bevölkerung wurden sog. Polenlager eingerichtet, die Konzentrationslagern glichen.

"Sie teilten die Bevölkerung, die sich zur Volksliste gemeldet hatte, in vier Kathegorien. Die ersten Gruppen waren die, die wirklich irgendwann deutsche Vorfahren gehabt haben. Die in der dritten Gruppe, in der rund 80 Prozent der Volksliste waren, das waren nie Deutsche gewesen, das waren Polen und Tschechen. Die hatten sich vor allem materielle Vorteile erhofft: sie verloren ihr Eigentum nicht, erhielten genauso viele Lebensmittelkarten wie die Deutschen, wurden nicht verfolgt, aber mit einem hatten sie nicht gerechnet: mit ihrer Einberufung zur deutschen Wehrmacht."

In den vier Gebieten Schlesiens waren die nationalen Rechte der Tschechen verschieden. Die Situation im Teschener Gebiet sieht Mecislav Borak wie folgt:

"Hier war es am besten, was die nationalen Rechte betrifft, dass heisst, hier gab es Schulen, Vereine usw. auch wenn das natürlich in verschiedenen Zeiten Veränderungen durchmachte, der Terror herrschte hier natürlich auch wie überall sonst. Am schwersten hatten es die Tschechen im Hultschiner Ländchen, die es den Deutschen zufolge offiziell gar nicht gab. Im Sudetengebiet hatten die Tschechen auch gewisse Rechte, wie z.B. auf Schulen, wenn auch nur Grundschulen, aber je länger der Krieg dauerte, desto mehr wurden diese Rechte beschnitten, desto weniger tschechische Schulen existierten. Mit der Zeit wurden jegliche tschechische nationale Äusserungen immer strikter bestraft."

Zum Abschluss unseres heutigen Geschichtskapitels sei noch zu bemerken, dass es den Tschechen im Teschener Gebiet im allgemeinen besser erging als den Polen. Diese erhielten weniger Lebensmittelkarten, niedrigere Löhne und wurden bei gleichen Vergehen zu höheren Strafen verurteilt. Da die Teschener Polen sehr aktiv im Widerstand waren, entbrannte nach Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen Polen und der Tschechoslowakei erneut eine Auseinandersetzung darüber, zu welchem Land das Teschener Gebiet gehören soll. Nach dem Krieg wurde es ebenso wie das Hultschiner Ländchen erneut der Tschechchoslowakei zugesprochen, doch dies könnte Thema eines neuen Geschichtskapitels sein.


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