Architekt Ackermann: „Ich bin ein Prager“

20-02-2020

Thomas Ackermann ist Architekt von Beruf. Der gebürtige Bayer lebt und arbeitet seit den 1990er Jahren in Prag. Martina Schneibergová hat mit ihm über seine Beziehung zu Tschechien, seine Lieblings-Ausflugsziele in Böhmen sowie die spannenden Seiten seiner Arbeit gesprochen. Dazu hat sie Thomas Ackermann in seinem Büro im siebten Prager Stadtbezirk getroffen.

Thomas Ackermann (Foto: Martina Schneibergová)Thomas Ackermann (Foto: Martina Schneibergová)

Prag (Foto: gavia26210, Pixabay / CC0)Prag (Foto: gavia26210, Pixabay / CC0) Herr Ackermann, wie lange leben und arbeiten Sie bereits in Prag?

„Ich bin seit 1993 hier. Wenn ich das zusammenzähle, werden es jetzt 27 Jahre.“

Hatten Sie einen besonderen Grund, nach Prag zu ziehen?

„Da gibt es eigentlich zwei Gründe. Zum einen war 1993 eine Phase in meinem Leben, wo ich die Dinge so ändern wollte, wie es wahrscheinlich jeder in seinem Leben macht. Es war ein Zufall, dass per Annonce ein Architekt in Prag gesucht wurde. Ich habe mich beworben und die Stelle bekommen. Und es gibt einen zweiten Grund: Es gibt eine Familienbeziehung nach Mähren, denn meine Mutter stammt von dort.“

Wie waren Ihre Anfänge in Prag? War es nicht schwierig, sich an die neuen Bedingungen zu gewöhnen?

Illustrationsfoto: Dezidor, Wikimedia Commons, CC BY 3.0Illustrationsfoto: Dezidor, Wikimedia Commons, CC BY 3.0 „Ich stamme aus Bayern, ich komme aus dem vorderen Bayerischen Wald, aus der Gegend zwischen Regensburg und Domažlice oder Taus. Es war kein so gewaltiger Schritt, weil die räumliche Entfernung wirklich nicht groß ist.“

Sie lebten nicht weit entfernt von der tschechoslowakischen Grenze. Haben Sie vielleicht eine Erinnerung aus der Kindheit an die Zeit vor der Wende?

„Ja, das gibt es eine schöne Kindheitserinnerung. Ich bin mit dem Zug zur Schule gefahren, weil in unserer Kleinstadt kein Gymnasium war und da mussten wir in die Kreisstadt fahren. Wir nannten den Zug der ,Prager‘. Das war der Schnellzug, der aus Prag nach Nürnberg fuhr. Es waren alte Waggons, und über den Sesseln in den Abteilen hingen Schwarzweißfotografien. Wir haben die immer bewundert und gedacht, das seien irgendwelche alte Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert. Wenn man ja genauer hingeschaut hat, hat man gesehen, dass auf den Fotos auch Autos zu sehen waren, die auf den Markplätzen standen. Das war für uns wie Bilder aus einer anderen Welt, aber im positiven Sinn. Wir fanden es hoch interessant und fast aufregend. Das ist eine Erinnerung aus der Schulzeit, aus den 1980er Jahren.“

Thomas Ackermann (Foto: Martina Schneibergová)Thomas Ackermann (Foto: Martina Schneibergová) Haben Sie Prag schon vor der Wende besucht oder erst in den 1990er Jahren?

„Ja, schon vor der Wende. Ich war bestimmt dreimal in Prag, ich glaube in den Jahren 1984 bis 1986. Und zudem war ich im Dezember 1989 in Prag, als Václav Havel zum Staatspräsidenten gewählt wurde. Ich erinnere mich noch an die Plakate ,Havel na Hrad!‘, die auf das Podest des Wenzelsdenkmals geklebt waren. Die Stimmung war wahnsinnig berauschend.“

Sie arbeiten als Architekt. Wir sitzen gerade in Ihrem Büro, das sich in einem Stadtteil befindet, der früher „Klein-Berlin“ genannt wurde. Ist das ein Zufall?

Gaststätte ,Zum Klein-Berlin‘ (Foto: Google Street View)Gaststätte ,Zum Klein-Berlin‘ (Foto: Google Street View) „Ja, das ist ein Zufall. Das habe ich auch erst später festgestellt, nachdem ich mir die Räume ausgesucht und gekauft habe. Später haben wir gesehen, dass es in der Nähe eine Gaststätte gibt, die ,Zum Klein-Berlin‘ heißt.“

Haben Sie tschechische Mitarbeiter oder kommen Ihre Kollegen auch aus anderen Ländern?

„Ich habe lauter tschechische Mitarbeiter, alles sehr liebe Leute. Ich bin zufrieden, denn wir haben ein sehr gutes Team. Wir hatten auch Anfragen wegen einem Praktikanten aus Deutschland. Da er aber die Sprache nicht beherrschte, war alles schwieriger. Die Grundvoraussetzung ist die Sprache.“

Sie sprechen aber perfekt tschechisch. Wie haben Sie es gelernt?

„Ich habe Tschechisch zuerst in der Sprachenschule gelernt, die sich in der Národní (Nationalstraße, Anm. d. Red.) befand. Später ging ich zu einem älteren Professor, bei dem ich Privatunterricht hatte.“

,Buchtičky‘ mit Vanillesoße (Foto: Palickap, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0),Buchtičky‘ mit Vanillesoße (Foto: Palickap, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0) Was haben die Tschechen und die Bayern gemeinsam?

„Auf alle Fälle die Küche, denke ich. Das Essen, das Trinken und natürlich das Bier auch den Schnaps.“

Gibt es eine tschechische Spezialität, die Sie besonders mögen?

„Ich liebe ,buchtičky‘ mit Vanillesoße. Das kenne ich auch von zu Hause. Meine Mutter hat das von der Oma übernommen. Das ist ein super Gericht.“

Haben Sie noch Kontakte nach Mähren? Leben dort vielleicht noch Verwandte oder Bekannte von Ihnen oder ist das schon allzu lange her?

Böhmisches Paradies (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)Böhmisches Paradies (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International) „Ja, es ist schon allzu lange her. Wir haben dort keine Verwandtschaft, mit der wir in Kontakt stünden. Ich habe einmal eine lustige Szene erlebt: Ich war in einer Bank in Prag, und die Dame am Schalter hatte ein Namenschildchen und darauf stand der Mädchenname meiner Mutter. Ich habe sie gefragt, ob sie aus der Umgebung der Stadt kommt, aus der meine Mutter stammt. Sie hatte es bejaht. Ich habe ihr gesagt, dass meine Mutter so geheißen hatte. Und da meinte sie: ,Da sind wir bestimmt verwandt.‘ Wir haben es aber nicht mehr weiter verfolgt.“

Während der Jahre haben Sie Tschechien zweifelsohne gut kennengelernt. Haben Sie besonders Orte und Regionen, die Sie besonders gerne mögen?

„Es ist interessant, aber von Prag aus mache ich lieber Ausflüge in den Norden: ins Böhmische Mittelgebirge oder ins Böhmische Paradies, weil ich es landschaftlich wunderschön finde und weil es dort herrliche Orte gibt. Der Süden angrenzend an Prag zieht mich weniger an. Natürlich, zum Baden fährt man nach Slapy, das schon. Wenn ich aber wandern will, geht es eher Richtung Norden. Für mehrere Tage fahre ich dann nach Šumava (Böhmerwald, Anm. d. Red.). Litomyšl ist auch schön oder wenn ich mehr Zeit habe, besuche ich Olmütz und die dortige Gegend.“

Gehen Sie in Prag ins Theater?

Vinohradské divadlo (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International)Vinohradské divadlo (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prague International) „Ja, sehr gern. Das Kulturangebot hier ist unglaublich breit gefächert: von den kleinsten Theatern bis zu den Konzerten. Ich nutze es sehr gern, wenn es die Arbeit zulässt. Da ich mit dem Tschechischen einigermaßen klarkomme, besuche ich auch das Schauspiel, beispielsweise das Vinohradské divadlo. Die tschechisch-sprachigen Bühnen sind toll. Ich bin sehr begeistert davon und glaube, es gibt wenig Städte, die so ein umfassendes schönes Kulturangebot haben.“

Vermissen Sie hierzulande etwas im Vergleich mit Bayern?

„Ja, ich vermisse meine bayerischen Freunde und meine Familie. Ich fahre jedoch öfter nach Bayern, das ist kein Problem.“

Gibt es in Tschechien einen Ort, den Sie noch nicht kennen, den Sie jedoch gern besuchen würden?

Rudolfinum (Foto: Klára Stejskalová)Rudolfinum (Foto: Klára Stejskalová) „Eigentlich nicht. Da ich wegen meiner Bauprojekte überall rumkomme, kenne ich verhältnismäßig viel. Ich war auch mehrmals in Ostrava, in Frýdek-Místek und anderswo. Wenn ich Rast oder Pause mache, suche ich mir ein schönes kleines Café. So gibt es unter anderem in Mohelnice ein Café, das ich gern besuche und das ich empfehlen kann.“

Welchen Bau in Prag bewundern Sie als Architekt?

„Das Rudolfinum. Es ist ein gelungenes Bauwerk.

Fühlen Sie sich heutzutage schon als ein Prager?

„Ja, bestimmt. Ich bin hier zu Hause. Da spielen nicht nur die 27 Jahre eine Rolle, sondern auch das Gefühl, hier zu Hause zu sein, hierher zu gehören. Ich würde sagen, ich bin ein Pražák.“

20-02-2020