17. November 1989 - Augenzeugen erinnern sich
Vor genau zehn Jahren - am 17. November 1989 - wurden in der Tschechoslowakei die Protestaktionen gestartet, die schließlich zum Zusammenbruch des kommunistischen Regimes geführt hatten. In den folgenden Minuten möchten wir gemeinsam mit mehreren Augenzeugen an die Ereignisse des Novembers 1989 erinnern. Zu dieser Sondersendung von Radio Prag begrüsst Sie Danilo Höpfner.
Damals schien es, dass es in der Tschechoslowakei tatsächlich höchste Zeit für eine Wende war. In Polen waren schon im Frühjahr die ersten freien Wahlen durchgeführt, Ungarn hatte bereits im Sommer seine Grenze zu Österreich geöffnet, und die Berliner Mauer wurde soeben niedergerissen. Der letzte Tropfen, der in der Tschechoslowakei das Fass zum Überlaufen brachte, war die brutale Unterdrückung der Studentendemonstration am 17. November, in die sich die traditionelle Gedenkfeier für den 1939 erschossenen Studenten Jan Opletal verwandelt hatte. Als Reaktion auf den brutalen Polizeiangriff entschieden sich die Studenten und Schauspieler, einen Proteststreik auszurufen.
Da es in den offiziellen tschechoslowakischen Medien an objektiven Informationen mangelte, reisten die Studenten gemeinsam mit Theaterleuten in die Regionen, um die aktuelle Lage zu erklären und die Bevölkerung auch auf dem Lande zu informieren. Die Forderungen der Studenten wurden von dem neu entstandenen Bürgerforum unterstützt. In allen grösseren Städten fanden große Protestdemos statt, die zur Ausrufung eines Generalstreiks am 27. November führten.
ERINNERUNGEN DER EHEMALIGEN STUDENTEN
(von Marketa Maurova)
Die Erwartungen der Studenten, die sich vor 10 Jahren zu einer Gedenkfeier für
Jan Opletal auf dem Prager Albertov zusammengefunden hatten, waren unterschiedlich. Hören Sie die Erinnerungen der damaligen Journalistik-bzw. Philosophiestudenten Radomír Novák, Jan Udatný und Romana Mazerová:
"Ich hatte lediglich eine weitere von einer ganzen Reihe von Demonstrationen erwartet, die eigentlich vom August 88 an stattgefunden hatten. Mir war klar, dass es nicht in dem Viertel Albertov endet und dass es wahrscheinlich zu einem Zusammenstoß mit der Polizei kommt. Ich hatte aber nicht erwartet, dass am Ende eine ganze Menschenmenge, ohne jede Chance zu entkommen, verprügelt werden sollte."
"Ich muß gestehen, dass ich von Anfang an mehr erwartet hatte als nur einen Studentenumzug."
"Ich hatte überhaupt nichts erwartet. Ich kam aus einem kleinen Dorf nach Prag, und wusste nicht, was passiert."
Die Studenten kamen auf die Nationalstraße, wo sie ein brutaler Eingriff der Polizei erwartete:
"Wir passierten das Nationaltheater, wo uns die Schauspieler in Kostümen begrüßten, und bogen dann auf Narodnistraße. Dort hielt sich die Masse der Studenten auf, und man schrie uns an, wir sollen uns setzen. Unsere Gruppe war nicht in den ersten drei Reihen, und so haben wir die Polizisten erst später gesehen. Na, und dann setzte ein furchtbares Chaos ein, und wir vesruchten, so schnell wie möglich von hier weg zu kommen."
"Lange Zeit war nichts passiert, wir haben dort gesessen und hörten mit einer Frau Radio, wo die "Stimme Amerikas" gerade meldete, auf der Nationalstraße in Prag fände eine Demonstration statt."
"Dann geschah etwas, was ich nie zuvor erlebt hatte. Die Menschenmenge wurde dicht zusammengetrieben und musste Spießruten laufen, dort unter der Laube. Man wurde absolut willenlos von einer Straßenseite auf die andere katapultiert, je nachdem wie die Masse zusammengetrieben wurde. Zwei etwa 15-jährige Mädchen haben wir vor Schlägen schützen können. Ich selbst habe drei Schläge abbekommen."
Und was kam nach der Narodnistraße? Es folgte ein Wochenende voller Erwartungen.
"Daran erinnere ich mich besser als an die Demonstration, weil im Studentenwohnheim große Panik herrschte. Alle telephonierten nach Hause. Die Eltern wussten von nichts und waren überrascht, dass wir anriefen, um zu sagen, dass wir in Ordnung seien. Am 18. November fand ein Studententreffen im Theater DISK statt. Ein Streikausschuss wurde gebildet, weitere Aktionen wurden organisiert."
"Ich kam ziemlich hysterisch nach Hause, wo ich - schreiend und fast weinend - meinen Eltern erzählte, wass geschehen war. Erartet habe ich ncht viel, gerade in Folge der früheren Entwicklung. Am Sonntag dann rief mich eine Studentin der philosophischen Fakultät an, für Montag sei ein Hochschulstreik ausgerufen. Das hat mich wieder aufgemuntert."
"Am nächsten Tag fuhr ich nach Hause. Und während hier alles begann, ahnte ich von alledem nichts. Erst als ich am Sonntag abend zurückkam, habe ich mich Hals über Kopf in die Ereignisse hineingestürzt."
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