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17 April
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3 April
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Schlesien nach 1938
Am 15. März jährte sich zum 60. Male der Tag, an dem 1939
das Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen wurde. Ganz
genau genommen hätte es Protektorat Böhmen, Mähren und
Schlesien heissen müssen, denn ein ganz kleiner Zipfel des
zuvor zur Tschechoslowakei gehörenden Schlesiens war
Bestandteil des Protektorats. Über die Aufteilung des
tschechischen Schlesiens in den Jahren 1938 bis 1945 gibt im
heutigen Kapitel aus der tschechischen Geschichte der
Historiker Mecislav Borak vom historischen Insitut in
Opava-Troppau Auskunft.
Dass in der Tschechischen Republik Böhmen und Mähren liegen,
wissen die meisten, weniger bekannt ist allerdings das
dritte historische Land: Schlesien. Dies mag daran liegen,
dass es das kleinste ist und unter der 40jährigen Regierung
der Kommunisten die Bezeichnung "Schlesien" offiziell nicht
existierte. Es gab nur einen nordmährischen Kreis, zu dem
das grösste Gebiet des in der Tschechoslowakei liegenden
Schlesiens gehörte. Bis in die zweite Hälfte des 18.
Jahrhundert gehörte das gesamte Schlesien noch zum
Habsburger Reich. Dann allerdings verloren die Österreicher
in mehreren Schlachten und Kriegen gegen die Preussen und
der grösste Teil Schlesiens fiel an Preussen. Ein kleiner
Teil jedoch verblieb im Habsburger Reich.
Im Habsburger Teil Schlesiens lebten überwiegend Deutsche,
viele Städte und Dörfer waren 100 prozentig deutsch. Doch
auch Tschechen und Polen waren hier zu Hause, so dass nach
dem Ende des Ersten Weltkriegs die neuenstandenen Staaten
Polen und Tschechoslowakei sowie das Deutsche Reich
gleichzeitig Ansprüche auf einige Gebiete des Habsburger
Schlesiens erhoben.
Ein besonderer Fall war das sog. Hultschiner Ländchen, das
vor dem Krieg zum Deutschen Reich gehört hatte. Dieses
musste das Deutsche Reich 1920 an die Tschechoslowakei
abtreten. Als sich den Deutschen nach dem Münchner Abkommen
vom September 1938 die Gelegenheit bot, den Landstrich mit
rund 50.000 Einwohnern zurückzubekommen, zögerten sie nicht
lange, besetzten sogleich das Hultschiner Ländchen und
gliederten es direkt dem Altreich ein.
Der grösste Teil des zur Tschechoslowakei gehörenden
Schlesiens zwischen Opava-Troppau und Bruntal/ Jesenik
-Freudenthal/Freiwaldau wurde nach dem Münchner Abkommen dem
sudetendeutschen Gau eingegliedert. Ca 80 Prozent der
hiesigen Bevölkerung war deutsch. Am kompliziertesten war
die Situation des Teschener Gebietes:
Um das ehemalige Herzogtum Teschen hatten sich bereits kurz
nach Kriegsende 1918 die neuentstandenen Staaten Polen und
Tschechoslowakei gestritten. Dabei ging es in erster Linie
um die Kohlengruben und die sonstigen wirtschaftlichen
Vorteile des Gebietes. Nach einem kurzen
tschechoslowakisch-polnischen Krieg im Frühjahr 1919 teilte
eine internationale Kommission das Teschener Herzogtum
zwischen den beiden Staaten auf. An die Tschechen ging dabei
der grössere Teil mit den Kohlegruben.
Während der Zwischenkriegszeit beruhigte sich die Lage im
Teschener Gebiet, doch in den 30er Jahren verschärfte sich
der Konflikt zwischen den hiesiegen Tschechen und Polen
erneut. Letztere nutzten im September 1938 die Gunst der
Stunde und forderten nach dem Münchner Abkommen die
sofortige Herausgabe des tschechischen Gebiets von Teschen.
Den Tschechen blieb angesichts der Situation nichts anderes
übrig, als nachzugeben. Nach dem Anschluss an Polen
verliessen tausende von Tschechen das Gebiet, insgesamt
sollen es rund 30.000 gewesen sein. Als am 15. März 1939 das
Protektorat Böhmen und Mähren ausgerufen wurde, war das
Teschener Gebiet Bestandteil Polens. Dies änderte sich
jedoch am 1. September 1939. Am ersten Tag des Zweiten
Weltkrieges marschierten deutsche Truppen in Teschen ein.
Über das Schicksal des Teschener Gebietes nach dem 1.
September 1938 sagt der Historiker Mecislav Borak:
"Nach der polnischen Konfiskation wurde Teschen mit dem
schon vorher polnischen Teil des Gebiets in einem
Okkupationskreis vereinigt. Dieser hatte seinen
Verwaltungssitz in Katowitz und gehörte zuerst zur Deutschen
Provinz Schlesien mit Sitz in Breslau und ab ca. Frühjahr
1941 zur oberschlesischen Reichsprovinz. Ein kleiner Teil
des Teschener Schlesiens, der südlich von Ostrava-
Schlesisch Ostrau lag, gehörte jedoch zum Protektorat. Dass
heisst, auf dem Gebiet Schlesiens existierten vier völlig
verschiedene Gebiete, in denen verschiedene Gesetze galten,
andere Massnahmen der Germanisierung erfolgten und ein
anderes Strafrecht galt."
Das ehemalige Gebiet des tschechoslowakischen Schlesiens war
also zum 1. September 1939 in vier Teile aufgeteilt: das
Hultschiner Ländchen war im September 1938 direkt dem
Altreich eingegliedert worden, ein grosser Teil Schlesiens
war seit dieser Zeit Bestandteil des Sudetengaus, das
Teschener Gebiet gehörte zum Teil seit dem 1. September
1939 zur Reichsprovinz Schlesien und zum kleineren Teil zum
Protektorat.
Die rechtliche Stellung der Tschechen war in den vier
Gebieten Schlesiens recht unterschiedlich. Über die
einzelnen Bedingungen sagt Mecislav Borak folgendes:
"Im Protektorat haben die Bewohner die
Protektroratsangehörigkeit gehabt und die Deutschen die
deutsche Staatsangehörigkeit, Unter gewissen Umständen
konnten sie auch Tschechen erhalten. Im Sudetengebiet war
dies dagegen in einem Abkommen zwischen der Tschechoslowakei
und dem Deutschen Reich noch aus dem Jahre 1938 geregelt.
Demzufolge erhielten alle Bewohner, die dort länger als 20
Jahre gelebt haben, automatisch die deutsche
Staatsbürgerschaft, falls sie sich nicht entschieden für die
tschechische zu optieren. Es gab genug Tschechen die sich
dafür entschieden, die mussten dann aber das Gebiet
verlassen. Hier blieben ca. 20 Prozent Tschechen, vor allem
im Gebiet um Opava-Troppau gab es rein tschechische Dörfer,
weniger waren es bei Bruntal und Jesenik. Insgesamt meldeten
sich in Schlesien mehr Tschechen als in anderen nach 1938
abgetretenen Gebieten."
"Im Hultschiner Ländchen war es am schlimmsten, weil es
direkt dem Deutschen Reich eingeglidert wurde, dass heisst
alle Bewohner erhielten automatisch die Reichsbürgerschaft.
Die Deutschen behaupteten, dass hier keine Tschechen leben.
Bei einer Volkszählung gaben aber 5 Prozent an, Tschechen zu
sein, die hatten aber trotzdem automatisch die
Reichsbürgerschaft."
Spezifisch war die Situation im Teschener Gebiet, in dem 65
Prozent der Bevölkerung Tschechen und 24 Prozent Polen waren
und nur knapp 7 Prozent Deutsche. Da dieses insbesondere für
die deutsche Kriegswirtschaft von grosser Bedeutung war,
wählte man eine besondere Art der Germanisierung, die sog.
Volkslisten. Diese wurden auch in Oberschlesien und anderen
Gebieten Polens, die nicht zum Generalgouverment gehörten,
eingeführt.
"Das war die grösste Germanisierungsaktion in Europa und
bedeutete, dass man der Bevölkerung die Möglichkeit gab,
eine Art Zwischenstufe zum Deutschtum zu wählen. Hier bei
uns war es das "Slezanstvi"- die schlesische Nationalität,
weil die Bevölkerung "po nasemu" - "Wie wir" - redete, das
war weder Tschechisch noch Polnisch."
"Die meisten Bewohner sagten sich, zu den Deutschen werd ich
mich nicht melden und zu den Polen und Tschechen auch nicht,
weil sie uns dann unser Eigentum konfiszieren, also bin ich
Schlesier. Die meisten Bewohner haben sich bei einer
Volkszählung Ende 1939 als Schlesier bezeichnet."
1941 begann dann die Aktion Volksliste so richtig. Allen,
die zuvor die schlesische Nationalität gewählt hatten, wurde
mitgeteilt, dass sie eigentlich Deutsche seien und in die
Volksliste eingeschrieben werden sollten. Diese erfasste
alle Bewohner deutscher Nationalität und stellte so - unter
anderem - Wehrpflichtige fest. So kam es, dass in den Reihen
der Wehrmacht zumeist unfreiwillig tausende tschechische
Soldaten kämpften. Während des Zweiten Weltkrieges fielen
aus dem Teschener Gebiet 2.000 tschechische Soldaten. 70
Prozent der Bevölkerung in Teschen schrieb sich in die
Volkslisten ein. Diejenigen, die weiterhin erklärten,
Tschechen oder Polen zu sein, waren Verfolgungen ausgesetzt.
Dutzende Familien, die sich weigerten, sich in die
Volkslisten einzutragen, wurden in Konzentrationslager
verschleppt. Für die polnische Bevölkerung wurden sog.
Polenlager eingerichtet, die Konzentrationslagern glichen.
"Sie teilten die Bevölkerung, die sich zur Volksliste
gemeldet hatte, in vier Kathegorien. Die ersten Gruppen
waren die, die wirklich irgendwann deutsche Vorfahren gehabt
haben. Die in der dritten Gruppe, in der rund 80 Prozent der
Volksliste waren, das waren nie Deutsche gewesen, das waren
Polen und Tschechen. Die hatten sich vor allem materielle
Vorteile erhofft: sie verloren ihr Eigentum nicht, erhielten
genauso viele Lebensmittelkarten wie die Deutschen, wurden
nicht verfolgt, aber mit einem hatten sie nicht gerechnet:
mit ihrer Einberufung zur deutschen Wehrmacht."
In den vier Gebieten Schlesiens waren die nationalen Rechte
der Tschechen verschieden. Die Situation im Teschener Gebiet
sieht Mecislav Borak wie folgt:
"Hier war es am besten, was die nationalen Rechte betrifft,
dass heisst, hier gab es Schulen, Vereine usw. auch wenn das
natürlich in verschiedenen Zeiten Veränderungen durchmachte,
der Terror herrschte hier natürlich auch wie überall sonst.
Am schwersten hatten es die Tschechen im Hultschiner
Ländchen, die es den Deutschen zufolge offiziell gar nicht
gab. Im Sudetengebiet hatten die Tschechen auch gewisse
Rechte, wie z.B. auf Schulen, wenn auch nur Grundschulen,
aber je länger der Krieg dauerte, desto mehr wurden diese
Rechte beschnitten, desto weniger tschechische Schulen
existierten. Mit der Zeit wurden jegliche tschechische
nationale Äusserungen immer strikter bestraft."
Zum Abschluss unseres heutigen Geschichtskapitels sei noch
zu bemerken, dass es den Tschechen im Teschener Gebiet im
allgemeinen besser erging als den Polen. Diese erhielten
weniger Lebensmittelkarten, niedrigere Löhne und wurden bei
gleichen Vergehen zu höheren Strafen verurteilt. Da die
Teschener Polen sehr aktiv im Widerstand waren, entbrannte
nach Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen Polen und der
Tschechoslowakei erneut eine Auseinandersetzung darüber, zu
welchem Land das Teschener Gebiet gehören soll. Nach dem
Krieg wurde es ebenso wie das Hultschiner Ländchen erneut
der Tschechchoslowakei zugesprochen, doch dies könnte Thema
eines neuen Geschichtskapitels sein.
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